Es lebe das Homeshopping

letzte Bestellungen, noch zu bewerten:
Glimmerbarbie (1 Meter hoch, leuchtet im Dunkeln)
Hausbar Clearlight (incl. 2 Hockern)
Rosa Schuhe Größe 40 (sind zu groß, egal, passen zum neuen Outfit)
Grüne Schuhe Größe 37 (sind zu klein, egal, siehe oben)
Lebensgroße Pappfigur (Sven Rentier)
Ratgeber (P.Zwegat: Raus aus den Schulden
Fitnessstation (Hammer Sport)

Für all das braucht es nur einen einzigen Mouse Klick. Mittlerweile ist meine Wohnung so voll, dass ich keinen Platz mehr habe, um mich vernünftig hinzulegen. Ich brauche eine externe Schlafgelegenheit und tippe ‚Außenbett’ ins Suchfeld ein. Sofort werden vierundvierzig Treffer angezeigt. Ich klicke auf den ersten und lese:

Schlafen im Freien:
Dieses geräumige Bett ( 2 x 2 Meter, rosa Extrakissen)
kann problemlos von außen an der Fensterbank befestigt werden.
Mit seinem wetterfesten Himmel (gegen Aufpreis) trotzt es allen Widrigkeiten.
Allerdings kann es sich bei Sturm (Windstärke 9) lösen.
Sofort bestellen,
wird noch heute verschickt – keine Portogebühren
5 von 5 Sternen

Ich bestelle das Bett mit dem wetterfesten Himmel. Schließlich soll es warm, trocken und gemütlich sein.
Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Briefträger, der ein ziemlich großes Paket vor sich abgestellt hat. Er sieht irgendwie sauer aus.
„Fünfter Stock, Aufzug defekt“, rufe ich aus dem Fenster und eile erwartungsvoll zur Wohnungstür. Unter schnauben und stöhnen kämpft sich der Briefträger die Treppen herauf. Ich filme ihn dabei, poste anschließend den Minifilm bei Facebook, kriege aber keine ‚Likes’, jedenfalls im Moment nicht.
Oben angekommen hält sich der Schwächling am Türrahmen fest, beugt sich vornüber und keucht.
„Stellen sie sich nicht so an, Mann“, sage ich aufmunternd. „Seien sie froh, dass ich ihnen den Arbeitsplatz erhalte und Bewegung ist bekanntlich gesund.“
Der Mann läuft rot an, er hat wohl immer noch Probleme mit der Luft. So klopfe ich ihm auf den Rücken.
„Übrigens, sie können die Fitnessstation wieder mitnehmen. Sie gefällt mir nicht. Ist alles ordnungsgemäß verpackt und frankiert. Ich will sie ja nicht überfordern.“
Ja, wir Prime – Kunden wissen wie es geht.
Er hält mir einen Unterschriftenapparat unter die Nase. „Hier unterschreiben“, knurrt er. Anschließend schultert er mühsam das Fitnessgerät und wankt die Treppe hinunter. Der Mensch ist sichtlich nicht gut in Form. „Umbringen...“, höre ich ihn murmeln.
Später hänge ich das Bett an die Fensterbank, aber es ist irgendwie nicht meins. Zudem hat es neongrüne Extrakissen und keine in rosa. Na gut, das war sowieso eine blöde Idee. Ich logge mich also ein, wähle die Option: ‚Rücksendung von der Post abholen lassen’.
Weil ich gerade auf der passende Seite bin, bestelle ich einen Jogginganzug (blau), passende Joggingschuhe und eine Laufband (pro Sport).
Am nächsten Morgen klingelt es zur gewohnten Zeit. Ich schaue wieder aus dem Fenster und sehe meinen Freund, den Postboten.  „Aufzug immer noch kaputt“, rufe ich ihm fröhlich zu und betätige den Türöffner kurz- kurz – lang. Bei lang kann er die Tür öffnen. Ohne Paket ist er schnell oben.„Sehen sie, geht doch“, sage ich. „Hier ist das Paket von gestern. Wo haben sie überhaupt mein neues Laufband? Ich hab’s gestern bestellt, sie müssten es heute liefern.“
„Weiß nicht, hier, Quittung“, nuschelt der Briefträger. Er sieht mich dabei aus blutunterlaufenen Augen an. Anschließend stemmt er das Außenbett hoch und macht sich an den Abstieg.
Am nächsten Tag steht er wieder bepackt vor meiner Wohnungstür. Begeistert öffne ich ihm. „Das Paket ist mir zu schwer, können sie es bitte in die Wohnung bringen?“, frage ich freundlich. Schließlich bestelle ich ihm jedes Jahr zu Weihnachten eine Tafel Schokolade mit, da kann er mir den Gefallen tun.
Er sieht das wohl auch so, denn er wuchtet das Paket hoch und trägt es in den Korridor. „Wohin“, keucht er. I
ch schaue mir die Sache genauer an, reiße die Rechnung vom Paket ab, studiere sie ausgiebig. Es befindet sich offensichtlich nur das Laufband in dem Paket. So hebe ich warnend die Hand. „Einen Moment mal. Wo ist mein blauer Jogginganzug. Also nein!“ Es ist eine Unverschämtheit den Anzug und die Schuhe nicht gleich mitzuliefern. Streng mustere ich meinen gelben Freund. „Das können sie gleich wieder mitnehmen, es ist nicht komplett.“
Er bleibt einen Augenblick ruhig stehen, dann hebt er mit erstaunlicher Kraft das Paket. „Meine Mutter pflegte immer zu sagen: In die Hölle kommen wir noch früh genug, aber sie hat sich geirrt. Die Hölle ist hier und heute. Die Hölle, das seid ihr Homshopper.“
Das sind die letzten Worte, die ich höre, bevor mir das ziemlich schwere Paket auf den Kopf donnert.
© Angie


Aus Kindern werden Leute

Die beste aller Ehefrauen hatte sich mit ihrer Freundin zum Kaffee verabredet. Sven wusste nichts mit sich anzufangen und beschloss, den Nachmittag damit zu verbringen, sich ungestört durch alle Sportkanäle zu zappen.  Hoffnungsfroh betrat er das Wohnzimmer. