Quote für Primaten?
von Robin Royhs

„Was ist schöner als ein Sonntagmorgen“, denkt er, seufzt wohlig auf und nippt an seiner Kaffeetasse. 
Tatsächlich ist dies ein perfekter Morgen.  Ihm gegenüber sitzt die Beste aller Ehefrauen. Die gemeinsame Tochter stört nicht, sie hat bei den Großeltern übernachtet und nervt diese wahrscheinlich gerade mit ihrem übersprudelnden Bewegungsdrang und der Angewohnheit, schon am frühen Morgen laut und ungefiltert ihre Meinung kund zu tun. 
Also ist heute alles ruhig und behaglich. Er kann ungehindert der Natur lauschen, denn es ist ein warmer Tag, das Fenster zum Eßbereich steht speerangelweit offen. Die Vögel sitzen tirilierend auf den Zweigen, des Apfelbaumes, der im Sommer Schatten und im Herbst leckere Äpfel spendet. Er beschließt spontan, sich zu seinem nächsten Geburtstag ein schönes, treffsicheres Luftgewehr zu wünschen.
Er lächelt seine Frau an. Sie sitzt ihm gegenüber, beißt herzhaft in ihr Honigbrötchen und studiert die Todesanzeigen in der Tageszeitung. Die Zeitung erst einmal an dieser Stelle aufzuschlagen, das ist eine lieb gewordene Angewohnheit. An ihrem leisen Kichern erkennt er, dass sie jemand Bekanntes entdeckt hat.
„Wer ist es, Liebling?“, fragt er.
„Eva-Lotta Abort“, ist die Antwort. „Sie saß in der Grundschule neben mir. Ich musste sie abschreiben lassen, sonst hätte sie mich gehauen. Der Tod kam plötzlich und unerwartet …“, sie schnalzt mit der Zunge. „Das wird wohl ein Herzinfarkt gewesen sein, so fett, wie sie damals schon war."
Er schüttelt den Kopf. „Das sagt man aber nicht, meine Liebe. Politisch korrekt heißt es übergewichtig.“
Die beste Ehefrau mustert ihn kühlt über den Zeitungsrand hinweg. „Ah – sagt man das. Aber Eva – Lotta war echt fett.“
Er sagt lieber nichts, sondern vertieft sich weiter in den Wirtschaftsteil der Zeitung, wird aber vom Klingeln an der Haustür gestört. Er raschelt vernehmlich mit der Zeitung. „Gehst du? Ich muss mir die Aktienkurse genauer ansehen …“, murmelt er, registriert, dass seine Frau die Augen verdreht und sich in Richtung Haustür begibt. 
Kurz darauf kommt sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück. „Schnuckelhase, du solltest mal kommen“, trällert sie. „Die neuen Nachbarn sind an der Tür. Sie wollen sich vorstellen. Du kannst ruhig so bleiben. Die beiden sind echt taff“, kommentiert sie seinen Einwand, denn er trägt außer seinem gelb-weißen Borussen Bademantel nichts am Körper.
Taff – das ist er auch und begibt sich so wie er ist zur Haustür.
„Hallo, ich bin Karlo“, sagt der tätowierte Riese, der vor ihm aufragt. „Das“, er legt überraschend zart einen Arm um den kleines Männchen, das neben ihm steht, „das ist mein Mann. Armin heißt er.“
„Ne, wirklich?“, entfährt es ihm entgeistert. 
„Wollen Sie nicht hereinkommen“, sagt die beste Ehefrau. „Wir frühstücken gerade, einen Kaffee können Sie gern mittrinken.“

„Was machen Sie so?“, wendet sie sich an Armin, als alle am Esstisch sitzen.
„Einen Jodelkurs vielleicht“, denkt er, schweigt aber lieber. Stattdessen zieht er den Bademantel enger um sich. Ihm ist plötzlich ein wenig kühl. Zudem fühlt er sich nicht angemessen bekleidet. Nicht, dass er etwas gegen Schwule hätte. Aber in seiner Wohnung? Und er nackt im Bademantel? Was, wenn der Riese ihm die Hand auf den Oberschenkel legt … Er sitzt ziemlich nah neben ihm …Verstohlen mustert er Karlo. Groß, massig, Nasenhaare wie ein Waldgorilla. Armin dagegen ist zierlich, fast ein wenig feminin. Er nippt mit abgespreiztem Finger an seiner Kaffeetasse. 
„Ich bin Model“, sagt er. „Aber nicht was sie denken – ganz bieder.“
Alle lachen, während er vor sich hin gluckst. „Schwul und Model – wenn das nicht passt. Von wegen bieder“, denkt er. 
„Und da sind sie sich … näher gekommen … beim Modeln?“, fragt er betont harmlos.
„Nein, Karlo ist Wrestler. Wir sind sozusagen eine Sandkastenliebe“, ruft Armin aus und greift zu Karlos Pranke. Sie strahlen sich an, während die beste Ehefrau Wohlwollen ausstrahlt. 
Er guckt die Wand an. Dort hängt ein Portrait seiner Schwiegermutter. Guckt sie noch missbilligender als sonst? „Sandkastenliebe???“, denkt er. „Schwule Kitakinder? Die Welt ist schlecht. Was wird als nächstes kommen? Der Koran als Pflichtlektüre für bayerische Grundschulen? Bedingungsloses Grundeinkommen für alle?“
Seine Frau wendet sich an den Riesen mit der Nasenhaarwolle. „Und sie sind tatsächlich Wrestler? Wie interessant.“
„Das bin ich“, nickt der Yeti. 
„Erzählen sie dich mal“, legt sie nach.
Er zuppelt an seinem Bademantel, fragt sich, wie lange das Gespräch noch dauern soll. Wieder schweift sein Blick zum Bild der Schwiegermutter. Sie fixiert ihn definitiv strafender als sonst.
„Nun, es ist auf jeden Fall schön, dass die Menschen heute so aufgeschlossen uns Homosexuellen gegenüber sind“, erklärt Armin gerade.
„Stimmt, wenn ich an meinen Vater denke“, fügt Karlo hinzu.
Er grinst. „Ach, war der auch vom anderen Ufer, oder was?“
Gelächter folgt. Na ja, sein Gelächter. Die Anderen haben den Witz wohl nicht verstanden. Die beste Ehefrau schaut betreten in ihre Kaffeetasse und räuspert sich ziemlich laut. „Man müsste nicht nur eine Frauenquote haben, sondern auch eine Quote für Homosexuelle. Das denke ich schon lange“, sagt sie laut und schaut ihn auffordern an.
„Ja klar“, grinst der. „Und eine Quote für Primaten wäre nicht schlecht. Schimpansen in die Politik, das wäre doch mal ein Slogan.“ Es kommt ihm so vor, als würde die Schwiegermutter ihm von der Wand aus anerkennend zublinzeln.
„Haben Sie etwas gegen Homosexuelle?“, sagt Karlo leise und sieht dabei so aus, als würde er gern die Kaffeetasse an die Wand werfen.
„Keineswegs“, flötet er und lächelt diabolisch. „Sagen Sie mal, Karlo: Sie als Wrestler haben doch sicher einen Künstlernamen. Wie nennen Sie sich? Der warme Bruder? Oder Hinterlader?“

„Was haben Sie denn gemacht? Ringkampf mit einem Nashorn?“, fragt der diensthabende Arzt, während er die Platzwunde über seiner Stirn vernäht. 
„Woher wissen Sie das denn“, lacht die beste Ehefrau von allen. „Aber Sie sollten mal den Anderen sehen“, fügt sie mit einem Blick in sein verschwollenes Gesicht vorsichtshalber hinzu.



Technik 1960
von Robin Royhs

„Hey, machst du jetzt einen auf halbstark?“, grinste Heidrun breit, wobei ihr fast das Kaugummi aus dem Mund gefallen wäre.
Unbehaglich stellte Ottfried das Transistorradio, das er lässig auf der Schulter trug, auf dem kleinen Jägerzaun ab und fuhr sich mit der Hand über die Tolle, die er mit Fit in Form gebracht hatte. Jeder, der auf sich hielt, frisierte sich die Haare wie Elvis. Jedenfalls jeder, der einem Mädchen gefallen wollte.
Er zuckte betont gelangweilt mit den Schultern. „Mist, Batterien sind gerade leer geworden.“
Scharfe Braut, dachte er und musterte Heidrun möglichst unauffällig. Die knackig enge Jeans ließ erahnen, dass sie endlos lange Beine und einen hübschen Po hatte. Er überlegte, ob sie sich wohl mit der Hose in die Badewanne gesetzt hatte, damit sie so eng saß. Das war der neuste Trick, den auch er unbedingt einmal ausprobieren wollte. Die obersten Knöpfe ihrer Hemdbluse standen offen, was Ottfried wohlwollend auf ihren Busen schielen ließ.„Guck nicht so!“ Sie schien bemerkt zu haben, wohin er schaute und näselte an ihrem Ausschnitt, wobei sich noch ein Knopf öffnete. Sie schien es nicht zu sehen, denn sie machte keine Anstalten ihn wieder zu schließen.„Steht dir echt gut, das super Radio. Auch ohne Mucke“, erklärte sie und klimperte mit den Wimpern.„Ich nehme immer die neuesten Songs auf Kassette auf, mit Mikrofon. Das halte ich einfach vor den Lautsprecher.“
„Echt?“ Heidrun bekam glänzende Augen. „Hörst du auch immer die Diskothek im WDR?“
„Ja klar, da werden doch immer die neuesten Hits gespielt. Ein Problem ist, dass Mal ziemlich oft dazwischen quatscht. Da muss man schnell sein. Am besten den Finger immer auf der Pausentaste lassen.“
„Mal Sandock finde ich gut. Egal, ob er dazwischen quatscht oder nicht. Aber ich nehme nichts auf. Ich weiß gar nicht, wie das geht“, sagte Heidrun mit einem etwas theatralischen Seufzer. „Jedenfalls passt das Radio perfekt zu dir“, fügte sie hinzu.„Du siehst auch flott aus“, erklärte Ottfried schnell. Er wies auf die Stoffblume, die in ihrem Haar steckte. Eigentlich fand er sie etwas kitschig, aber das sagte er lieber nicht.
Heidrun strahlte. „Ja, flower power ist das. Das trägt man jetzt.“
Sie nahm das Kaugummi aus dem Mund und klebte es an den Jägerzaun.„Hey, Fräulein, was ist das für ein flegelhaftes Benehmen und du nimmst gefälligst das Radio von meinem Zaun, junger Mann“, ertönte es plötzlich energisch.Ottfried und Heidrun zuckten zusammen. Sie hatten den Besitzer der Stimme gar nicht wahrgenommen.„Kaugummi an den Zaun kleben, wo gibt es denn so etwas“, nörgelte Opa Küdde weiter. „Ein Benehmen hat die Jugend von heute.“„Das ist Wrigley’s Spearmint, aus Amerika und nicht einfach Kaugummi“, klärte Heidrun den altmodischen Rentner auf.„Ist mir wurscht, wie das Zeug heißt“, grummelte Opa Küdde und fuchtelte mit dem Rechen herum, mit dem er in seinem Vorgarten gearbeitet hatte. „Es hat jedenfalls nichts an meinem Jägerzaun zu suchen. Mach das ab. Aber schmeiß es nicht auf die Erde, sonst klebt es nachher an meinem Schuh fest, wenn ich rausgehe.“
Heidrun seufzte, nahm ein neues Kaugummi aus der Verpackung, steckte es in den Mund und popelte das angeklebte Kaugummi von Zaun. „Sehen Sie, ich mach’s ja schon ab und wickle es hier ein. Zu Hause schmeiße ich es dann weg.“
Opa Küdde nickte und sah direkt freundlicher aus. „Das ist brav, so wie es sich für Nachbarskinder gehört.“ Er musterte Ottfried interessiert. „Sag mal, Otti, was schleppst du da mit dir herum?“
Während Heidrun leise kicherte, zuckte Ottfried zusammen. „Ich heiße Ottfried, bitte sagen Sie nicht diesen kindischen Namen. Das ist mein Transistorradio. Damit kriege ich jede Menge Sender rein. Aber jetzt haben die Batterien gerade schlapp gemacht.“„Tatsächlich?“, fragte Opa Küdde interessiert. „Das ist natürlich dumm. Ohne Strom geht es eben nicht.“
„Batterien und nicht Strom“, warf Heidrun ein.„Aber Batterien sind ja so eine Art Stromspeicher“, belehrte Ottfried sie und legte ihr vorsichtig die Hand auf den Arm.
„Dein Freund hat recht“, lächelte Opa Küdde und öffnete das Gartentor. „Wollt ihr nicht einen Augenblick reinkommen. Ihr könnt euch kurz auf die Gartenbank setzen. Vielleicht habe ich passende Batterien, ich muss mal nachsehen.“
„Er ist nicht mein Freund“, erklärte Heidrun energisch, während sie sich auf die Gartenbank setzte. Ottfried folgte ihr. Er setzte sich direkt neben sie, was sie nicht zu stören schien.
Opa Küdde verschwand im Haus. Tatsächlich kam er kurz darauf mit den richtigen Batterien wieder heraus. „Da, kannst du gleich einsetzen. Die alten gibst du mir, die schmeiße ich dann in die Tonne.“Ottfried griff erfreut zu. Batterien waren teuer und saßen nicht immer von Taschengeld drin.Der alte Mann schaute ihm interessiert zu. „Eigentlich ist dein Radioempfänger schon fast eine Antiquität. Ich habe mich gerade in der letzten Zeit mit der Materie beschäftigt und denke, dass die technische Entwicklung rasend schnell weitergehen wird. Vielleicht erlebe ich es nicht mehr, aber ihr bestimmt. In Zukunft wird es möglich sein große Mengen an Daten, auch Musik,  zu speichern. Dabei wird das Gerät nicht größer als ein Griffelkasten sein, weil die Bauteile sehr klein sein werden. Da kann man einen kleinen Kopfhörer anschließen und schon hat man Musik so viel man will.“
Die Jugendlichen sehen sich an, wobei Heidrun sich vorsichtig an die Stirn tippte.
So ein Quatsch, dachte auch Ottfried. Die Röhren in den Geräten sind von den viel kleineren Transistoren ersetzt worden. Noch kleinere Teile - wie soll das denn gehen?Inzwischen fuhr Opa Küdde fort. „Dafür werden die Bildschirme der Fernsehgeräte viel größer werden, obwohl die Technik nicht so viel Platz wegnehmen wird. Es wird auch jede Menge Fernsehprogramme geben und ich meine nicht zehn oder zwanzig. Nein, hunderte werden es sein. Alle in Farbe. Genau, in Farbe“, fügte er noch einmal hinzu und schaute versonnen in den blauen Himmel.„Das fehlt mir auch noch. Bei uns zu Hause muss ich sowieso immer aufstehen um den Fernseher leiser zu machen. Wenn es jetzt hundert verschiedene Sender gibt ...“, murmelte Heidrun.
Opa Küdde grinste sie an. „Kein Problem. Natürlich gibt es dann eine Fernbedienung für jedes Fernsehgerät. Das funktioniert mit einer Lichtübertragung, sozusagen. Man kann bequem von Sessel aus umschalten und das Gerät laut oder leiser machen.“ Er schaute auf seine Taschenuhr und stand umständlich auf. „Jetzt müsst ihr aber gehen. Um zwanzig Uhr fängt die Tagesschau an, die will ich nicht versäumen.“

Ottfried saß im Sessel und schaltete den Fernseher aus. Während er die Fernbedienung auf den Tisch legte, schaute er versonnen auf seine Frau. „Weißt du noch? Damals, als du das Kaugummi bei Opa Küdde an den Zaun geklebt hast? Als er uns in seinen Garten geholt hat, wegen der Batterien für mein Radio?“
„Oh ja“, lächelte Heidrun. „Gut, dass er nicht gesehen hat, dass ich das Kaugummi bei Reingehen einfach vor seinem Gartentor fallen gelassen habe. Sonst hätte er uns bestimmt nicht erzählt, dass er in die Zukunft schauen konnte.“
© by Robin Royhs



Ein neues Update
von Robin Royhs
„Zeit um aufzustehen, mein Lieber.“ Siras lieblich klingender Weckruf ließ Sam aufwachen. Wie zu erwarten fühlte er sich angeschlagen. Sein Mund war pappentrocken, in sei-nem Kopf hämmerte es dumpf.
„Mist, ein Vodka zu viel“, grummelte er.„Kopfschmerztabletten liegen im Badezimmerschrank“, erklang es sanft aus den unsichtbar angebrachten Lautsprechern.„Mein Kopf! Sei lieber still! Du klingst wie eine überbemühte Ehefrau!“ Mühsam richtete sich Sam in seinem Wasserbett auf, um sich gleich wieder zurücksinken zu lassen. Er hätte am Vorabend vernünftig sein und seine Beförderung nicht so feucht fröhlich feiern sollen. Doch jetzt musste er wirklich aufstehen. Schließlich wollte er am ersten Tag in der neuen Position nicht gleich zu spät kommen. Für einen Moment überflutete ihn ein unglaubliches Glücksgefühl. Endlich hatte er es geschafft – nach all der Plackerei war er ganz an der Spitze des Unternehmens angekommen.„Was liegt heute an?“, fragte er, während er sich aus dem Bett hievte.„Heute Vormittag, genauer gesagt um 10 Uhr, ist eine Konferenz mit allen Abteilungsleitern, dann ein Arbeitsessen. Am Nachmittag hast du ein Meeting mit dem Leiter der kaukasischen Vertretung.“Trotz aller Euphorie seufzte Sam. Es würde ein langer Tag werden.
Nach dem Duschen betrat er seinen begehbaren Kleiderschrank.„Dein Vorschlag, bitte. Was soll ich anziehen?“, knurrte er.„Laut den satellitengestützten Wetterdaten und der Tatsache, dass du jung und dynamisch auftreten willst, empfehle ich ein Poloshirt, eine Hose und ein Sakko. Smart Casual wäre sehr angesagt. Ein Anzug ist zu formell.“
Sam kramte unlustig in seinen Sachen herum. „Welche Farbe?“, fragte er knapp.„Nun, heute ist Afrika Tag“, kam es gut gelaunt zurück.„Quatsch nicht so blöd. Sag mir die Farben.“ Sira ging ihm heute auf die Nerven.„Das habe ich überhört“, erklang es aus dem Lautsprecher. Hatte er sich verhört? Ihm schien es, als ob die Computerstimme beleidigt, wenn nicht gar wütend geklungen hätte.„Es wird definitiv Zeit für ein Update. Vielleicht kaufe ich mir sofort die neue Version. Du nervst gewaltig. Noch einmal: welche Farbe!“, mur-melte er.„Ich würde zu beige und braun raten. Beiges Shirt, bräunliches Sakko, dunkelbraune Hose, dunkelbraune Schuhe und Socken. Sonst noch Fragen?“
„Im Moment nicht. Sei froh, dass ich jetzt keine Zeit habe“, grummelte Sam. Achselzuckend schlüpfte er in seine Kleidung. Das fehlte noch, dass er Streitgespräche mit seinem Hausroboter führte.
Der Arbeitstag verlief sogar noch stressiger als erwartet. Wenigstens legte sich das Unwohlsein. Die Kopfschmerzen verschwanden fast vollständig. Gegen 19 Uhr ließ sich Sam in seinen Lieblingssessel im Wohnzimmer plumpsen. Er atmete tief durch. Sein neues, computergesteuertes Haus kam seiner Vorstellung von einem kleinen Paradies schon sehr nahe.„Willkommen zu Hause. Ich hoffe es geht dir gut“, begrüßte ihn Sira mit samtweicher Stimme. „Ich habe über Tag ein Update eingespielt. Jetzt kann ich noch viel besser auf alle deine Bedürfnisse eingehen.“
Apropos Paradies! Sam grinste hoch erfreut. „Das ist sehr schön. Ich hatte einen wirklich anstrengenden Tag und will nur noch entspannen. Was würdest du mir empfehlen?“
„Die Sauna ist vorgeheizt. Wenn du möchtest ...“
Irrte er sich oder klang Siras Stimme noch zuvorkommender als sonst. „Vorsorglich habe ich mich um eine Masseurin gekümmert. Wenn dir der Sinn danach steht, kann ich sie jederzeit herbestellen. Sie wäre in einer halben Stunde verfügbar.“
Das neue Update gefiel Sam immer besser. „Sauna ist jetzt genau richtig. Die Sache mit der Massagenummer machen wir ein anderes Mal.“Rasch entledigte er sich seiner Kleidung, schlang sich ein Handtuch um die Hüften und ging in die untere Etage des Hauses, wo ihm aroma- tische Düfte entgegen schmeichelten.
In der Sauna ließ er sich entspannt auf die Bank sinken und lauschte den Klängen der klassischen Musik, die dezent im Hintergrund spielte.Er legte sich bequem auf die Bank, schloss die Augen und überließ sich ganz der erholsamen Entspannung.
Sam fuhr erschreckt auf. Ihm war schwindelig. Wie lange lag er schon in der Sauna? Und was war das für eine Musik? Er horchte angespannt und erkannte den Trauermarsch von Chopin.
„Sira“, rief er leicht panisch. „Wie lange sollte ich in der Sauna relaxen ohne dass es meiner Gesundheit schadet?“
„Circa 15 Minuten, höchstens 20“, war die prompte Antwort. „Jetzt bist du 45 Minuten und 23 Sekunden in der Sauna. Aber du bleibst noch eine gute Stunde drin.“
Dann klickte es.Zitternd stand Sam auf, versuchte die Tür zu öffnen, was ihm nicht gelang. Sira hatte die elektrische Türverriegelung aktiviert.‚Vielleicht war das Update doch keine so gute Idee‘, dachte er, bevor er das Bewusstsein verlor.
© by Robin Royhs


