Aktuell

Stefanie Gregg
Nebelkinder


„Rücken gerade, Kinn hoch, Contenance“, das ist die Maxime, mit der Liliths Großmutter Käthe großgeworden ist. Aus einer wohlhabenden schlesischen Familie stammend, tut sie etwas Unerhörtes: Sie lässt sich scheiden, um ihre große Liebe, von der sie ein Kind erwartet, zu heiraten. Alles könnte perfekt sein, doch der zweite Weltkrieg zerstört das Glück. Käthe muss mit ihren Töchtern Ana und Helene aus Breslau flüchten. Schon auf dieser Odyssee übernimmt Ana die Verantwortung für Mutter und Schwester, weil die traumatisierte Käthe dazu nicht in der Lage ist. Schließlich kommen die Flüchtlinge in München an, werden dort sesshaft. 
Lilith, Anas Tochter kann nicht verstehen, dass ihre Mutter sich so distanziert verhält. Alle Versuche mit Ana darüber zu sprechen scheitern. Vor die Wahl gestellt, das Kind ihrer besten Freundin aufzunehmen, überdenkt sie die Mutter – Tochter Beziehung neu. Schließlich besucht sie zusammen mit Ana deren alte Heimat und begreift nach und nach, warum ihre Mutter Gefühle oft einfach nicht zeigen kann.

Sorry, das geht gar nicht! Dieser Roman hat mich eine schlaflose Nacht gekostet! 
Denn einmal mit dem Lesen angefangen, kann man das Buch schwer bis gar nicht aus der Hand legen.
Einmal mehr ist es Stefanie Gregg gelungen, einen Roman zu schreiben, der unter die Haut geht. Wobei sie zwar Famlienerinnerungen in das Buch einfließen lässt, jedoch immer die nötige Distanz wahrt. 
Auch hat die Autorin gut recherchiert, sich intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt. Sie lässt den Leser die Auswirkungen des zweiten Weltkrieges hautnah miterleben. Flucht, der Kampf ums tägliche Überleben, dann der mühsame Neubeginn werden authentisch geschildert. Sicher ist das zuweilen keine leichte Kost, die hier dargeboten wird. Doch haben sich gerade zum Ende des Krieges unvorstellbare Grausamkeiten abgespielt und es ist wichtig, das niemals zu vergessen.
Die Handlung des Romans spielt sich auf verschiedenen Zeitebenen ab und wird zudem aus drei unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Trotzdem verliert der Leser zu keiner Zeit den Überblick, wird im Gegenteil durch die kurzen Kapitel und den schnellen Wechsel der Geschehnisse, Zeiten und Personen in die Handlung hineinversetzt, die durch ihre Lebendigkeit besticht. 
Es ist kaum möglich, sich der Faszination der Geschichte zu entziehen, denn die Story kommt einfach lebensnah rüber. Dabei bleibt Stefanie Gregg zwar sachlich, schildert Situationen aber einfühlsam, sehr eindringlich und zuweilen wunderbar poetisch. Gekonnt setzt die Autorin das Kopfkino in Gang, lässt den Leser mit den Protagonisten leiden, aber auch Freude erleben. So sind auch die einzelnen Charaktere sehr authentisch, der Leser kann sich gut in ihre Lage versetzen. Was die Großmutter und Mutter auf der Flucht erlebt haben, prägt auch die Enkeltochter, bzw. Tochter, Lilith, weil so viel unausgesprochen bleibt und nie über die Ereignisse geredet wird. Wobei mich fasziniert, dass die vermeintlichen Schwächen der Frauen doch eigentlich ihre Stärke ausmachen. 
‚Nebelkinder‘ ein wichtiges Buch, das aufzeigt, was jahrelang verschwiegen wurde: Das Leid der ‚Daheimgebliebenen‘, der Frauen, Kinder und auch der alten Menschen. Aber nicht nur das. Dieser Roman deckt auch auf, welche Muster uns prägen, welche Verhaltensweisen wir an den Tag legen, wie wir durch unsere Kindheit konditioniert worden sind.
Gern wäre ich dem Lebensweg der drei außergewöhnlichen Frauen noch ausführlicher gefolgt, hätte mehr über Käthes, Ana und Lilith erfahren wollen.
Doch ist ‚Nebelkinder‘ ein kompakter, sehr empfehlenswerter Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert.


David M. Barnett
Miss Gladys und ihr Astronaut


Miss Gladys ist ein wenig durcheinander, was kein Wunder ist. Erst verliert sie auf tragische Weise ihre Schwiegertochter, dann kommt ihr Sohn ins Gefängnis. Nun soll sie sich um die Enkelkinder Elli und James kümmern. Das klappt nicht wirklich, weil Miss Gladys immer mehr vergisst und alles durcheinander bringt. So versucht die 15jähre Elli die Familie über Wasser zu halten. Thomas Major ist der erste Astronaut, der auf dem Weg zum Mars ist. Schon im Orbit beschließt er, ein letztes Mal mit seiner Exfrau telefonieren, landet aber versehentlich bei Miss Gladys. Er kommt ihr wie gerufen, denn sie und ihre Enkel laufen Gefahr, ihr Haus zu verlieren. So bittet Miss Gladys den Astronauten um seine Hilfe.
Dieser Roman ist einfach bezaubernd und nimmt den Leser mit auf eine wunderbare Reise: Die aufgrund einer Demenzerkrankung verwirrte, aber sehr liebenswerte Miss Gladys telefoniert durch einen Zufall mit dem Astronauten Thomas Major, der sich auf einer Mission zum Mars befindet. Das klingt erst einmal witzig, doch wer einen eher platten, lustigen Roman erwartet, liegt völlig falsch. Das Buch hat durchaus Tiefgang, erzählt eine Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalt und Familie. Die Protagonisten sind liebevoll gezeichnet, haben ihre Ecken und Kanten, sind aber trotzdem durchweg sympathisch. Elli, die verzweifelt versucht, die Familie zusammenzuhalten. Ihr Bruder James, der tapfer dem Mobbing seiner Mitschüler entgegentritt. Major Tom, der verbitterte Astronaut. Er hat sich für den Flug zum Mars entschieden, damit er der Menschheit überdrüssig ist. Last but not least, Miss Gladys, der Star der Truppe. Sie ist der Prototyp der herzigen Omi. Man muss sie einfach mögen. In kurzen Rückblenden erzählt Barnett die Lebensgeschichte von Major Tom, aber auch die von Miss Gladys und ihrer Familie. So dass der Leser sich gut einfühlen kann, von Anfang an gefesselt ist.Dazu ist die Story leicht, locker und mit viel Humor erzählt, wobei allerdings auch Spannung und Dramatik nicht zu kurz kommen.
‚Miss Gladys und ihr Astronaut’ ist eine Parabel über Freundschaft und den Willen, niemals aufzugeben. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Andreas Gößling
Wolfswut


Lotte Soltau kann es nicht fassen und ist am Boden zerstört. Ihr geliebter Vater ist gestorben. Auch im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft hinterlässt Alex Soltau eine große Lücke, denn er war immer gesellig, mitfühlend, hilfsbereit und freundlich.Beim Durchsehen der Hinterlassenschaft findet Lotte einen mysteriösen Schlüssel mit anhängender Andresse. Scheinbar hat ihr Vater eine halb verfallene Baracke in einem Industriegebiet angemietet. Neugierig begibt sich die Tochter dort hin. Sie findet ein paar harmlos aussehende Fässer. Als Lotte eines der Fässer öffnet, erfasst sie das Grauen, denn sie findet den abgetrennten Kopf einer Frau, konserviert in Formaldehyd. Die Polizei stellt fest, dass sich auch in den anderen Fässern weibliche Leichenteile befinden. Kommissarin Hallstein ermittelt. Bald ist sie überzeugt davon, dass es noch einen zweiten Täter geben muss, aber ihre Vorgesetzte versucht sie mit allen Mitteln zu stoppen. Andreas Gößling ist Germanist, Politik- und Kommunikationswissenschaftler. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht. Die zusammen mit Michael Tsokos publizierten True Crime Thriller (‚Zerschunden’, ‚Zersetzt’, ‚Zerbrochen’) sind auf der Top-Ten - Bestsellerliste des Spiegels.
Zunächst einmal eine Warnung: Es ist Vorsicht geboten, denn bei diesem Thriller besteht Suchtgefahr. Hat man sich einmal auf die Story eingelassen, so ist es fast unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen. Allerdings ist dieser True Crime Thriller nichts für schwache Nerven und/oder einen empfindlichen Magen. Es geht zur Sache. Gössling schildert die bestialischen Morde in allen Einzelheiten und so eindringlich, dass sich das Kopfkino wie von selbst in Gang setzt. Der Leser ist abgestoßen von der geschilderten Brutalität, wird aber gleichsam in die Handlung hineingezogen und auf einen gnadenlosen Horrortrip mitgenommen.Dabei gelingt es Gößling mühelos, die unglaubliche Spannung aufrecht zu erhalten. Wobei besonders beeindruckt, dass es sich bei der Handlung um eine real geschehene Mordserie handelt. Auch den geschilderte ‚Zombiestrich’ und andere, in die Handlung eingebundene mehr als zwielichtige Etablissements gibt es in Berlin tatsächlich. Die Charaktere, allen voran die ermittelnde Kommissarin Hallstein und ihr Partner Max, sind authentisch, ihre Handlungsweise gut nachzuvollziehen. Besonders beeindruckend: Der Täter ist ein unbescholtener Bürger, allerorts hoch angesehen, als grundgütig und integer eingeschätzt. Doch lauert hinter der Fassade ein zerrissener, getriebener Mensch, grausam, ohne Mitleid und völlig gewissenlos. Überzeugt davon, dass er das Richtige tut. Erst nach und nach wird klar, was sich eigentlich über Jahrzehnte in der vermeintlich heilen Welt abgespielt hat und auch das macht den Reiz des Thrillers aus. Immer wieder gibt es Überraschungen und unerwartete Wendungen. Doch der Showdown toppt alles und so bleibt das Buch buchstäblich bis zur letzten Zeile spannend.
‚Wolfswut’ ist ein True Crime Thriller der Extraklasse und absolut lesenswert. Doch teilweise schwere Kost und sicher nicht für Leser von Mops - Krimis geeignet.


Megan Miranda
Tick - Tack, Wie lange kannst du lügen


Vor zehn Jahren hat Nicolette, die von ihren Freunden Nic genannt wird, ihren Heimatort, das kleine Städtchen Cooley Ridge, verlassen. In dieser Nacht ist ihre beste Freundin Corinne spurlos verschwunden. Die Erinnerungen an die Ereignisse lassen Nic nicht los, denn die Polizei hat die Ermittlungen um das Verschwinden von Corinne eingestellt. Nun erhält Nic einen Brief von ihrem an Demenz erkrankten Vater. ‚Dieses Mädchen, ich habe es gesehen’, schreibt er. Nic weiß genau, dass er nur Corinne meinen kann. Gleichzeitig bittet ihr Bruder sie, zurück in das von dunklen Wäldern umgebene Städtchen zu kommen, um bei dem Verkauf des Elternhauses zu helfen. Kurzentschlossen fährt Nic nach Cooley Ridge. Genau wie damals, als Corinne verschwand, ist wieder ein Jahrmarkt. Wieder wird ein Mädchen vermisst. Es ist Annaleise, die Nic und ihren Freunden damals ein Alibi gegeben hat.
Dieser Thriller ist anders, denn Megan Miranda lässt sich auf ein erzählerisches Experiment ein: Nach der gekonnten Einführung, in der man die Familie und das Umfeld der Protagonistin kennen lernt und in der es Miranda bereits gelingt, eine hohe, temporeiche Spannung aufzubauen, springt die Erzählung gut zwei Wochen in die Zukunft. Eine Tote wird gefunden und man fragt sich, ob sich die Geschichte von vor zehn Jahren wiederholt.Doch dann bekommt die Story einen besonderen Drive, denn Megan Miranda lässt Nic jeden Tag seit ihrer Ankunft erleben, aber in umgekehrter Form. Das hört sich merkwürdig an, funktioniert aber richtig gut, obwohl diese Erzählweise gewöhnungsbedürftig ist. Der Leser ist zu Anfang versucht, die einzelnen Teile in umgekehrter Reihenfolge zu lesen, so wie es chronologisch richtig wäre. Doch wenn er sich auf das Buch einlässt, rutschen alle Puzzleteile wie von selbst in die richtige Reihenfolge.Miranda ist es gelungen, einen atmosphärisch dichten Thriller zu schreiben. Sie skizziert das Miteinander der Dorfgemeinschaft, in der nichts verborgen bleibt, mit sicherer Hand. Die besondere Beziehung zwischen der Protagonistin und ihrer großen Liebe Tylor arbeitet sie gut heraus. Alle weiteren Charaktere sind klar gezeichnet, die Handlungsweisen leicht nachzuvollziehen. Auch ist der Showdown gut durchdacht, folgerichtig und trotzdem völlig unerwartet.Dies ist ein empfehlenswerter Thriller, der dem Leser allerdings einiges an Aufmerksamkeit abfordert.


Stefan Bachmann
Palast der Finsternis


Anouk ist anders: aggressiv, verschlossen, an normalen Aktivitäten einer 17-jährigen nicht interessiert. Sie und vier weitere Jugendliche sind von einer reichen Familie engagiert worden, um einen mysteriösen, unterirdischen Palast zu erforschen, den im 18. Jahrhundert ein französischer Adeliger als Versteck für sich und seine Familie in eine riesige Höhle bauen ließ. Doch bald stellt es sich heraus, dass das Ganze eine Finte ist. Die Jugendlichen werden betäubt und finden sich in einem Spiegelkabinett wieder, man trachtet ihnen nach dem Leben. Sie flüchten in den unterirdischen Palast. Hier erwartet sie in jedem Raum ein neuer Abgrund. Auch gibt es dunkle Wesen, die den jungen Leuten nach dem Leben trachten.
Schon das Cover für diesen Roman ist fantastisch. Es bezieht sich auf den unterirdischen Palast, macht den Leser neugierig auf das Buch, ohne marktschreierisch zu wirken, wie es bei so manchem Cover dieses Genres der Fall ist.Der Klappentext ist ein wenig dürftig, wird diesem großartigen Roman nicht gerecht. Er ist wesentlich vielschichtiger, als es der Klappentext erkennen lässt und setzt sofort das Kopfkino in Gang.Stefan Bachmann schafft es, von Anfang an eine unglaubliche Spannung zu erzeugen und diese bis zum Schluss zu halten. Atemlos verfolgt der Leser die abenteuerliche Odyssee von Anouk und ihren Mitstreitern. Es gibt fiese Typen, merkwürdige, roboterhafte Soldaten und gruselige Wesen, die den jungen Leuten alle ans Leder wollen. Dazu kommt ein ausgeklügeltes Fallensystem in allen Räumen. Doch klingt alles immer logisch und glaubhaft, ist nicht überzogen.Der Roman spielt abwechselt zu Zeit der Französischen Revolution und in der Jetztzeit. Beide Zeitebenen haben Bezug zu einander. Doch ist das erst im letzten Drittel des Buches ersichtlich, was die Story noch spannender macht.Das Buch ist der Jugendliteratur zugeordnet, was irreführend ist, denn auch (oder gerade) Erwachsene, die Romane des Genres mögen, kommen voll und ganz auf ihre Kosten.
„Palast der Finsternis“ ist ein toller, sehr empfehlenswerter Roman.


Jess Kidd
Der Freund der Toten

1976 - Das kleine irische Dorf Mulderrig ist ein Kosmos für sich. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jeder weiß alles über jeden, nichts bleibt verborgen. Hierher kommt der sympathische, aber abgerissene Mahonny. Er ist kurz nach seiner Geburt vor der Tür eines Dubliner Waisenhauses gefunden worden. Dort ist ihn suggeriert worden, dass seine Mutter eine Hafen Hure wäre und kein Interesse an ihrem Sohn hätte. Doch nun hat er ein Foto mit einer Nachricht seiner Mutter bekommen, die sie dem Baby mitgegeben hatte und die ein völlig anderes Licht auf sie wirft. So reist er in seinen Geburtsort um herauszufinden, was vor sechsundzwanzig Jahren wirklich geschehen ist. Bald schon wir offenbar, dass es dunkle Geheimnisse in Mulderrig gibt. Einzig die alte Mrs. Couley, eine anarchistische ehemalige Schauspielerin, hilft ihm Licht ins Dunkel zu bringen.
‚Der Freund der Toten’ ist Jess Kidd’s Debütroman. Die studierte Literaturwissenschaftlerin hat ihre Kindheit in einem Dorf an der irischen Westküste verbracht. Ob es daran liegt oder ob Jess Kidd ein so großes Einfühlungsvermögen besitzt - auf jeden Fall vermittelt sie dem Leser großartige Einblicke in die irische Seele. In den geheimnisvollen, dunklen Wäldern wimmelt es von mystischen Wesen. Auch die Toten ruhen nicht in ihren Gräbern, sondern sind umtriebig, helfen dem mit paranormalen Fähigkeiten ausgestatteten Mahonny das Rätsel um das Verschwinden seiner Mutter zu lösen.Hinzu kommen jede Menge knorrige Dorfeinwohner, die Jess Kidd so lebensnah aufzeichnet, dass der Leser sie vor dem inneren Auge sehen kann. Dabei wechselt die Autorin zwischen den verschieden Charakteren hin und her, lässt alle wichtigen Figuren aus deren Sicht agieren, was der etwas verworrenen Handlung gut tut. Gerade die divenhafte Mrs. Couley muss der Leser einfach ins Herz schließen. Mit ihrer trockenen Art sorgt sie für so manchen Schmunzler.Dabei hat Jess Kidd eine unglaublich poetische Erzählweise, sodass die Story zuweilen wie ein Märchen daherkommt. Dann wieder blitzt der schwarze Humor der Autorin auf, lässt ausgerechnet die Toten verrückte Dinge tun.Die Spannung kommt nicht zu kurz, denn hier handelt es sich um einen Mordfall, was schon nach der ersten Seiten des Buches klar ist. Auch das furiose Ende fesselt ungemein.Fazit: Wenn sich der Leser auf diesen Roman einlässt, ist ‚Der Freund der Toten’ ein märchenhafter, spannender, meisterhaft geschriebener Krimi.


Anna Bednorz
Mord im Cottage


Aoife ist eine typische Großstadtpflanze. Umso entsetzter ist sie, als ihr Verleger sie in einem kleinen, irischen Dorf unterbringt, weil sie eine Schreibblockade hat und nicht abliefern kann. So quartiert sie sich mehr schlecht als recht, zusammen mit ihrem Kater Dr. Jingles, in einem Cottage in Ard Carraig ein. Aoife kommt allerdings nicht zur Ruhe. Gleich am nächsten Tag findet sie ein zerrissenes Exemplar eines ihrer Bestseller im Garten. Weitere zerstörte Bücher folgen. Zu Recht fühlt sich Aoife bedroht. Zusammen mit den hilfsbereiten Dorfbewohnern versucht sie, dem Täter auf die Spur zu kommen.Anna Bednorz ist eigentlich Paläontologin, arbeitet heute aber in der Software-Branche. ‚Mord im Cottage’ ist ihr erster Roman.
Obwohl der Roman dem Genre Krimi zugeordnet wird, will sich das Gänsehautgefühl nicht einstellen. Knisternde Spannung erzeugt Anna Bednorz nicht wirklich. Das tut aber dem Charme dieses Romans keinen Abbruch. Mit Herz und Humor schildert die Autorin die urigen Dorfbewohner des kleinen irischen Ortes. Wobei es dem Leser vorkommt, als würde er selbst inmitten dieser skurrilen Menschen leben, am Dorfleben teilnehmen. Er ist, genau wie die Protagonistin, zunächst irritiert, fühlt sich aber schnell pudelwohl. Genau das ist es, was der Roman vermittelt. Der Leser fühlt sich wohl damit, lässt sich von der Story bis zu Ende mitnehmen. Anne Bednorz Schreibstil ist leicht, locker, unverkrampft. Ihr Vergnügen beim Schreiben kommt wunderbar herüber. So wird das Buch zu einer netten Urlaubslektüre, die sich wunderbar ‚weglesen’ lässt.Fazit: Wer einen knallharten Krimi erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden, doch wer sich auf die Story einlässt, erlebt ein ungetrübtes Lesevergnügen mir diesem Roman.


Helen Bryan
Fünf Frauen, der Krieg und die Liebe


Wir schreiben das Jahr 1937. Deutsche Flugzeuge werfen erbarmungslos Bomben über England ab. Die Bevölkerung lebt in Angst und Schrecken, denn der Krieg droht sich vom europäischen Festland aus auch in Groß Britannien auszubreiten.In dem kleinen, beschaulichen Dort Crowmarsh Priors ändert sich mit Kriegsbeginn alles. Die Dinge des täglichen Bedarfs werden knapp, Lebensmittel sind rationiert. Männer verlassen das Dorf, ziehen in den Krieg. Die Frauen versuchen, so gut es geht allein zurechtzukommen. Fünf junge Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein können, lernen sich kennen und schließen eine Freundschaft miteinander, die ihr Leben für immer verändern wird. Sie erfahren Schreckliches, werden schließlich getrennt und bauen sich ein neues Leben auf.1997, am Jahrestag des Victory  in Europe Day, treffen sie sich vier von ihnen wieder in Crowmarsh Priors. Die Fernsehsender präsentieren vier alte Damen mit ihren herzerwärmenden Geschichten als Kriegsbräute einer vergangenen Epoche. Doch der Schein trügt. Der wirkliche Grund für das Wiedersehen ist, dass die Freundinnen eine alte Rechnung begleichen wollen, denn eine von ihnen fehlt. Mit diesem Buch ist es Helen Bryan gelungen, den Leser auf berührende Art ein Stück Zeitgeschichte näher zubringen. Doch wer aufgrund des etwas irreführenden Titels meint, dass es sich hierbei ‚nur’ um eine Liebesgeschichte handelt, wird enttäuscht sein. Das Buch ist alles andere als belanglos. Es schildert den schrecklichen Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der fünf Mädchen, die sich in dem kleinen Ort im Süden Englands begegnen. Dabei bleibt es nicht bei der Aneinanderreihung von Begebenheiten. Der Leser wird mitgenommen, erlebt alles hautnah. Schreckliches, aber auch heitere Begebenheiten präsentiert Helen Bryan sehr gekonnt. Fünf Frauen, die von der Herkunft und dem Temperament völlig verschieden sind, lernen sich schätzen, schließen Freundschaft miteinander. Bewältigen die kleinen und großen Katastrophen des Alltags auf unnachahmliche Weise. Doch gibt es auch tragische Momente, die teilweise zu Tränen rühren.Hinzu kommt ein realer geschichtlicher Hintergrund. Bryan hat gut recherchiert, klingt aber niemals belehrend. Wobei es interessant ist, über das Kriegsgeschehen aus der Sicht der ganz normalen Menschen in Groß Britannien zu lesen. Trotzdem ist der Roman niemals langweilig oder trivial.Fazit: ‚ Fünf Frauen, der Krieg und die Liebe’ ist ein sehr empfehlenswerter Roman für alle geschichtlich interessierten.


Stefanie Gregg
Mein schlimmster schönster Sommer


Isabel ist mit ihrem Leben rundum zufrieden. Als Unternehmensberaterin geht sie in ihrer Arbeit auf. Ihr Lebensgefährte Georg ist ein Mann mit Niveau, auch er berät Unternehmen, ist sehr erfolgreich im Job. So trifft sie die Diagnose Krebs völlig unvorbereitet. Als sie für zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wird, um sich auf eine große Operation vorzubereiten, weiß sie, dass nichts mehr so ist, wie es war. Auf der Fahrt nach Hause sieht sie einen alten gelben VW Bus am Straßenrand stehen. Der Bully steht zum Verkauf. Also entschließt sich Isabel spontan, das Teil für die nächsten vierzehn Tage zu mieten, um damit in die Provence zu fahren. Allerdings gibt es ein Problem: Rasso, der Eigentümer des Busses muss noch eine dringende Sache erledigen, nämlich die Asche seiner Mutter an ihren Bestimmungsort bringen. Also einigt man sich und es beginnt eine unglaubliche Tour durch Bayern, die in Berlin endet.
Mit dieser Road Novel ist es Stefanie Gregg gelungen, auf unterhaltsame Weise eine berührende Geschichte zu erzählen, bei der Lächeln und traurig sein nah beieinander liegen. Eine Geschichte, die voller Überraschungen ist und den Leser von Anfang an mitnimmt. Schnell findet er sich als unsichtbarer Mitfahrer im Bully wieder, erlebt Höhen und Tiefen, komische und nachdenkliche Situationen hautnah.Mit ihrem bewährt flüssigen Schreibstil und durch gelungene, witzige Dialoge haucht Stefanie Gregg ihren Protagonisten Leben ein. Gut nachvollziehbar zeichnet sie Isabels Entwicklungsweg von der biederen Unternehmensberaterin zum unberechenbaren und lebenshungrigen Aussteigerin. Immer wieder gibt es Rückblenden, in denen Isabells Träume aufgezeigt werden. Das macht deutlich, wie weit sie sich von ihrem eigentlichen Ich entfernt hat, wie sehr ihr ihre Sehnsüchte in dieser Situation vor Augen stehen. Es ist verständlich, dass sie nun alles tut, um diese Sehnsüchte zu befriedigen. Dabei kommt sie so sympathisch und voller Leben daher, dass das berührende Ende des Romans ein Gänsehaut Feeling hinterlässt. Aber auch die anderen Charaktere des Romans sind so lebendig geschildert, dass der Leser meint, ihnen allen schon einmal begegnet zu sein. Rasso, der verkrachte Musiker und Bullybesitzer, lebt in den Tag hinein, ist also das genaue Gegenteil der vormals karriereorientierten Isabel. Ganz anders Georg, Isabels Lebenspartner. Er hat sich nie groß mit seinen Gefühlen auseinandergesetzt, merkt erst jetzt, wie sehr er an seiner Partnerin hängt. Auch hier schildert Stefanie Gregg eindrucksvoll eine interessante Entwicklung. Selbst Menschen, die Isabel auf ihrer Fahrt nur kurz begegnen, hat die Autorin liebevoll und detailgenau in Szene gesetzt. Genau so, wie Streuner, den anhänglichen Hund, der sich dazu entschließt, Isabel und Rasso auf ihrer Tour mit dem Bully zu begleiten. Neugierig geworden? Das mit Recht, denn ‚Mein schlimmster schönster Sommer’ ist ein herzerfrischender Roman, der einmal mehr aufzeigt, wie wenig planbar das Leben doch ist. Ein Roman über Freundschaft, Liebe und darüber, dass wir niemals aufhören sollten zu träumen.


Karen Winter
Wenn du mich tötest


In den schottischen Küstenort Kinlochbervie verirrt sich kaum ein Tourist. Deshalb sorgt das deutsche Ehepaar Laura und Julian, das ein paar Tage an einem abgelegenen Strand in der Nähe des Ortes zelten will für Aufsehen. Als Julian nach einiger Zeit völlig verstört auftaucht und berichtet, dass seine Frau verschwunden ist, bringt er den Ort gehörig durcheinander. Laura ist tatsächlich spurlos verschwunden, die Polizei steht vor einem Rätsel. Schon bald steht Julian unter Verdacht, seine Frau getötet zu haben, denn in dem verlassenen Zelt des Pärchens sind Blutspuren gefunden worden.
Diese ungewöhnliche Story fesselt den Leser von Anfang an. Dabei ist es keine reißerische Geschichte, die Karen Winter hier gekonnt erzählt. Viel mehr arbeitet sie mit leiseren, aber sehr eindringlichen Tönen. Sie verzichtet auf blutrünstige Szenen und schafft es trotzdem Spannung aufzubauen.Stück für Stück offenbart sie die Schattenseiten einer vordergründig intakten, glücklichen Ehe. Hinzu kommt ein geheimnisvoller Einwohner des kleine schottischen Ortes, der mit erschreckenden Vorahnungen zu kämpfen hat, die sich meist bewahrheiten. Auch das die Ermittlungen des zuständigen Kommissars im Vordergrund der Geschichte stehen und nicht seine durchaus vorhandenen privaten Probleme ist erfrischend. Dabei bleiben alles Charaktere lebendig und auf ihre Art sympathisch. Ihre Handlungsweise ist gut nachzuvollziehen, nichts erscheint konstruiert.‚Wenn du mich tötest’ ist ein leiser, aber unheimlich spannender Krimi.


Anna Martens
Blinde Schatten


Johanna ist mit Leib und Seele Goldschmiedin. Sie betreibt mit zwei Freundinnen einen kleinen, aber gutgehenden Laden. Eines Abends wird sie überfallen und überlebt um Haaresbreite diesen Anschlag. Als Folge verliert sie das Gedächtnis, kann sich nur mühsam wieder zurück ins Leben kämpfen. Der Täter ist unerkannt entkommen und Johanna kann sich nicht vorstellen, wer ihr nach dem Leben trachtet. Auch die Polizei steht vor einem Rätsel. Wer könnte Johanna so sehr hassen, dass er sie umbringen will?
‚Blinde Schatten’ ist ein Thriller der Extraklasse. Es gelingt Anna Martens von Anfang an eine ungeheure Spannung aufzubauen, die der Roman bis zum Finale halten kann. Dabei ist die Handlung logisch aufgebaut und gut nachzuvollziehen. Die Ängste der Protagonistin, die ihr Gedächtnis verloren hat, sind nur zu realistisch. Die Bedrohung durch den brutalen Täter hängt wie eine dunkle Wolke über ihr und sie hat dem nichts entgegenzusetzen.Dass der Thriller in der Ich-Form geschrieben ist, macht ihn absolut realistisch, wobei Martens immer wieder in kurzen Sequenzen die abstrusen Gedankengänge des Täters beschreibt. Auch das erhöht den Spannungsbogen.Wenn es überhaupt etwas zu meckern gibt, dann das in der Auflösung ziemlich viel zusammenkommt, mit dem der Leser so gar nicht gerechnet hat. Aber das ist Kritik auf einem ganz hohen Niveau. Insgesamt ist dies ein sehr empfehlenswerter Thriller, der gut in einem Zug ausgelesen werden kann, denn er lässt den Leser nicht zur Ruhe kommen.


Christopher Many
Hinter dem Horizont rechts


Das Leben ist eine große Reise, für den einen mehr, für den anderen weniger. Für Christopher Many ist es eine immerwährende Weltreise. 1997 ist er zu seinem ersten Overlandtrip aufgebrochen. Er wollte maximal zwei Jahren mit seinem Motorrad namens ‚Puck’, einer Yamaha XTZ 660 Ténéré, unterwegs sein. Inzwischen sind 19 Jahre vergangen und immer noch treibt es ihn um. ‚Hinter dem Horizont rechts’ ist die Geschichte von Christophers jüngstem Abenteuer. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Laura Pattara (die sich das Motorradfahren erst auf dieser Reise mittels ‚learning by doing’ angeeignet hat) machte er sich auf den Weg. Vier Jahre sind die beiden mit ihren Motorrädern unterwegs gewesen. Sie starteten in Deutschland, folgten schließlich der Seidenstraße über das Pamirgebirge bis nach China. Von dort aus ging es letztendlich nach Bali, genauer nach Denpasur. Denpasar ist der Verschiffungsort nach Australien und gleichzeitig die Endstation einer der größten klassischen Routen für Overlander.Bereits 2002 hat Christopher Many die Welt in 8 Jahren mit einem alten Range Rover umrundet. In dem Buch ‚Hinter dem Horizont links’ schildert er seine Erlebnisse. Nun hat er sich also, zusammen mit seiner patenten Partnerin, erneut auf den Weg gemacht.  Auf ca. 500 Seiten schildert er die Geschichte dieser Reise. Doch ist das Buch nicht eine Aneinanderreihung von Reisezielen und Ereignissen, sondern die packende Geschichte eines einzigartigen Abenteuers, das von 2012 bis 2016 gedauert hat und scheinbar immer noch nicht zu Ende ist.
Mit großem Einfühlungsvermögen geht Many auf die Menschen in den jeweiligen Regionen ein und entwickelt dabei eine ungeheure Empathie, sucht immer wieder das Gespräch mit dem Mann/der Frau auf der Straße, hinterfragt die oft schwierigen Lebenssituationen. Zwischendurch gibt es Einblicke in die geschichtlichen Hintergründe und die gegenwärtige Situation des jeweiligen Teils der Welt, wobei Many durchaus auch kritisch mit der Haltung der Europäer und der USA umgeht. Dabei ist er niemals einseitig, sondern beleuchtet neutral die Situation.Komische, tragische und auch lebensgefährliche Momente wechseln sich ab, machen das Buch so zu einer spannenden Lektüre. Doch weckt die Reiseerzählung auch das Fernweh, denn gerade die grandiosen Landschaften werden von Many so lebensnah geschildert, als würde der Leser sich an seiner Seite befinden. Aufgelockert wird das Buch immer wieder durch tolle Bilder, die zum besseren Verständnis mit kurzen Texten versehen sind.Christopher Many ist ein vagabundierender Philosoph, für den das Reisen Leben ist. Nicht umsonst ist sein Lieblingsphilosoph Diogenes von Sinope, welcher auch durch seine minimalistische Lebensart bekannt war.Das Buch ist nicht nur ein spannender und anregender Reisebericht, sondern viel mehr. Es ist eine Reise zu den verschiedensten Regionen der Erde mit ihrer einzigartigen Vielfalt und ihren Menschen, die grundverschieden und doch irgendwie gleich sind. Es ist eine Reise zu sich selbst und regt dazu an, die eigene Position zu überdenken. Zu überlegen, ob uns nicht zu oft vorgeschobene Gründe, Ausreden und Angst vor der eigenen Courage davon abhalten so zu leben, wie wir es wirklich wollen.Zum Abschluss hier die letzten, charmanten Sätze aus diesem faszinierenden Buch:„Es gibt unendlich viele Orte zu sehen, Geschichten zu erzählen. Und sollten wir uns irgendwo hinter dem Horizont begegnen, gebe ich die erste Runde was-auch-immer an unserem Lagerfeuer aus. Ich wünsche eine gute Lebensreise, und mögen Sie, wie es unter Overlandern heißt, stets eine Handbreit Benzin im Tank haben.“



Jessica Koch
Dem Horizont so nah


Jessica ist 17 Jahre alt und führt das ganz normale Leben eines Teenagers. Das ändert sich abrupt, als sie den 20jährigen Danny kennenlernt. Er ist erfolgreich, unabhängig, nicht unvermögend und sieht dazu noch unverschämt gut aus. Jessica ist fasziniert von ihm. Sie kann es nicht fassen, dass dieser tolle junge Mann sich zu ihr hingezogen fühlt. Doch bald schon blickt sie hinter die Fassade und muss feststellen, dass Danny alles andere als der Sonnyboy ist, für den er sich ausgibt. Er ist in seiner Kindheit von seinem Vater jahrelang missbraucht worden und deshalb zutiefst traumatisiert. Nicht genug damit teilt der Vater seinem Sohn mit, dass er Aids hat. Auch Danny ist HIV positiv. Trotz aller Probleme lieben sich Jessica und Danny und beschließen zusammenzubleiben. In einer Welt, in der nur Äußerlichkeiten gelten und Ausgrenzung an der Tagesordnung ist, kämpfen die beiden um ihr Glück, dabei wissen sie, dass ihnen nicht viel Zeit miteinander bleibt. Auch Dannys Mitbewohnerin und Freundin Tina ist von ihrem Vater missbraucht worden und kämpft gegen ihre Dämonen an.
Der Debütroman von Jessica Koch basiert auf wahren Begebenheiten. Die Autorin lernte 1999 den Deutsch-Amerikaner Danny kennen und lieben. Mit ihm erlebte sie die Geschichte, die sie nun, 13 Jahre später, veröffentlicht. Den Erlös aus dem Buchverkauf möchte sie einem AIDS Hospiz und einer Einrichtung für traumatisierte Kinder überlassen. Ein weiterer Roman über Dannys Kindheit ist in Arbeit.Dieses Buch nimmt den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mit. Er ist zutiefst betroffen von der Geschichte um den Aidskranken Danny, der versucht ein einigermaßen normales Leben zu führen. Gleichzeitig macht das Werk wütend. Was sind das für Monster, die ihren Kindern das antun! Wie haben die Opfer überhaupt überleben können. Gleichzeitig sind auch die Reaktionen aus dem Umfeld, die Vorurteile die diesen Menschen teilweise entgegengebracht werden, einfach furchtbar.Jessica Koch schafft eine Gradwanderung, für die ich sie nur bewundern kann. Sie transportiert so viele Emotionen in ihrem Roman, doch gleichzeitig erzählt sie die ergreifende Story mit einer gesunden Distanz. Die Figuren sind lebensnah geschildert, doch nicht zu pathetisch angelegt. Selbst bei der zu Teil sehr dramatischen Handlung behält Koch ihren routinierten Schreibstil bei. Jessica, wie sie im Buch geschildert wird, ist weder übermäßig hysterisch, doch sonderlich abgeklärt. Ihre Hilflosigkeit ist nur zu verständlich und auch Dannys Reaktionen sind sehr gut nachzuvollziehen.Obwohl klar ist, wie das Buch endet, lässt es den Leser doch mit einem dicken Kloß im Hals und in tiefer Traurigkeit zurück, denn eigentlich haben weder Danny noch Tina die Chance gehabt ein normales Leben zu führen.Fazit:„Dem Horizont so nah“ ist ein Buch, dass noch lange nachklingt, das man nicht einfach aus der Hand legt und zur Tagesordnung übergeht. Ein Debütroman, der absolut lesenswert ist!Aber Vorsicht: Es ist besser, Taschentücher in Griffweite zu haben ...


Gard Sveen
Der letzte Pilger


Es ist Frühling, als in Oslo ein grausames Verbrechen geschieht. Ein allseits bewunderter Widerstandskämpfer und Volksheld wird auf bestialische Weise ermordet, mit über 60 Messerstichen fast in Stücke gehackt. Kurz zuvor findet man in der Nordmarka die Knochen dreier Menschen, darunter ein kleines Mädchen. Diese Morde sind offensichtlich während des Zweiten Weltkriegs verübt worden. Kommissar Tommy Bergmann sieht einen Zusammenhang und wird so mit dem spektakulärsten Fall der norwegischen Geschichte konfrontiert.
„Der letzte Pilger“ ist der mehrfach ausgezeichnete Debütroman (unter anderem als der beste Krimi Skandinaviens) des Staatswissenschaftlers Gard Sveen. Das Buch soll den Anfang einer Krimireihe um den norwegischen Kommissar Tommy Bergmann bilden.Dies ist ein Roman, den man nicht einfach nebenbei liest. Der spannende Thriller ist vielschichtig, verlangt durch seine unterschiedlichen Handlungsstränge eine gewisse Aufmerksamkeit vom Leser. Doch es lohnt sich. Wer sich auf diese Story einlässt, wird das Buch nicht aus der Hand legen können. Gekonnt erzählt Sveen ein Stück Zeitgeschichte, lässt schonungslos ein dunkles Kapitel der europäischen Geschichte aufleben. Dabei erfüllt er seine Protagonisten mit Leben, lässt sie nicht nur agieren, sondern voller Leidenschaft lieben und leiden. Nichts ist wie es scheint, der Roman bringt unverhoffte Wendungen, lässt den Leser atemlos rätseln, was die Wahrheit hinter all dem Schein ist. Und es ist eine bittere, ungeschminkte Wahrheit, die zum Ende offen gelegt wird.Der Thriller fesselt von Anfang bis Ende. Sogar nach 500 der gut 540 Seiten des Romans ist nicht klar, wie die Hintergründe sich wirklich darstellen. Doch letztendlich wird aufgeklärt was wirklich geschehen ist.„Der letzte Pilger“ ist ein Ausnahme Roman, wie es ihn nicht oft gibt. Ich für meinen Teil habe mich hoffnungslos festgelesen und von der Story faszinieren lassen.Der Autor Gard Sveen reiht sich mühelos in die Liste der Top Autoren Skandinaviens ein.


Carry Snyder
Die Frau, die allen davonrannte


Aganetha, genannt Aggie, Smart ist über 100 Jahre alt und lebt in einem Altenheim. Trotz ihres Alters ist sie hellwach, vergisst ab und zu einiges, aber damit kann sie leben. Allerdings ist sie gebrechlich, sitzt im Rollstuhl, was für die ehemalige Olympiasiegerin im 800 m Lauf ein Unding ist. Eines Tages wird die langweilige Routine im Altenheim unterbrochen. Ein junges Geschwisterpaar, das Aggie völlig unbekannt ist, gibt vor, verwandt mit der alten Frau zu sein. Die beiden fahren kurzentschlossen mit ihr zu der Farm, auf der Aggie aufgewachsen ist. Dort wollen sie sie filmen und interviewen. Durch die beiden jungen Leute wird Aggie wieder mit Erinnerungen konfrontiert, die sie lieber vergessen würde.
‚Die Frau, die allen davonrannte’ ist Carry Snyders Debütroman und 2014 in Kanada erschienen. Der Originaltitel lautet ‚Girl Runner’, was mir wesentlich besser gefällt, als der sperrige deutsche Titel.In Rückblenden beschreibt Carrie Snyder die fiktive Lebensgeschichte der Läuferin Aganetha Smart und hat damit ein eindrucksvolles, berührendes Porträt einer starken Frau geschaffen. Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen eine Sportlerin in den 20’er Jahren zu kämpfen hatte, setzt Aggie sich durch, gewinnt eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen (1928) in Amsterdam. Auch nach dem Sieg im 800 m Lauf meistert sie ihr Leben, obwohl es nicht immer einfach ist. Hier hat Snyder gut recherchiert, die Lebensumstände sind sehr authentisch geschildert. Doch geht es in dem Roman nicht nur um Aggies Vergangenheit. Immer wieder wird der Leser zurück in die Gegenwart versetzt, erlebt die Hilflosigkeit der 104-jährigen, die ihr Leben lang eine agile Person war und nun fast bewegungsunfähig ist. Hier ist der Autorin eine gute Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelungen.Am Beginn des Buches befindet sich ein Stammbaum der Familie Smart. Leider nimmt er durch die Geburts - und Sterbedaten sehr viel vorweg, was der Spannung des Romans nicht gut tut. Obwohl mich die Geschichte zunächst fasziniert hat, hat sie mich letztendlich nicht gepackt. Es fehlt an überraschenden Wendungen, auch an Spannung. Für Aggie und ihre Familie hagelt es nur so an Schicksalsschlägen, doch geht Snyder nicht wirklich darauf ein. Eine Katastrophe nach der anderen wird ein wenig emotionslos abgehandelt, fertig. Auch das Ende des Romans ist mir zu glatt und nicht überraschend. Hier hätte ich mir weniger Konstruktion und mehr Unebenheiten gewünscht.Trotzdem ist dieser Roman empfehlenswert, hebt sich erfreulich von der Masse ab, ist ein Stück weit Zeitgeschichte.


Robert C. Marley
Wald der Toten


Fran Lovey schaut sich mit ihrer Freundin ein Länderspiel in einem Pub an. Gleich nach dem Spiel macht sie sich auf den Heimweg, kommt aber nie zu Hause an. Mitten in der Nacht bekommt ihr Mitbewohner und Ex-Freund eine mysteriöse SMS von ihr. Detective Miriam Beckett wird auf den Fall angesetzt. Während ihre Kollegen der Meinung sind, dass Fran freiwillig von der Bildfläche verschwunden ist, glaubt Miriam, dass die junge Frau entführt wurde. Wenige Tage nach ihrem Verschwinden meldet sich Fran wieder per Handy bei ihrem Ex-Freund. „Es geht mir gut. Bitte sag das meiner Familie.“. Dies ist der Auftakt zu einem perfiden Katz und Maus Spiel, das der Entführer mit der Polizei und Frans Familie treibt.
„Wald der Toten“ ist der Auftakt zu einer neuen Krimireihe die bei Bastei Entertainment erscheint. Unter dem Namen ‚Hochspannung’ soll jeden Monat ein in sich abgeschlossener Thriller - Kurzroman veröffentlicht werden. Hierbei bekommen junge Autoren die Möglichkeit ihre Werke in digitaler Form zu veröffentlichen.Bei der Inhaltsangabe dieses rasanten Krimis tut man sich schwer, denn die Story lebt von den unerwarteten Wendungen, die Robert C. Marley geschickt in Szene setzt. Also ist es wichtig, nicht zu viel zu verraten. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert, was der Geschichte ausgesprochen gut tut. Die Protagonisten sind authentisch gezeichnet, gerade die ermittelnde Polizistin ist mit ihren kleinen Macken sehr sympathisch. Auch, dass schon früh klar ist, wer der Entführer ist, tut der Spannung keinen Abbruch. Hier ist Marley eine interessante Wende gelungen. Der Leser ist zudem gefesselt von der Dynamik, mit der sich das Töter - Opfer Verhältnis entwickelt.
Fazit: Der Autor erzählt auf knapp 160 Seiten eine packende Kriminalgeschichte, die man gut in einem Rutsch weglesen kann.


Fabienne Siegmund
Das Herz der Nacht


Venedig: Matteo und Anisa sind glücklich miteinander. Zwar ist Matteo nur ein mittelmäßig begabter Zauberer, doch kommen die beiden über die Runden, denn Anisa lenkt das Publikum durch ihre wunderbaren Tanzeinlagen von Matteos unzulänglicher Zauberkunst ab. Auch wenn die Einnahmen wieder einmal kärglich ausfallen, tut das ihrer Liebe keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Liebenden malen sich die tollsten Luftschlösser aus.Eines Morgens geht die Sonne nicht auf. Der Tag ist verschwunden, es bleibt dunkle Nacht und das geht sieben Tage hintereinander so. Matteo und Anisa tanzen durch die Dunkelheit, sind auch jetzt glücklich. Doch als die Sonne sich wieder zeigt, ist Anisa verschwunden. Mit ihr werden sechs weitere Artisten vermisst. Verzweifelt sucht Matteo die Stadt nach ihr ab. Schließlich kommt er zu einem magischen Zirkus. Hier findet er seine Anisa wieder, doch sie erkennt ihn nicht mehr, ist mit einem anderen Mann zusammen. So beschließt Matteo als Zauberer im Zirkus zu bleiben, um so Anisa wieder für sich zu gewinnen. Bald bemerkt er, dass alle verschwundenen Artisten hier auftreten und dass es ein gefährliches Geheimnis gibt.
Lieben Sie Märchen? Und fantastische Erzählungen? Haben Sie einen Hang zur Romantik? Träumen Sie zuweilen vor sich hin? Können Sie sich auf eine verrückte Traumgeschichte einlassen? Dann sind Sie ganz sicher von diesem Buch fasziniert.Fabienne Siegmund gelingt es auf charmante Art den Leser von der ersten Zeile an zu fesseln. Sie versetzt ihn in eine Zauberwelt, in der alles möglich ist, in die er sich hineinträume kann. Dabei findet die Autorin wunderbar poetische Worte, malt mit leichter Hand Bilder, die den schillernden Seifenblasen gleichen, mit deren Hilfe Anisa im magischen Zirkus Laylaluna Geschichten erzählt und Träume wahr werden lässt. Dabei ist die Handlung des Romans niemals kitschig oder banal, sondern einfach traumhaft schön. Unwirklich ziehen die Tage dahin, einzig bestimmt von den Auftritten der Artisten. Trotzdem ist die Geschichte spannend aufgebaut, die Situation spitzt sich zu, bis es zu einer unerwarteten und verblüffenden Lösung kommt. Der Zauberer Matteo scheint zunächst eine tragische Gestalt zu sein. Ihm fliegen die Herzen zu, denn er verzweifelt an dem Verlust seiner Liebe. Doch bald wird aus ihm ein Held wider Willen, der bereit ist, für seine Liebe zu kämpfen und mutig alles in Kauf zu nehmen, um seine Frau zurückzugewinnen. Auch die anderen Artisten sind eindrucksvoll in Szene gesetzt. Jeder von ihnen hat sein besonderes Geheimnis, ist auf seine Weise einzigartig. Ob es der eifersüchtige Carlo ist, der Anisa liebt und sie nicht gehen lassen will oder die Wahrsagerin Mireia, welche jung und altersweise zugleich erscheint. „Das Herz der Nacht“ ist ein märchenhafter Roman über Liebe und Treue, über Verlust und Hoffnung und letztendlich wird alles gut.Beenden möchte ich die Rezension mit einem Zitat: „Ich weiß wie wichtig Träume sind. Vielleicht sind sie sogar das Wichtigste. Die Welt wäre blind  ohne Träume.“ Das sagt Mireia, die Wahrsagerin, und dem ist nichts hinzuzufügen.
Den Roman gibt es bisher nur als E-Book.


Matthias Matting
Der Mann, der nie Glück hatte


Martin ist ein Unglücksrabe, das weiß er, seit der denken kann. Schon als kleiner Junge geschieht ihm ein Missgeschick nach dem anderen und das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Seinen Bruder lernt er nie kennen, seinen Vater erschießt er auf dessen Geheiß. Menschen die ihm etwas bedeuten enttäuscht er, verliert sie letztendlich. Nachdem seine Frau eine Fehlgeburt erlitten hat und sich von ihm trennt, versucht er sich umzubringen und landet in der Psychiatrie. Immer noch überzeugt davon, dass er der Mann ist, der niemals Glück hat, steht er bald vor einer Entscheidung, für die er seine Überzeugung von der Welt, von den Menschen, die ihm nahe stehen und letztendlich von sich selbst über den Haufen werfen muss.Der Physiker und Journalist Mathias Matting ist einer der erfolgreichsten deutschen Self-Publishing-Autoren. Er hat bereits über 50 Bücher veröffentlicht. Für seinen großartigen Roman „Die Reise nach Fukushima“ erhielt er den ‚neuen deutschen Buchpreis’.
„Der Mann, der nie Glück hatte“ ist ein traumhafter Roman, bewegt sich am Rande der Wirklichkeit. Es gibt zwei Handlungsstränge. Einmal erleben wir Martin, den Protagonisten in der Gegenwart. Er hat sich auf eigenen Wunsch in die Psychiatrie begeben, überdenkt sein Leben, lässt die Vergangenheit Revue passieren. So erlebt der Leser in Rückblenden, wie Martin zu dem Mann ohne Glück geworden ist.Doch ist der Roman auch eine Parabel über die Freundschaft, über die Bedeutung der Vergangenheit und ihre Auswirkung auf die Gegenwart. Obwohl dies ein leiser Roman ist, nimmt er den Leser mit, macht ihn betroffen und lässt ihn Empathie für Martin entwickeln. Es ist ein Vergnügen, ihn ein Stück weit auf seinem Lebensweg zu begleiten. Zugleich ist es spannend zu erleben, wie er sich aus den selbst gewählten Zwängen befreit und sein Leben neu gestaltet. Denn das Pech in seinem Leben kommt schlicht daher, dass er fest davon überzeugt ist niemals Glück zu haben. Doch mithilfe seiner Therapeutin und der etwas verrückten Mitpatienten macht Martin die ersten Schritte in ein fast normales Leben, befreit sich von seiner schuldbeladenen Vergangenheit. Auch der folgerichtige, aber völlig unerwartete Schluss des Buches ist interessant, rundet die Geschichte ab.“Der Mann, der nie Glück hatte” ist ein zauberhafter und ganz besonderer Roman zwischen Traumwelt und Realität, zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit, der noch lange nachklingt. Der tiefe Einblicke in die menschliche Seele gewährt und der Empathie für den Protagonisten weckt, denn er ist ein Mensch, der an sich selbst scheitert.Matting ist es, nicht zuletzt durch seinen souveränen Schreibstil, gelungen, der Geschichte eine intensive und trotzdem ruhige Stimmung zu geben. Alles ist stimmig: die Story lässt den Leser nicht los, der Protagonist ist sympathisch, die Schilderung seines Lebens zuweilen beklemmend, doch immer eindringlich und spannend.
Matthias Matting hat angemerkt, dass dies der Roman ist, den er immer schon schreiben wollte. Das ist schön, denn “Der Mann, der nie Glück hatte” ist der Roman, den man unbedingt lesen sollte.


Michael Tsokos
Zerschunden


Im Umkreis europäischer Flughäfen geschehen immer wieder Raubmorde an Frauen, wobei der Täter eine merkwürdige Signatur auf seinen Opfern hinterlässt. Der hinzugezogene Rechtsmediziner, Fred Abel, gerät bald in eine Zwickmühle, denn der Hauptverdächtige ist ein alter Freund, dessen kleine Tochter im Sterben liegt. Der Rechtsmediziner versucht fieberhaft den wahren Täter zu finden, denn er ist davon überzeugt, dass sein Freund unschuldig ist. Eine atemlose Verfolgungsjagd über den europäischen Kontinent beginnt ...
„Zerschunden“ ist der erste Band einer geplanten Trilogie um den Rechtsmediziner Dr. Fred Abel und sein Team. Der True - Crime - Thriller beruht auf einem authentischen Fall und den wirklichen Ermittlungen dazu. Michael Tsokos erzählt die Story teilweise aus der Perspektive des Killers, hinterlässt eine Gänsehaut beim Leser. Geschickt eingestreute Rückblenden berichten über seine Lebensgeschichte, seinen ‚Werdegang’. Keine Grausamkeit wird ausgelassen, der Autor schwelgt geradezu in einigen blutrünstigen Szenen. Morde werden detailgetreu geschildert.  Doch besteht das Buch nicht aus einer Aneinanderreihung von grausigen Szenen. Mithilfe verschiedener Handlungsstränge schafft es Tsokos die verschiedensten Emotionen zu wecken. Vor allem die Szenen, die sich um das sterbende Kind des Hauptverdächtigen drehen, gehen mächtig an die Nieren. Der Rechtsmediziner Abel ist ein sympathischer Typ, der seine eigenen kleinen Sorgen und Nöte hat.Hinzu kommt, dass dieser Krimi durch das fundierte Wissen des Autors, was die Rechtsmedizin angeht, sehr authentisch ist.
„Zerschunden“ ist ein eindringlicher, spannender Thriller, der nicht für Menschen mit einem schwachen Magen geeignet ist.


Angie Pfeiffer
Ruhrpottabschied


Sieben Jahre sind seit Elisas Scheidung vergangen. In dieser Zeit haben sich sie und ihre beiden Söhne gut in ihrem neuen Leben eingerichtet. Doch immer öfter denkt Elisa darüber nach wie es wäre, sich neu zu verlieben. So überredet sie ihre beste Freundin, mit ihr zusammen eine virtuelle Kontaktanzeige aufzugeben. Die beiden bekommen jede Menge Post und treffen nach und nach einige Bewerber. Auch Lara sucht jemanden, doch in Gegensatz zu den Freundinnen möchte sie einen Mann für gewisse Stunden und gelegentliche Seitensprünge kennenlernen.
„Ruhrpottabschied“ ist der vierte und letzte Teil der Ruhrpottsage von Angie Pfeiffer. Doch hat jedes der Bücher eine abgeschlossene Handlung. Man muss also die Vorgängerromane nicht gelesen haben, um in die Geschichte zu kommen.Die Protagonistin, Elisa, ist seit längerer Zeit geschieden und sucht wieder einen Partner. Zusammen mit ihrer Freundin stürzt sie sich in das Abenteuer Männersuche per Internet, wobei die Freundinnen witzige, skurrile und manchmal auch peinliche Situationen erleben. Hierbei kommen einige der Männer nicht immer gut weg, doch ist das folgerichtig, denn gerade im Internet, das Anonymität verspricht, gibt es Mensch aller Couleur. Die sich mehr oder weniger ausleben möchten.Angie Pfeiffer ist es gelungen, einen kurzweiligen Roman zu schreiben, der richtig gut unterhält. Der Schreibstil ist leicht und locker, die Protagonistin kommt sympathisch daher und ihre Handlungsweise ist gut nachvollziehbar. Doch ist der Roman nicht nur eine Aneinanderreihung von komischen oder merkwürdigen Dates. Viel mehr erzählt die Autorin von richtigen und falschen Entscheidungen und kleinen zwischenmenschlichen Tragödien.
„Ruhrpottabschied“ ist ein charmanter, witziger Roman, den man gut in einem Rutsch weglesen kann.
Text: Robin Royhs


Emma Hooper
Etta und Otto und Russell und James


Etta ist 83 Jahre jung und hat noch nie das Meer gesehen. So beschließt sie, dies schnellstmöglich nachzuholen. Entschlossen macht sie sich auf den Weg. Die knapp 3232 km bis zur Küste schrecken sie nicht ab, schließlich hat sie Zeit. Ihr Mann Otto ist zwar beunruhigt, lässt sie aber, bewaffnet mit seinem Gewehr, ziehen. Anders der gemeinsame Freund Russell. Er macht Otto herbe Vorwürfe und folgt Etta, um sie zu beschützen und zurück nach Hause zu holen. Auf ihrer langen Wanderschaft trifft Etta auf den Kojoten James, der sie begleitet und ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Je näher die alte Dame der Küste kommt, umso lebendiger werden die Erinnerungen an Kindheit, Jugend und eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung.
Es gibt sie, diese besonderen Bücher. Man hat sie ausgelesen und kann sie doch nicht aus der Hand legen, sondern muss einen Augenblick verharren, die wunderbare Geschichte auf sich wirken lassen. Genau so ein Buch ist der Roman ‚Etta und Otto und Russell und James’. Bezaubernd und besonders ist diese Liebesgeschichte und dabei leise und sehr sanft. Die Protagonisten sind auf eine ganz besondere Weise miteinander verbunden. Beide Männer, Otto und Russell, lieben Etta auf ihre eigene Art. Die Entscheidung, mit wem sie auf Dauer zusammenkommt, wird ihr schließlich abgenommen. Und so wie beide Männer sie kennen und lieben gelernt haben verhalten sie sich, als Etta sich auf ihre Reise zum Meer begibt. Während Otto sie gehen lässt, weil er sie als starke Frau sieht, eilt Russell ihr nach, um sie zu beschützen, denn er weiß um ihre Verletzlichkeit. Emma Hooper erzählt mit Weisheit und Anmut eine Geschichte voller Poesie über die alten und doch immer neuen Geheimnisse der Liebe. Zugleich ist der Roman eine Parabel über die Schrecken des Krieges, aber auch über die Gefahren der Einsamkeit, die mit der Zerbrechlichkeit der Erinnerungen einhergehen.Aus vielen kleinen Episoden aus Gegenwart und Vergangenheit ist so ein Werk entstanden, das auf seine eigene Art begeistert.
‚Etta und Otto und Russell und James’ ist ein Roman, den man öfter lesen und immer wieder neu entdecken kann.


Stefanie Gregg
Und der Duft nach Weiß

München, Sommer 1987. Es ist angenehm warm, doch in Laderaum des Lastwagens, in dem die 17 jährige Anelija kauert ist es bitterkalt. Als sie endlich aussteigen kann, ist sie kaum in der Lage sich auf den Beinen zu halten. Doch sie hat die Flucht aus dem kommunistischen Bulgarien überlebt, ist endlich in Deutschland. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter, die nach Deutschland gegangen ist , als Aelija 5 Jahre alt war. Sie hat ihre Tochter in der Obhut der Großmutter und der Urgroßmutter zurückgelassen.
Der Roman ‚Und der Duft nach weiß’ ist ein vielschichtiges Werk. Vordergründig geht es um das Mädchen Anelija, das 1975 von seiner Mutter verlassen wird, weil sie einen Deutschen kennen lernt und durch ihn die Möglichkeit hat, nach Deutschland zu kommen. Parallel dazu erzählt Stefanie Gregg die Lebensgeschichte des bulgarischen Schriftstellers und Dissidenten Georgi Markow, der nach London flüchtete und dort Jahre später vom bulgarischen Geheimdienst ermordet wurde. Mit Markow beginnt das Buch 1968. Er wird vom Präsidenten in dessen Palast empfangen, merkt aber schnell, dass er in Präsident Schiwkow keinen Freund hat, trotzdem äußert er sich kritisch über das Regime.Doch auch die Geschichte Anelijas wird in mehrere Handlungsstränge unterteilt. Ausgehend von der 24 jährigen jungen Frau, die ihrem Freund ihre Lebensgeschichte erzählt, erlebt der Leser mehre Episoden, wobei die Autorin zwischen verschiedenen Zeiten und Schauplätzen hin und her springt. Einmal berichtet das verlassene fünfjährige Mädchen vom Leben im armen Bulgarien, in dem Repressalien gegen die Zivilbevölkerung an der Tagesordnung sind. Dann wieder kommt die siebzehnjährige Anelija zu Wort, die nach ihrer Flucht in Deutschland Fuß fassen will. Auch eine, wenn auch fiktive, Verbindung zu Markow gibt es.Gregg schildert anschaulich, nimmt den Leser mit, schafft es, die Spannung kontinuierlich zu steigern. Obwohl ‚der Duft nach Weiß’, nach dem sich das Kind sehnt, eher merkwürdig klingt, schafft die Autorin es zu vermitteln, was sich die kleine Anelija darunter vorstellt. Mühelos setzt Gregg das Kopfkino in Gang, fesselt ihre Leser von der ersten bis zur letzten Zeile.Die Grundlage zu diesem Roman ist eine wahre Begebenheit, wobei die Autorin wert darauf legt, dass die Geschichte „nur im innersten Kern“ mit dem Roman übereinstimmt. Die Lebensgeschichte Markows allerdings ist authentisch. Ausschnitte aus dem Roman wurden mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet.
„Und der Duft nach Weiß“ ist ein Roman, den ich jedem ans Herz legen möchte, denn er schildert eine eindringliche, erschütternde Geschichte auf leichte Art.


Melanie Raabe
Die Falle


Linda Conrad ist eine erfolgreiche Autorin, doch gibt sie ihren Fans und vor allem der Presse Rätsel auf, denn sie lebt seit gut 11 Jahren völlig abgekapselt von der Welt in ihrer Villa am Starnberger See. Noch schlimmer: Sie hat während dieser Zeit keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Einzig ein paar vertraute Menschen haben Zugang zur Villa und Umgang mit Linda. Ihr Verhalten hat einen Grund. Vor 11 Jahren hat sie ihre Schwester erstochen aufgefunden und den Täter flüchten sehen. Sein Gesicht verfolgt sie seitdem bis in ihre Träume. Eines Tages sieht sie ihn im Fernseher. Er berichtet als Korrespondent über das Tagesgeschehen.Nachdem sie ihren Schock überwunden hat, fasst Linda einen Plan. Sie will dem Mörder ihrer Schwester eine Falle stellen und schreibt einen Roman, der den Tathergang genau schildert. Schließlich lädt sie den Journalisten zu einem Interview in ihr Haus ein.
Melanie Raabe, Journalistin, Drehbuchautorin und Theaterschauspielerin, hat bereits mehrere Preise für ihr Schreiben erhalten. Die Rechte für diesen Roman wurden vor vor seinem Erscheinen ins europäische Ausland verkauft.Zurecht, denn mit diesem Thriller ist  ihr ein Meisterwerk gelungen.  Ohne große Action baut sie eine unglaubliche Spannung auf, die aus dem perfiden Spiel zwischen der weltfremden Autorin Linda und dem vermeidlichen Täter entsteht. Melanie Raabe nimmt den Leser von der ersten Zeile an mit in ein alptraumhaftes Szenario, lässt ihn mit der sensiblen Linda leiden. In kurzen Sequenzen werden Teile des Romans, den die Autorin geschrieben hat, um den Täter zu fassen, in die eigentliche Handlung eingefügt, sodass hier zwei Bücher in einem entstanden sind. Doch dieser Kunstgriff steigert die Spannung, tut der Handlung gut.Raabes Schreibstil ist eindringlich und bildhaft. Fast meint der Leser, die tödlich verletzte Schwester vor sich zu sehen, den flüchtenden Täter zu erkennen. Gleichzeitig zweifelt er zuweilen an Lindas Glaubwürdigkeit. Die Gedanken, dass es gar keinen geheimnisvollen Fremden gibt und Linda ihre Schuld verdrängt hat  schleichen sich ein, was das Buch bis zum Schluss spannend macht.
Fazit: „Die Falle“ ist ein sehr zu empfehlender, intelligenter Thriller, der ohne reißerische Effekte auskommt und trotzdem unglaublich fesselnd ist.


David Safier
28 Tage lang


Warschau 1943, Mira erzählt ihre Geschichte.Sie ist 15 Jahre alt und sorgt für den Familienunterhalt, indem sie Lebensmittel schmuggelt. Nur so ist es für sie, ihre jüngere Schwester und die depressive Mutter möglich im Warschauer Ghetto zu überleben. Doch es gibt Gerüchte: die gesamte Ghettobevölkerung soll deportiert und dann umgebracht werden. Zunächst kann sich Mira das nicht vorstellen, doch bald stellt sie fest, dass die Gerüchte stimmen. Als das Ghetto tatsächlich geräumt und ihre Familie auf bestialische Art getötet wird, schließt sie sich dem Widerstand an. Es gelingt der übermächtigen SS länger zu trotzen als vermutet - 28 Tage lang.
Mit dem Namen David Safier habe ich bisher vor allem witzige, leichte Romane verbunden, die vor schrägen Einfällen nur so strotzen. Romane wie ‚Mieses Karma’, ‚Jesus liebt mich’ oder ‚Happy Family’. Nun überrascht der Autor mit einem Buch über den Aufstand im Warschauer Ghetto, welches mich gleichermaßen gefangen genommen und entsetzt hat. Das ich nicht aus der Hand legen konnte und das mich eine schlaflose (aber gern investierte) Nacht gekostet hat.Der Roman ist bei zwei Verlagen erschienen, als ein Jugendbuch und gleichzeitig als Erwachsenenliteratur, wobei er für mich eher zu letzterem gehört.David Safier entwirft ein Panorama des Schreckens um Mira, ihre Familie und ihre Freunde Daniel und Amos. Daniel ist Pazifist, versucht auf seine Weise zu überleben. Amos ist ein aktives Mitglied des Widerstandes und kämpft im Untergrund gegen die Nazis.Safier baut die Spannung langsam auf, schildert zunächst den Alltag, der von den Bewohnern irgendwie gemeistert wird, denn sie haben noch Hoffnung. Als schließlich das Ghetto endgültig geräumt und die Menschen in die Vernichtungslager abtransportiert werden sollen, geht es nur noch um das nackte Überleben. Wie um das letzte Stück Brot gekämpft wird ist eindringlich geschildert und auch der von den Nazis geschickt geförderte Verrat. Die ‚Judenpolizisten’ haben die Vorgabe täglich 5 Menschen ans Messer zu liefern. Einige schrecken nicht davor zurück die eigene Familie zu opfern. Eine Frau lässt ihr Baby auf dem Sammelplatz zurück. „Kinder kann man immer haben“, sagt sie.Mira und ihre Freunde sind das Produkt von Safiers Fantasie, doch steht der Roman fest auf der Grundlage historischer Fakten und Augenzeugenberichten. Persönlichkeiten wie zum Beispiel der damals international anerkannte Pädagoge, Schriftsteller und Waisenhausdirektor Janusz Korczak treten auf. Obwohl Korczak die Möglichkeit hatte, das Ghetto zu verlassen, ging er, als das Waisenhaus geräumt wurde mit seinen Kindern in den Tod.Der Roman bezieht aus dieser Verquickung von Historie und Fiktion seine Wirkung. Safier konfrontiert Mira und somit den Leser mit all den willkürlich begangenen Morden, mit dem damals alltäglichen Grauen, das er allmählich in den Fokus treten lässt. Dann werden die Geschehnisse mit unglaublicher Intensität beleuchtet und der Leser muss sich (genau wie Mira) damit auseinandersetzen. ‚Was für ein Mensch möchtest du sein?’ Das ist eine der Grundfragen des Buches, doch haben die Protagonisten keine Wahl. Sie werden zu grauenhaften Entscheidungen gezwungen, die auch sie schuldig werden lassen, ob sie es wollen oder nicht. Wer glaubt, es ließe sich in diesen Ausnahmesituationen leicht über Gut und Böse richten, wird schnell eines Besseren belehrt.28 Tage lang haben die meist jungen Menschen im Warschauer Ghetto der SS die Stirn geboten und wussten doch, dass sie keine Chance hatten. Sie haben sich verteidigt, sind vor der Übermacht in Bunker geflohen, haben den Kampf von dort aus fortgesetzt. Sie haben entsetzlich gelitten und Unmenschliches erlebt. Aber schließlich konnte eine kleine Gruppe durch die Kanalisation entkommen. „Wir haben länger durchgehalten als Frankreich“, sagt Miras Freund und Mitstreiter Amos. Ich wünschte so sehr, dass sie es geschafft hätten zu überleben!
‚Was für ein Mensch möchtest du sein?’ Mira bringt es auf den Punkt: „Einer, der lebt.“

Moses Wolff
Liebe machen



Wir schreiben das Jahr 1970. Dagmar lebt in Köln, Götz in Hamburg. Auf dem Münchener Oktoberfest begegnen sie sich kurz und wissen sofort, dass sie füreinander bestimmt sind. Leider geht der Augenblick vorbei, ehe sie sich wirklich kennenlernen können. Beide sind an einen Partner/eine Partnerin gebunden und haben das Gefühl, dass diese Beziehung nicht richtig ist. Immer wieder müssen sie aneinander denken. Zum fünfzigsten Jahrestag der denkwürdigen Begegnung sind beide wieder in München …


‚Liebe machen‘ ist ein Roman, der eine anrührende Liebesgeschichte erzählt, aber gleichzeitig ist das Buch viel mehr. Mühelos gelingt es Moses Wolff, den Leser auf eine Zeitreise mitzunehmen, die sich über 50 Jahre erstreckt. Dabei lässt der Autor immer wieder kleine und große historische Ereignisse in die Handlung einfließen.
Das gelingt ihm wirklich gut. Gerade die Schilderungen vom Love und Peace Festival auf Fehmarn, das 1970 stattfand sind so authentisch, dass der Leser es hautnah erlebt. Hier hatte Jimmy Hendrix den letzten Festival Auftritt vor seinen Tod. Auch das Feeling der 70er Jahre bringt Moses Wolff richtig gut rüber. Wer diese Zeit (im passenden Alter) erlebt hat, kommt aus dem Grinsen und Kopfnicken gar nicht mehr heraus – denn genau so war es … Und auch das Oktoberfest, das ja der Dreh und Angelpunkt in der Liebesgeschichte ist, erlebt der Leser von seiner besten Seite.

Doch ist der Roman niemals nur eine Schilderung von Ereignissen. Die Protagonisten sind so sympathisch gezeichnet, dass der Leser mit ihnen liebt und leidet, ihnen das Glück, das sie suchen von ganzen Herzen wünscht. Geschickt hat Moses Wolff in diesem Roman ihre Geschichte mit der jeweiligen Zeitgeschichte verwoben.

So ist das Leben eben – und vielleicht kriegen sie sich ja doch …