Das sagt Ihr Mann, Madame
von Robin Royhs

Man kann es nicht anders formulieren. Wirklich adelig war Miriam von Flachbach-Laufer nicht, denn ihr Vater war ein einfacher, wenn auch musikbegabter Briefträger gewesen. Doch durch die Heirat mit Heinrich-Eduard durfte sich Miriam eine Freifrau nennen.Die von Flachbach-Laufer gehörten zu einem alten pommerischen Geschlecht. Gutsherren waren sie allesamt gewesen, aber das war schon eine Weile her. Heinrich-Eduards Vorfahren hatten das riesige Gut bewirtschaftet, besser gesagt bewirtschaften lassen. Zum Kriegsende war Alois-Eisenhardt von Flachbach-Laufer in den Westen geflohen. Das Gut wurde zum sozialistischen Allgemeingut erklärt und diente verschiedenen Zwecken. Nach der Wende meldete Heinrich-Eduard als letzter Spross der Familie Flachbach-Laufer seine Ansprüche auf das Gut an und bekam es, dank seines nicht unbeträchtlichen Einflusses an höher Stelle, tatsächlich zurück.Inzwischen hatte der Adelsspross das Anwesen an eine Hotelkette verkauft. Das ehemalige Gutshaus wurde zu einem komfortablen Hotel mit allem Pipapo umgebaut.
Heinrich-Eduard und seine Frau lebten nun in einem umgebauten Bauernhaus, das Miriam mit viel Enthusiasmus hatte sanieren und baulich verändern lassen. Ansonsten wirkte sie als Laienschauspielerin bei der pommerschen Freiluftbühne mit und versuchte sich in Unternehmensberatung, beides äußerst talent- und erfolglos. Heinrich-Eduard war das Recht. Das Geld aus dem Verkauf des Gutes hatte er gewinnbringend angelegt und so konnte er seiner Angetrauten fast jeden Wunsch erfüllen. Natürlich verstand er, dass Miriam unbedingt Personal brauchte. Eine Haushälterin war schnell gefunden.
Iris Gotrup war eine tüchtige Person, die zugreifen konnte und sich für nichts zu schade war. Während Miriam den verschiedensten Aktivitäten, wie dem Golfen oder dem Besuch der angesagtesten Wellnessoasen nachging, erledigte Iris alle anfallenden Arbeiten. Sie war eben in jeder Hinsicht fleißig.

Eines Morgens, Iris war bereits seit über zwei Jahren bei den Flachbach-Laufers beschäftigt, suchte die Perle das Gespräch mit der Freifrau:„Madame, auf ein Wort.“
„Ja, was haben Sie denn auf dem Herzen, meine Liebe? Wollen sie einen Nachmittag frei haben? Das ließe sich vielleicht machen“, erklärte Miriam großherzig.„Ähm, nein, Madame. Es ist etwas anderes. Ich wollte sie um eine Gehaltserhöhung bitten.“
„Wie bitte? Ich denke, Sie bekommen den Mindestlohn! Also können Sie sich doch wohl nicht beschweren!“
„Nun, etwas mehr als das habe ich schon verdient.“
Miriam verschlug es für einen Moment die Sprache. Das impertinente Ding stellte tatsächlich Forderungen. „So, so, verdient ... erläutern Sie mir das etwas genauer?“, würgte sie schließlich heraus.„Zunächst einmal kann ich viel besser kochen als Sie, Madame.“„Wer sagt das?“, fragte Miriam verblüfft.„Der gnädige Herr sagt das, Madame.“
„Ja spinnt der denn? Ich koche doch nie! Wie kann er das also behaupten?“
„Aber er sagt auch, dass ich seine Oberhemden besser bügele“, merkte Iris an. Dass der gnädige Herr dieses gesagt hatte, als er sich in Iris Kammer des Hemdes und der Hose entledigt hatte, verschwieg die rührige Perle.„Das wird mir jetzt aber alles zu blöd. Aufgrund dieser dummen Aussagen meines offensichtlich verwirrten Gatten werde ich Ihren Lohn bestimmt nicht erhöhen.“ Diese Worte unterstrich Miriam mit einer Handbewegung,  als würde ein lästiges Insekt davonscheuchen.„Im Übrigen bin ich besser im Bett als Sie, Madame“, sagte Iris mit einem kleinen Knicks.
Miriam schnappte nach Luft. „Und das hat auch mein Mann behauptet, oder was?“
„Nein, Madame, das sagt der Graf Johann von Wolffradt-Enckefort, der ja der beste Freund Ihres Mannes ist ...“
Stille,
totale Stille.
Schließlich ein Hüsteln. „An welchen Betrag dachten Sie, Iris?“
© by Robin Royhs


Wer ist Inge?
von Robin Royhs
Heinz wachte auf, weil er zur Toilette musste. Es war noch dunkel. Auf seinem Nachttisch zeigte der Radiowecker 5:00 Uhr an. Die Zahlen sagten ihm nicht viel. Früher war es wichtig gewesen, was auf diesem blinkenden Ding stand. Daran konnte er sich dunkel erinnern. Jetzt entglitt  ihm die Zeit immer mehr, weil sie keine Bedeutung mehr für ihn hatte. Wie er sie genau verbrachte, das wusste er nicht so genau. Er aß, wenn er Hunger hatte, schlief, wenn er müde war. Dabei war es ihm ganz egal, wie spät oder früh es war.
Jetzt jedenfalls musste er dringend aufstehen. Er schlurfte ins Badezimmer, ging zur Toilette. Anschließend sah er sich interessiert um. Ein Zettel, der auf dem Spiegel klebte erweckte seine Aufmerksamkeit:

Nicht vergessen:
Nach dem Aufstehen gründlich waschen
und die Zähne putzen

stand darauf. Wenn das schon dort stand, so wollte er der Anweisung auch folgen. Irgendetwas sagte ihm, dass was auf einem Zettel stand, wichtig für ihn war.
„Inge“, dachte er. „Der Zettel ist sicher von Inge.“
Aber wer war das? Er kratzte sich den Kopf und überlegte genau. Vielleicht war Inge ja seine Frau. Hatte er denn überhaupt eine? Das war ihm merkwürdigerweise entfallen. Jedenfalls weckte der Name ein Gefühl von Geborgenheit und Zuneigung in ihm. Er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und Inge einfach schön zu  finden. Eine Zahnbürste stand im Becher parat. So betätigte er den Spender und drückte etwas von der herausquellende Flüssigkeit auf die Bürste. Beim Zähneputzen schäumte es ordentlich. Zwar bekam er die Zähne schön sauber, doch schmeckte es eigenartig, gar nicht so, wie er es erwartet hatte. Nach dem Ausspülen des Mundes schaute er noch einmal auf den Zettel. Was war es noch, was er tun sollte? Ach ja, richtig, gründlich waschen war noch vermerkt. Er sah sich um, stieg dann in die Dusche und stellte das Wasser an. Auch jetzt hatte er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Nach einer Weile verließ er die Dusche wieder. Ihm wurde kalt, der nasse Schlafanzug hing an ihm herunter. Das fühlte sich sehr unangenehm an. Schnell zog er ihn aus und hüllte sich in den  flauschigen rosa Bademantel, der an der Tür hing. Er war ein wenig eng und zwickte an den Armen, aber er war wenigstens warm. Heinz fragte sich, ob er so viel zugenommen hatte.
Sein Magen knurrte vernehmlich und so suchte er die Küche, die er fast sofort fand. Hier hing ein weiterer Zettel an der Kühlschranktür:

Zum Frühstück magst du gern Toast mit Butter und Marmelade.
Marmelade und Butter sind im Kühlschrank.

Auf der Arbeitsplatte lag ein Päckchen mit Toastbrot, daneben stand ein rechteckiger Apparat. Oh ja, das war jetzt genau das Richtige! Knuspriger, süßer Toast. Heinz lief das Wasser im Mund zusammen. Doch was musste er machen, um das Toastbrot zu rösten? Er überlegte, dann legte er zwei Scheiben Toast auf eine Kochplatte des Ofens. Weil er nicht wusste, welche die Richtige war, machte er einfach alle an. Dann holte er Marmelade aus dem Kühlschrank und ließ jeweils einen Klacks auf das Brot fallen. Er goss sich ein Glas Saft  ein und trank es genüsslich, während er darauf wartete, dass sein Toast schön knusprig wurde.

Mutter und Sohn saßen sich in der Küche gegenüber.
„Wirklich Mama, das geht doch nicht. Er wird irgendwann das Haus in Brand stecken. Hast du denn überhaupt keine Angst davor?“
Inge sah ihren Sohn ernst an, dann nickte sie. „Natürlich habe ich Angst. Was denkst du denn!“
Er trank seine Kaffeetasse leer. „Wir müssen etwas unternehmen. Was meinst du?“
„Ja, da hast du wohl Recht“, seufzte Inge. Sie stand auf und ging ins Bad. Hier nahm sie ihren Morgenmantel von Haken und hängte noch ein Shirt und eine Hose von Heinz zu seinem Bademantel.
Dann kam sie wieder in die Küche, nahm sich einen Notizblock und setzte sich auf ihren Platz. Eifrig schrieb sie. Ihr Sohn sah ihr über die Schulter. Ungläubig las er:

Toastbrot in den Schlitz vom Toaster schieben.
Das ist der Kasten, der auf der Arbeitsplatte steht.
Bräunen auf Stufe 3. Marmelade und Butter erst nachher auf dem Toastbrot verteilen.
Guten Appetit.

Inge zögerte einen Moment, dann erhellte ein Lächeln ihre Züge.

Ich liebe dichsetzte sie unter die Anweisung.

© by Robin RoyhsBonusgeschichte im Schreibwettbewerb, der von der Zeitschrift "Jolie" und dem "Twentysix Verlag" veranstaltet wurde.


Sonntag, Elf Uhr
von Robin Royhs

Verschlafen blinzelt er, drehe sich entschlossen auf die andere Seite, doch es ist zu spät. Der Schlaf ist ihm entglitten. Er schaut auf den Wecker, setzt sich mit einem Ruck auf. Es ist Sonntag, es ist nach 11 Uhr und er liege immer noch im Bett. Einerseits hat er ein schlechtes Gewissen, andererseits weiß er genau, dass er nichts versäumt. Trotzdem steht er auf, schlurft in den Küchenbereich. Die Kaffeemaschine ist betriebsbereit, er drückt nur den Knopf, setzt sich ans Fenster, schaut den Eichhörnchen zu, die emsig ihren Wintervorrat sammeln. Seit ein paar Jahren sind sie wieder da. Für einen Augenblick erwägt er, sich auf die Couch zu legen, bleibt aber letztendlich sitzen, kann sich nicht dazu aufraffen aufzustehen und in den Wohnbereich zurückzugehen.
Schließlich blubbert die Kaffeemaschine, der Brühvorgang ist abgeschlossen. Vielleicht bringt ein Kaffee ihn in Trapp. Mit der gefüllten Tasse schlendert er herum, nimmt dies in die Hand, rückt das gerade. Was soll er nach dem Kaffeetrinken machen? So sehr er auch überlegt, es fällt ihm nichts ein. Sein Haus ist bestellt, er ist bereits auf den Winter vorbereitet. Es gibt keine Probleme, keinen Gesprächsbedarf mit Freunden oder der Familie, er hat nicht einmal Feinde, über die er sich Gedanken machen kann.
Plötzlich hört er das Geräusch. Es kommt von der Tür, die zum Lager führt. Vorsichtig nähert er sich, horcht angespannt, mit klopfendem Herzen. Da ist es wieder, hört sich wie ein Kratzen an oder wie ein Rascheln. Er kann es nicht einordnen.
Entschlossen strafft er die Schultern, er wird nachschauen, was oder wer die Geräusche verursacht. So schließt er die Tür auf, der Schlüssel knarzt, knirscht. Jetzt muss er nur noch die Klinke herunterdrücken und die Tür öffnen. Sie quietscht protestierend.„Hallo, ist da jemand“, obwohl er weiß, dass es unmöglich ist, ruft er in den Lagerraum, der Reihe für Reihe vom flackernden Neonlicht erhellt wird. Niemand - er mustert die gut gefüllten Regale, will die Tür schon wieder schließen, da huscht ein Schatten an ihm vorbei.
Eine winzige graue Maus mustert ihn aus kleinen, schwarzen Augen und mit zitternden Barthaaren.
Er lächelt. „Hallo du, willst du mir Gesellschaft leisten? Das ist nett.“
Die Maus setzt sich auf die Hinterpfoten, putzt sich die Barthaare, als wüsste sie, dass von diesem Wesen keine Gefahr ausgeht.„Du liegst richtig“, stellt er fest. „Hier gibt es genug Essen für die nächsten hundert Jahre.“
Die Maus scheint tatsächlich bleiben zu wollen. So schließt er die Lagertür, betrachtet seinen neuen Mitbewohner versonnen. „Dir scheint es ähnlich ergangen zu sein wie mir, was? Sicher weißt du auch nicht so genau, was vor 15 Jahren passiert ist. Man wacht nichtsahnend an einem Sonntagvormittag um 11 Uhr auf und muss feststellen, dass man den Weltuntergang verpennt hat ...“
© by Robin Royhs


Heute backe ich
von Robin Royhs

„Du wirst dich sicher freuen.“
Diese Bemerkung seiner Frau ließ Hermann aufhorchen. Misstrauisch beäugte er den vollgepackten Küchentisch. Was er sah, ließ eine leichte Panik in ihm aufsteigen. „Pflaumen, Mehl, Eier, Zucker“, murmelte er dumpf.
Dorothea strahlte ihn an. „Du ahnst es sicher. Ich backe heute einen schönen Pflaumenkuchen, nur für dich.“
„Ähm, Liebes, das ist doch nicht nötig“, stotterte Hermann. „Ich habe auch gar keinen Hunger.“
Seine Frau gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm. „Ach du. Immer bist du so besorgt, weil du meinst, dass ich zu viel mache. Aber für dich backe ich doch gern, mein Puschel.“
Hermann zuckte zusammen. Er hasste es, wenn Dorothea ihn so nannte. Er beschloss noch einen letzten Versuch zu starten. „Liebes, es ist wirklich nicht nötig, dass du dir die Mühe machst.“
Dorothea strich ihm liebevoll über die inzwischen schütteren grauen Haare. „Es ist keine Mühe und ehe du fragst, du brauchst mir nicht helfen. Setz dich gemütlich in den Garten und genieße die Sonne.“
Seufzend ergab sich Hermann in sein los. Er liebte seine Dorothea wirklich und das schon seit nunmehr 40 Jahren. Sie war eine tolle Frau, immer noch wunderschön, wie er fand. Zudem hatte sie einen grünen Daumen. Der Garten war einfach prachtvoll. Auch den Haushalt meisterte sie mit links, aber sie war eine miserable Köchin. Auch damit hatte Hermann kein Problem. Er kochte und backte gern und gut. Seine Donauwellen waren im Familienkreis heiß begehrt. Doch ab und zu bekam Dorothea einfach einen Rappel und dann bildete sie sich ein, ihn unbedingt kulinarisch verwöhnen zu müssen. In diesem Fall wollte sie also einen Kuchen backen.Inzwischen hatte sich die Küche in ein Schlachtfeld verwandelt. Mitten drinnen stand seine Frau und strahlte.
„Ich habe tatsächlich ein Rezept von meiner Mutter gefunden. Ihren Pflaumenkuchen hast du doch so gern gemocht.“
Hermann konnte es nicht glauben. Daran erinnerte sie sich noch? Dabei hatte auch ihre Mutter nicht kochen können. Den Pflaumenkuchen hatte er immer über den grünen Klee gelobt, weil es der einzige Kuchen gewesen war, den Dorotheas Mutter einigermaßen hinbekommen hatte. Hermann startete noch einen letzten Versuch: „Liebes, wenn du mir das Rezept gibst, dann kann ich gern den Kuchen backen, wirklich ...“, er verstummte, denn seine Frau musterte ihn düster, stemmte die Hände in die gut gepolsterten Hüften.
„Sag mal, du traust mir wohl nicht zu, einen simplen Kuchen zu backen, was? Nur, weil du mir das Backen abnimmst heißt das nicht, dass ich es nicht kann, mein Lieber.“
Jetzt hieß es Gegenrudern. „Aber natürlich traue ich dir das zu. Ich dachte nur ...“
„Aber Puschel, was du denkst. Jetzt stör nicht weiter. Husch-husch, raus aus der Küche“, erklärte Dorothea rigoros, während sie die passenden Handbewegungen machte.
Mit einem letzten misstrauischen Blick trollte sich Hermann. Er beschloss, sich der Steuererklärung zu widmen, das würde ihn bestimmt beruhigen. Gerade hatte er sich in die Materie vertieft, da wurde die Tür zum Arbeitszimmer unsanft aufgestoßen. Dorothea stand im Türrahmen. „Sag mal, haben wir keine gestifteten Mandeln im Haus?“, fragte sie mit empörter Stimme. „So kann ich nicht backen! Alles muss ich mir zusammensuchen. Du scheinst keine Struktur in der Küche zu haben.“
Hermann schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. „Liebes“, erklärte er mit mühsam sanfter Stimme. „So etwas kaufe ich immer erst, wenn ich es brauche.“
„Ja gut, jetzt brauchen wir jedenfalls Mandelstifte. Sie stehen ausdrücklich im Rezept. Also kannst du jetzt losfahren und welche kaufen.“
„Aber ich mache gerade unsere Steuererklärung.“
Dorothea maß ihren Mann mit einem vernichtenden Blick. „Die kannst du auch später noch machen. Jetzt musst du erst einmal die Mandeln besorgen, wenn wir sie schon nicht vorrätig haben.“
Hermann beschloss, zur Vorsicht noch eine Blutdrucktablette zu nehmen und das Gewünschte zu besorgen.„Brauchst du sonst noch etwas?“, fragte er fürsorglich, bevor er sich auf den Weg machte.„Nein, sonst ist alles da“, war die zerstreute Antwort.
Als er wieder nach Hause kam, stellte er fest, dass sich das Chaos in der Küche tatsächlich vervielfacht hatte. „Donnerwetter“, entfuhr es ihm, denn das hatte er nicht für möglich gehalten. Dorothea stand mit roten Apfelbäckchen mitten drin und murmelte vor sich hin. „Teig ausrollen, mit den Pflaumen belegen, mit Mandelstiften bestreuen, ein Teiggitter herstellen“, sie seufzte.„Soll ich dir nicht doch helfen“, fragte Hermann vorsichtig, was ihm wieder einen kühlen Blick einbrachte. „Wenn du die Mandeln eingekauft hast, so ist das Hilfe genug. Geh jetzt lieber aus der Küche, du machst mich nervös. Von mir aus kannst du jetzt die Steuern weiter machen.“
Hermann beschloss, sich lieber körperlich zu betätigen und den Rasen zu mähen. Das hatte er zwar in der letzten Woche schon getan, aber er hoffte, sich bei dieser Tätigkeit ein bisschen abregen zu können. So mähte er ausgiebig, fuhr immer einmal wieder am Küchenfenster vorbei, ohne in den Raum zu schauen. Dafür hätte er das Rosenbeet abmähen müssen, das sich vor dem Fenster befand. Allerdings bemerkte er einen leichten Brandgeruch.
Schließlich war der Rasen raspelkurz gemäht, der Rasenmäher gereinigt und der Geräteschuppen aufgeräumt. Zögernd betrat er das Haus.Dorothea erwartete ihn strahlend in der Küchentür. „Du kannst jetzt ein Stück Kuchen essen, wo du so viel gearbeitet hast, mein Lieber.“
Zögernd folgte Hermann ihr in die Küche, wo ihn zu seinem Erstaunen eine saubere Küchenzeile anblitzte. Auf dem Tisch stand ein Blech mit herrlich duftendem Kuchen.„Oh“, mit einem Lächeln nahm er den Teller entgegen, auf den Dorothea bereits ein großes Stück Kuchen gelegt hatte. Vorsichtig kostete er, probierte noch einmal und aß genüsslich das Kuchenstück auf. „Klasse, das schmeckt hervorragend, Liebes. Diesen Kuchen muss ich auch einmal backen.“
Dorothea strahle ihn an. „Ich wusste doch, dass dir mein Kuchen schmeckt.“ Ihre Mine verdüsterte sich. „Aber das Rezept ist weg. Ich habe schon überall nachgesehen und kann es nirgends mehr finden.“
© by Robin Royhs


Virus
von Robin Royhs

Er versucht die Augen zu öffnen, was ihm nicht sofort gelingt. Es fühlt sich an, als wären sie verklebt.
Verflixt, versuche es noch einmal, denkt er, strengt sich an, trotz der Schmerzen. Endlich gelingt es ihm, seine Lider zu heben, doch er sieht nichts. Alles ist dunkel um ihn. So schließt er die Augen wieder. Sein Kopf dröhnt, er kann kaum einen klaren Gedanken fassen, weiß nicht, was geschehen ist, wo er sich befindet.Er lauscht, kann einzelne Geräusche unterscheiden.
‚Schritte’, denkt er plötzlich. ‚Da sind Schritte.’
Tatsächlich kann er unterschiedliche Schrittfolgen unterscheiden. Jetzt hört er auch unterschiedliche Stimmen. Es müssen mehrere Personen sein, die durcheinander reden. Er versteht kein Wort, es scheint eine ihm unbekannte Sprache zu sein.
Mühsam versucht er sich aufzusetzen, was ihm nicht gelingt. Erst jetzt bemerkt er, dass er an Armen und Beinen fixiert ist. Gurte halten ihn auf eine Liege fest. Todesangst steigt in ihm auf. „Hilfe, helft mir“, schreit er, doch kein Ton kommt über seine Lippen. Er versucht es weiter, rüttelt verzweifelt an seinen Fesseln. Sein Herz klopft ihm bis zum Hals, der Atem keucht.
Schmerzen, überall Schmerzen. In Panik reißt er die Augen auf. Plötzlich wird es heller. Kurz ist es, als verdecke ein weißer Schleier seine Sicht, dann klärt sich sein Blick. Eine Frau beugt sich über ihn, kommt ihm undeutlich bekannt vor. Ein Gesicht mit regelmäßigen Gesichtszügen, vollen Lippen und glitzernden grünen Augen. Ihre langen roten Locken berühren ihn fast. Sie legt beruhigend eine Hand auf seinen Arm, sagt  etwas. Ihre Stimme hat einen sanften Klang und obwohl er sie nicht versteht, beruhigt er sich.
Ein Mann tritt neben sie, hält ihm einen Spiegel vor die Augen. Ungläubig schaut er hinein, sieht in ein entstelltes Gesicht. Teilweise ist es von narbigem Gewebe bedeckt. Doch es sind auch einige offene Wunden vorhanden. Schläuche stecken in den Nasenlöchern, scheinen ihn mit Sauerstoff zu versorgen.
‚Das bin ich’, denkt er erschüttert.
Es kann nur ein Alptraum sein, zumal er sich nicht an seinen Namen erinnern kann. Genau genommen erinnert er sich an nichts. Selbst sein Gesicht kommt ihm sonderbar fremd vor. Er registriert, dass Nadeln in seinen Armen stecken, dass er an verschiedene medizinische Geräte angeschlossen ist.
Der Spiegel ist plötzlich weg, der Mann beugt sich über ihn, bedeutet ihm ruhig liegen zu bleiben. Er nickt, versteht, dass er sich im Moment nicht in Gefahr befindet. Plötzlich ist er hundemüde, schließt die Augen, schläft ein.
Der Oberarzt Doktor von Breday hält Markus Frau galant die Tür auf, schließt diese dann mit einem energischen Ruck. „Wie schön, er hat sich dieses Mal schnell beruhigt, Frau Nowalsky“, sagt er zufrieden.
Jana nickt zustimmend. „Ja, das ist wenigstens ein Fortschritt. Hoffentlich bleibt er so ruhig.“
Doktor von Breday legt ihr die Hand auf den Arm. „Wie konnte Ihr Mann nur ein so gewagtes Experiment unternehmen. Und dann auch noch im Eigenversuch!“
„Eben. Er ist zwar ein exzellenter Wissenschaftler, trotzdem war es verwegen in diesem Stadium seiner Forschung eine Kommunikation mittels Elektroden zwischen seinem Gehirn und der elektronischen Datenverarbeitungsanlage herzustellen.“ Jana lächelt den Oberarzt auffordernd an, was diesen dazu veranlasst, seine Hand bis zu ihrem Nacken wandern zu lassen, wo er sie sanft streichelt.„Markus war immer schon ein wenig ... verrückt“, murmelt er. „Mit ihm zu arbeiten ist manchmal schwierig ... aber mit ihm verheiratet zu sein ...“, er beendet den Satz nicht.
Jana schaudert wohlig unter der sanft streichelnden Hand des Oberarztes. „Ich bin so dankbar, dass Sie seine Behandlung übernommen haben“, schnurrt sie. „Sie sind eine Kapazität und ein wunderbarer Arzt. Sie haben den Hirnschlag sofort diagnostiziert und das Nötige unternommen.“
„Nun, das war keine Kunst. Leider kann ich nicht mehr für Markus tun“, stellt Doktor von Breday fest. „Der Computervirus hat eine Art Kurzschluss in seinem Gehirn bewirkt, das Sprachzentrum praktisch zerstört. Er wird folglich nie wieder sprechen können, wobei es fraglich ist, ob er uns überhaupt versteht und sich je wieder an irgendetwas erinnern wird. Es ist wirklich ein Rätsel, wie der Virus in den Computer gekommen ist. Eigentlich war Marcus immer sehr gewissenhaft und hat alles unzählige Male abgecheckt, bevor er ein Experiment begonnen hat. Dieses Mal hat er grob fahrlässig gehandelt. Er hätte Sie, meine Liebe, hinzuziehen müssen. Schließlich sind Sie ja eine IT Expertin.“
Bei dieser Bemerkung reißt Jana erstaunt die Augen auf. „Ich habe keine Ahnung, was in ihn gefahren ist. Natürlich hätte ich ihm zur Seite gestanden, wenn er mir nur etwas gesagt hätte. Nun, jetzt ist es jedenfalls zu spät, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie meinen also nach wie vor, dass mein Mann keine Chance auf eine Genesung hat?“
„Es könnte gut sein, dass er bis zu seinem Lebensende vor sich hin existiert. Hinzu kommt ja auch noch, dass dieser verflixte Virus den Brand in seinem Labor ausgelöst hat. Auch seine Brandwunden sind beträchtlich.“
„Vielleicht sollten wir das weitere Vorgehen in Ihrem Büro besprechen, lieber Doktor“, lächelt Jana. „Es wäre ein Jammer, wenn der gute Markus noch jahrelang leiden müsste. Wir wollen es ihm doch so leicht wie möglich machen.“ Sie hängt sich bei von Breday ein und steuert mit ihm zusammen sein Büro an. „Habe ich Ihnen eigentlich davon Markus bemerkenswerter Lebensversicherung erzählt?“, flüstert sie dabei zärtlich.
© by Robin Royhs


Kaffee mit Mama
von Robin Royhs

Wie an jedem zweiten Sonntag im Monat traf sich Heinz auch heute mit seiner Mutter zu Kaffee und Kuchen in Mutters Stammcafé. Hierhin hatte Heinz sie schon begleitet, als er noch ein Kind war. Seit Jahrzehnten saßen sie an dem extra reservierten Tisch. Mutter mit dem Blick zum Fenster, Heinz ihr gegenüber. Nie schien sich hier etwas zu verändern.Heute allerdings saß Tante Kiki auf seinem Stuhl. Seine Mutter winkte ihm gutgelaunt zu.
„Schau, mein lieber Junge. Deine Tante ist auch hier. Sie will allerdings gleich gehen. Onkel Willi wartet zu Hause auf sie. Er kann ja nicht mehr so recht, der Arme.“
Heinz setzte sich dazu. Ehe er den Mund aufmachen konnte, bestellte seine Mutter bereits für ihn. „Ein Kännchen Kaffee und ein Stück Buttercremetorte für meinen Sohn.“ Sie wandte sich ihm zu. „Buttercreme magst du doch so gern, mein Junge, nicht wahr.“
Ohne seine Antwort abzuwarten sprach sie mit ihrer Schwägerin. „Heinz war ein unglaublich dickes Kind. Wie es mir nur gelungen ist ihn auf die Welt zubringen, ist mir bis heute schleierhaft. Was waren das nur für Schmerzen! Damals gab es ja keine Schmerzmittel. Aber ich hätte so etwas  niemals genommen, dem Kind zuliebe. Es war die Hölle, die reine Hölle. Aber das kannst du nicht beurteilen, Kiki. Du hast keine Kinder, du Arme.“
„Besser ist es“, murmelte die Tante griesgrämig. Sie schien sich für das Thema nicht erwärmen zu können, was Heinz Mutter nicht bemerken wollte. Unbeirrt fuhr sie fort: „Ganz rosa war er, als er schließlich rauskam. Wie ein Ferkel. Was war der Heini doch für ein hässliches Kind. Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.“ Hier maß sie ihren Sohn mit einem prüfenden Blick. „Ein Glück, es hat sich verwachsen.“
Heinz richtete sich empört auf. „Mutter“, sagte er. „Ich bin über 50 Jahre alt. Musst du die alten Kamellen immer noch herausholen?“
Tanke Kiki rührte energisch in ihrem Kaffee: „ Heinz, du musst es akzeptieren. Deine Mutter hat dich unter Schmerzen geboren, das sind keine alten Kamellen, das ist eine Tatsache. Du solltest ihr auf ewig dankbar sein.“ Sie trank ihren Kaffee aus. „Jetzt muss ich aber los. Willi wartet sicher schon auf mich. Komm doch einmal mit deiner Mutter vorbei, lieber Junge.“
Sie fuhr Heinz über das spärliche Haupthaar und strebte dem Ausgang zu. Eine alte Tante weniger am Tisch. Der liebe Junge sah ihr erleichtert nach. „Heini, du wirst auch immer dünner und blasser. Kocht sie nicht vernünftig?“, hörte er die Frau, die ihn unter Schmerzen geboren hatte.„Sie hat einen Namen, Mutter“, erwiderte Heinz genervt. „Und sag nicht immer Heini zu mir“, fügte er hinzu.„Ich weiß, dass sie einen Namen hat. Und ich weiß, dass sie dich nicht verdient hat.“„Tatsächlich, das weißt du? Welche Frau hätte mich denn verdient? Nur mal aus Neugier.“Seine Mutter setzte sich kerzengerade hin. „Die Mutter ist die einzige Frau im Leben eines Sohnes. Jedenfalls sollte das so sein.“
„Ach wirklich? Das hätte aber fatale Folgen auf die Erhaltung der Art...“
„Was redest du da für ein Zeug, Heini! Du klingst schon wieder so eingebildet!“
Heinz war empört. „Wie jetzt, eingebildet. Sag so was nicht. Und sag nicht immer Heini zu mir!!!“
Seine Mutter gönnte sich einen Schluck Kaffee, bevor sie antwortete. „Also das ist nicht von mir. Dass du eingebildet bist, hat eine gewisse Person neulich am Telefon gesagt. Er ist ganz schön eingebildet. Das hat sie gesagt, deine Frau.“
„Das glaube ich nicht. Sicher hat sie etwas anderes gemeint ...“
Seine Mutter unterbrach ihn genüsslich. „Sie sagt du bist eingebildet und du lässt den Klodeckel immer auf. Sag mal, puscht du etwas im Stehen?“
Heinz verschluckte sich an seinem Kaffee. „Also wirklich, Mutter. Es gibt Grenzen des guten Geschmacks.“
„Junge“, erklärte seine Mutter mit erhobenem Zeigefinger, „du solltest dir angewöhnen im sitzen zu puschen. Das ist eine Frage der guten Erziehung. Und habe ich dich nicht perfekt erzogen? Wie kannst du nur!“
„Wunderbar. Hat sie etwa noch mehr aus dem Nähkästchen geplaudert?“
„Nun, wo du es ansprichst. Sie hat so ganz nebenbei erzählt, dass du am Abend immer müde bist und dass du nicht mehr deinen Mann stehst. Wenn ich das mal so ausdrücken darf.“
„Na hör mal, ich bin über 50 Jahre alt. Also nicht mehr der Jüngste. Wen meint sie geheiratet zu haben? Casanova?“
„Schon gut mein Junge. Vielleicht kann ich helfen. Ich habe ein kleines Büchlein, das deinem Vater und mir sehr viel Freude bereitet hat.“ Seine Mutter kicherte verschämt. „Es ist das Buch ‚Die Freuden der Ehe’ von Doktor Julius Mümmelmann. Wenn du es einmal haben möchtest. Alt genug dafür bist du ja.“
Heinz holte tief Luft. „Das Buch habe ich schon mit 12 gelesen. Ihr hättest es besser verstecken sollen.“
Seine Mutter lächelte maliziös. „Tatsächlich? Dann solltest du aber wissen, wie es besser geht. Vielleicht solltest du dir das Buch doch noch einmal ausleihen. In deinem Alter kann man schon vergesslich werden.“
„Mutter, ich will nicht darüber reden! Überhaupt geht dich das nichts an!“
Sie zuckte mit den Schultern. „Dann sollten wir das Thema beenden. Was du auch immer erzählst, Heini. Lass das bloß nicht deine Frau hören.“ Sie wandte sich an die Bedienung. „Herr Ober, zahlen bitte.“
„Sehr wohl, Rechnung kommt gleich.“
Die Mutter wandte sich verschwörerisch ihrem Sohn zu. „Der Ober ist ein Grieche. Er kommt aus Istanbul.“
„Türkei, Mutter. Istanbul liegt in der Türkei.“
„Sagte ich dir, dass du ziemlich eingebildet bist? Aber das meine nicht nur ich.....“
© by Robin Royhs


Frei
von Robin Royhs

Ängstlich betrachtete sie ihren Gefährten. Vorhin hatte der Mensch ihn zurück in den Käfig gebracht. Der Mensch, der nach Tod und Schmerzen roch.
Sie stupste ihren Liebsten sanft an, doch er reagierte nicht. Zitterte und bebte, kämpfte ums Überleben, doch wussten beide, dass es vergeblich war. Er würde sterben. So saß sie neben ihm, sah mit an, wie das Leben langsam aus ihm herauströpfelte. Schließlich gab er auf, lag ganz ruhig da, bis ihn schließlich ein letztes Zittern durchlief. Wie betäubt saß sie neben ihm, konnte nicht begreifen, was geschehen war.
Als der todbringende Mensch den Käfig wieder öffnete, war es an ihr zu zittern. ‚Jetzt wird er mich töten’, dachte sie, machte sich klein, krümmte sich zusammen, schloss die Augen. Doch sie kam noch einmal davon, der Peiniger griff nach dem Körper ihres Gefährten, nahm ihn mit, warum auch immer. Sie zwinkerte vorsichtig, fühlte Erleichterung.
Etwas war anders als sonst. Sie regte sich vorsichtig, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen, prüfte den Käfig. Schließlich bemerkte sie, dass die kleine Tür einen Spalt weit offen stand. Offensichtlich hatte der Mensch sie nicht richtig verschlossen. Sie huschte aus dem Käfig, kletterte abwärts, sprang schließlich hinunter. Ihr Herz hämmerte wie verrückt, doch der Mann bemerkte nichts. Auch nicht, als sie zur Labortür hinaus flitzte, den langen weißgefliesten Gang entlang. Sie verließ sich auf ihre Nase, folgte ihrer Intuition, fand einen Ausgang aus dem Gebäude.
Unbekannte Gerüche und Geräusche umgaben sie, ließen sie panisch in ein Gebüsch flüchten, taumeln.
Sie wusste nicht, wie lange sie ohnmächtig gewesen war. Jetzt zitterte sie vor Kälte und auch vor Hunger. Wieder machte sie sich klein, denn ein kleiner Mensch stand vor ihr, wies mit dem Finger auf sie. Ein größerer Mensch redete auf den kleinen ein, wollte ihn von ihr wegziehen. Doch der Kleine gab Jammerlaute von sich, beugte sich zu ihr, hüllte sie in einen warmen Stoff, hob sie entschlossen und doch sanft auf. Sie schloss ergeben die Augen. Nun würde sie das gleiche Schicksal wie ihr Gefährt ereilen.Der kleine Mensch legte sie mitsamt des Stoffes in eine geräumige Kiste. Wenigstens würde sie nicht ersticken, denn im Deckel befanden sich einige kleine Löcher. Dann schaukelte es eine Weile gewaltig. Scheinbar wurde sie irgendwohin transportiert. Sicher zurück in das Gebäude des Todes und wieder in den Käfig.

Vorsichtig trug der kleine Junge die Kiste mit der weißen Maus ins Haus. Seine Mutter hatte versucht ihn davon zu überzeugen, dass das Tier irgendwie giftig wäre, aber er hatte nicht auf sie gehört. Er hatte die Maus einfach in seinen Schal gewickelt und ihr erklärt, dass er sie ganz bestimmt zum Tierarzt bringen würde. Dass er die Rechnung auch von seinem Taschengeld bezahlen würde.
Seufzend hatte die Mutter ihn gewähren lassen, hatte sogar im Kofferraum des Autos herumgekramt und eine alte Kiste mit Löchern im Deckel zutage gefördert.
Zu Hause angekommen erklärte der Junge seinem Vater, dass er eine kleine weiße Maus gerettet hätte und sie ganz bestimmt gut behandeln würde. Beim Blick in das strahlende Gesicht seines Sohnes und auf die resignierte Miene seiner Frau stand er auf. „Dann fahre ich jetzt wohl in die Zoohandlung und kaufe alles, was eine kleine weiße Maus benötigt, um ein sorgenfreies Leben zu führen“, brummelte er.


Disco, Disco
von Robin Royhs

‚Bum, bum, bum’, die Bässe dröhnen, der Fußboden bebt, mein Magen vibriert mit. Ich hasse es,  schmeiße eine Omeprazol ein. Sicher ist sicher. Ich versuche im Schatten zu bleiben, obwohl die Fläche, auf der ich stehe etwas erhöht ist, will ich nicht auffallen.Um mich herum ist Gezappel, alles tanzt.
Eine tief dekolletierte Blondine im kurzen Röckchen bewegt sich auf mich zu, lächelt lasziv. Ich schüttele energisch den Kopf, auch die Antanznummer zieht nicht bei mir. Ich gehöre zu den Typen, die am Tresen ihrer Stammkneipe über Fußball oder PS diskutieren. Die zu Hause auf dem Sofa die Sportschau gucken, die Füße auf dem Tisch,  Bier aus der Flasche trinkend, Pizza kauend.
Mist, die Sportschau kann ich heute auch wieder nicht sehen.
Obwohl, ich kann auch ganz gut Konversation machen. Ehrlich. Nur die intellektuellen Höhepunkte in der Disco stemme ich nicht. ‚Geile Mukke, das geht ab’ oder ‚was läuft’, darauf weiß ich keine Antwort.
Na gut, reden ist nicht mehr angesagt, dafür gibt es das Social Network. Es reicht ein like. Orwell hätte den ‚Big Brother’ völlig überarbeiten müssen oder er hätte sich erschossen, je nachdem.
Ein Typ unterbricht meinen Gedankenfluss, brüllt irgendetwas. Ich verstehe ihn nicht, die Bässe halt. Liegt auch daran, dass die Anlage nicht besonders ist. So zucke ich die Schultern und beschließe früher nach Hause zu gehen.
Sofort verschwinden geht nicht, meine Schicht als DJ dauert noch ne Weile.


Vom Jet-Boot fahren und Fliegen
von Robin Royhs

Der Unternehmerberater bellte seine Worte hinaus, sodass sie in Fiedlers Kopf widerhallten. „Warum schreit er so?“, raunte er seinem Nebenmann und Arbeitskollegen zu. „Er ist wichtig“, flüsterte dieser zurück.„Ruhe bitte!“ Kriese, der Unternehmerberater und Psychologe klopfte auf den Tisch. „Gerade Sie sollten meinem Vortrag konzentriert folgen“, donnerte er, wobei er Fiedler und Geiger fixierte. Fiedler verzog das Gesicht zu einer Grimasse und beobachtete konzentriert, wie der Adamsapfel des Vortragenden auf und ab hüpfte.„Gefühle und Emotionen sind unüberschaubar und psychologisch noch unbewältigt. Ich zitiere hier Bühler, sechziger Jahre. Das war einmal. Heute ist es möglich dies durch gezielte Werbung hervorzurufen und zu verstärken. Das werden wir uns zunutze machen, meine Herren. Der Vertrieb ist bisher wenig bis gar nicht effektiv, aber das wird sich ab sofort ändern“, bei diesen Worten umzuckte ein wölfisches Lächeln Krieses Mundwinkel.
Fiedler gab es auf, den verbalen Drohungen des Unternehmerberaters zuzuhören. Stattdessen konzentrierte er sich auf die großen Fensterscheiben, die sich hinter diesem befanden. Verwundert nahm er zur Kenntnis, dass ein Mann in freiem Fall am Fenster vorbeiflog. Er schüttelte verwirrt den Kopf, wahrscheinlich war er einen Moment eingenickt. Doch sein Kollege Geiger überzeugte ihn vom Gegenteil. Er sprang auf, zog Fiedler hoch und deutete auf das Fenster. „Da ... da ist gerade einer vorbeigeflogen. Nach unten, meine ich ... also gefallen“, stammelte er.
Der Unternehmerberater stutze, drehte sich kurz um. „Das ist wieder einmal typisch“, knurrte er. „Wahrscheinlich sind sie eingeschlafen. Die Leute vom Vertrieb, Schlafmützen allesamt. Sie sollten sich echte Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen.“
Den letzten Satz nahm Fiedler nur noch im Hintergrund wahr, denn er folgte seinem Kollegen, der aus dem Besprechungszimmer gestürmt war.„Der kam bestimmt von oben, von der Spielefirma, Armicula heißen die doch, oder“, stellte Geiger auf dem Weg zum Fahrstuhl fest.„Eben“, bestätigte Fiedler. „Die sitzen im 15. Stock. Los, da ist der Fahrstuhl.“
Im 15. Stock angekommen wurden sie von einer Gruppe junger Männer und Frauen erwartet, die durcheinander redeten und sich verstört ansahen. „Sie sind vermutlich von der Polizei“, sagte ein pickeliger Jüngling.„Was ist passiert?“, fragte Geiger, ohne auf die vermutung einzugehen.„Er hat die VR Brille getestet, freiwillig. Jedenfalls ziemlich. Obwohl sie eigentlich noch nicht so weit war“, stotterte der junge Mann.„Wer? Was?“, fragte Fiedler.„Doktor Köster, unser Vertriebsleiter. Die VR Brille. VR bedeutet Virtual Reality. Wir arbeiten an einem Projekt, bei dem wir Werbung in 3-D Computerspielen unterbringen. So wecken wir gezielt Emotionen und die Werbung wirkt erst richtig. Um es simpel auszudrücken.“
„Na gut, aber was ist diesem Doktor, ihrem Boss passiert, sodass er aus dem Fenster gestürzt ist.“
"Nun, in diesem neu entwickelten Spiel finden Verfolgungsjagden auf dem Wasser statt. Der Handelnde fährt ein Jet-Boot. Die eingefügte Werbung ist die einer Fluggesellschaft. Der Slogan heißt: ‚Über den Wolken‘. Dazu werden Loopings geflogen“, erklärte der Jüngling, während er an einem besonders dicken Pickel knibbelte. „Das Konzept hat jedenfalls gewirkt. Doktor Köster ist mit Anlauf durch die Scheibe getrashed. ‚Yippie’ hat er dabei geschrien“, fügte er nachdenklich dazu.„Die Werbung wirkt direkt auf das Emotionszentrum des Spielers, also desjenigen, der die Brille auf hat. Genau wirkt sie auf Amygdala und Hippocampus. Das ist bei Köster definitiv der Fall gewesen“, meldete sich eine junge Frau zu Wort.
Geiger schaute verwirrt. „Bitte was?“
„Das sind Teile des Hirns, in denen Emotionen entstehen“, klärte der junge Mann auf. „Wir hatten letztens einen Unternehmerberater und Psychologen im Haus. Er hat uns auf die Idee gebracht, Werbung in Spielen zu integrieren.“
„Er hatte es besonders auf den Vertrieb abgesehen und hat Köster mächtig unter Druck gesetzt. Auf die übelste Weise. Ich glaube er macht jetzt die Leute im achten Stock fertig“, die junge Frau wies mit dem Daumen nach unten. „Jedenfalls wollte Köster sich beweisen, deshalb hat er die VR Brille unbedingt testen wollen.“
Geiger und Fiedler starrten nachdenklich auf den angeschmuddelten Teppichboden. „So, so, Unternehmerberater ...“, murmelte Geiger.„... und Psychologe“, ergänzte Fiedler.Der Jüngling schaute verwirrt von einem zum anderen. „Wollen Sie sich keine Notizen machen? Oder ein Protokoll aufnehmen oder so ...“, er verstummte.„Ach so, das habe ich vergessen zu erwähnen. Wir sind nicht von der Polizei. Wir kommen aus dem achten Stock“, erklärte Geiger.„Wir müssen dann auch wieder. Doktor Kriese hast sich durch einen fliegenden Vertriebsleiter sicher nicht in seinem Vortrag stören lassen“, fügte Fiedler hinzu. Gemeinschaftlich machten sie kehrt und gingen in Richtung Fahrstuhl.„Das ist ja ein Ding, was“, merkte Geiger an, während Fiedler mit den Schultern zuckte. „Wenigstens ist er glücklich gestorben“, merkte er an.


Floristenglück
von Robin Royhs

Viola schaute auf die Uhr. Nur noch eine Viertelstunde bis zum Feierabend, es wurde also Zeit, um die richtige Auswahl zu treffen. Sollte es wieder bunt werden, oder lieber etwas gedeckter, fragte sie sich. Jetzt, im frühen Sommer hatte sie genügend Auswahl. Sie träumte von einer Hochzeit im August, wenn die Natur mit bunten Farben wucherte. Der Gedanke ließ sie verträumt lächeln.
Bald würde er ihr einen Antrag machen würde, ganz romantisch, da war sie sicher. So, wie er am letzten Muttertag die roten Rosen für seine Mutter gekauft hatte. Als er sie in Empfang genommen hatte, zog er eine besonders schöne Rose wieder aus dem Strauß und überreichte sie Viola. Obwohl ihr das Blumengeschäft gehörte, sie den Strauß gerade selbst gebunden hatte, rührte sie diese Geste und sie verliebte sich auf der Stelle in ihn.
Sie rief sich zur Ordnung, denn es wurde Zeit sich zu entscheiden. Dieses Mal sollte das Arrangement rosa werden. Routiniert packte sie alles zusammen, was sie brauchte und schloss den Laden ab.
Am Zielort angekommen parkte sie den kleinen Transporter mit dem leuchtend bunten Verweis auf ihren Laden am Straßenrand und hielt Ausschau nach seinem Auto. Zu ihrer Erleichterung sah sie, dass es auf dem gewohnten Parkplatz stand. Natürlich fuhr er einen Mercedes, etwas anderes hatte sie auch nicht von ihm erwartet.
Ehe sie sich ans Werk machte, schaute sie sich noch einmal gewissenhaft um, ließ auch den Blick über die Häuserfront schweifen. Sein Küchenfenster stand einen Spalt breit offen, er schien damit beschäftigt zu sein, sich das Abendessen zuzubereiten. Im Moment schien jeder beschäftigt zu sein, denn es war weit und breit kein Mensch zu sehen.Sie hatte bisher immer gewartet, bis es dunkel war, doch heute war das nicht nötig. Es würde schnell gehen. Sie machte sich ans Werk.
Als sie fertig war und einen Schritt zurücktrat, um alles noch einmal in Augenschein zu nehmen, hörte sie einen Hund bellen. Der Mann am anderen Ende der Leine stürmte auf sie zu, brüllte unverständliches. Was wollte der Fremde von ihr? Was ging es ihn an, wenn sie das Auto ihres Liebsten schmückte? Sie spurtete zu ihrem Lieferwagen und gab Gas.
Gleich nachdem sie am nächsten Morgen den Laden geöffnet hatte, schrieb Viola eine SMS. „Ich liebe dich. Hast du meine Überraschung an deinem Auto schon gesehen? Dieses Mal ist es etwas ganz Besonderes.“
Die Türglocke schlug an, ein Mann betrat den Laden, der sie von oben bis unten musterte.
„Keine Chance, mein Lieber. Ich bin schon vergeben“, dachte Viola und lächelte den Kunden an. „Kann ich etwas für Sie tun?“
Der Mann ballte die Fäuste. „Ich denke ja. In den letzten 14 Tagen habe ich mein Auto am Morgen mit Blumen behängt vorgefunden. Das war ärgerlich, weil ich das ganze Grünzeug vor dem Losfahren entfernen musste. Ich bin in der letzten Woche deshalb immer eine Viertelstunde früher zum Auto gegangen. Mal abgesehen davon, dass meine Frau mich mit Fragen bombardiert hat, wer es wohl sein könnte. Als ich gestern von meiner Abendrunde mit dem Hund zurückkam, habe ich mein Auto nicht mit Blumen geschmückt vorgefunden, sondern...“
An dieser Stelle unterbrach Viola den Fremden. „Was geht mich das an? Ich kenne Sie nicht. Was fahren sie überhaupt für einen Wagen?“
Er schwieg einen Moment verblüfft, bevor er losbrüllte: „Verdammt noch mal, ich fahre einen Mercedes. Den habe ich vor 14 Tagen von meinem Nachbarn gekauft. Ich habe gestern Abend gesehen, dass Sie ihn mit Farbe besprüht haben und anschließend mit ihrem Firmenwagen weggefahren sind. ‚Ich liebe Dich für immer’ steht jetzt auf der Motorhaube. Das ist an sich schon ärgerlich genug, aber meine Frau hat mir mit der Scheidung gedroht, weil ich offensichtlich ein Verhältnis mit einer Verrückten habe“, er hielt schwer atmend inne.Viola war wie betäubt, merkte erst jetzt, dass ihr Handy klingelte, nahm den Anruf entgegen. Ihr Liebster, war am Apparat. „Zum tausendsten Mal, ich liebe dich nicht. Was immer du mit meinem Auto gemacht hast wird nichts ändern. Lass mich endlich in Ruhe, sonst werde ich dich anzeigen.“
Viola sackte in sich zusammen, das Telefon fiel ihr in den Eimer mit den Grünabfällen. „Du wirst schon noch kapieren, dass du mich liebst“, flüsterte sie, bevor sie in Ohnmacht fiel.


Julia wartet
von Robin Royhs

Er wollte einfach weg. Irgendwohin!
Raus aus dem Regen, raus aus der Kälte, weg vom Alltagsgrau. Warm sollt es sein und sonnig, angenehm. Seine Wahl fiel auf Brasilien. Immer schon hatte er vom Amazonas geträumt. Eine kleine Hütte mit einer Veranda, von der aus man über den gewaltigen Strom sehen konnte.„Es ist Regenzeit, es kann sein, dass es dort bis zu 6 Stunden regnet“, warnte ihn die Angestellte im Reisebüro.
Er zuckte die Schultern. „Wenigstens ist es warmes Wasser. Ich habe keine Zeit zu verlieren.“
Er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Ein halbes Jahr, vielleicht. Wahrscheinlich würde es weniger sein. So buchte er den Flug, alles Weitere würde sich zeigen. Er erzählte niemandem von seinem Entschluss. Wieso auch, sie waren ihm alle nicht wichtig. Julia war wichtig gewesen, doch sie hatte ihn verlassen, unspektakulär, einfach so. Manchmal träumte er von ihr, wachte auf, tastete neben sich, wollte ihre Wärme spüren. Dann machte sich Enttäuschung breit und Bitterkeit.Seine Sachen warn schnell gepackt, viel würde er sicher nicht brauchen.

Er saß auf der Veranda des Holzhauses, hoch über dem Fluss, versunken in die Betrachtung des Sonnenuntergangs. Er war barfuß, trug eine alte, abgeschnittene Jeans, hatte ein Tuch um den kahlen Kopf geschlungen. Verwegen kam er sich vor und verdammt gesund. Das Holz der Veranda fühlte sich angenehm an, warm und lebendig. Während die Sonne den Amazonas blutrot färbte, die Hitze des Tages allmählich verlosch, träumte er vor sich hin. Wünschte sich Julia her, ganz nah neben sich, damit sie sich aneinander wärmen konnten, wenn es Nacht wurde. Doch Julia war nicht da, würde ihn niemals mehr wärmen. Er schloss die Augen.„Hallo“, sagte eine Stimme.
Er hatte sie nicht kommen hören. Vielleicht hatte sie ein Vogel hier abgesetzt, eine Harpyie. Das hätte zu der unwirklichen Situation gepasst, zum Dämmerlicht, das sie einhüllte.
Wie alt mochte sie sein? Jung, nicht älter als 10 Jahre, eher jünger. Dunkle Haare umrahmten ein Gesicht, aus dem nachtschwarze Augen glitzerten. Fast hypnotisch wirkten sie, jung und doch uralt. Sie stand einfach da, mit schief gelegtem Kopf, betrachtete ihn still. Fast kam es ihm vor, als wären sie vertraut miteinander.
„Es ist soweit“, sagte sie schließlich.„Was meinst du?“, fragte er. „Was ist soweit?“
„Nun, ich bin hier um dich abzuholen, du stirbst.“
Er schüttelte den Kopf. „Unsinn, es geht mir gut. Der Amazonas bekommt mir. Ich will hier bleiben. Verschwinde.“ Ungeduldig wedelte er mit der Hand. <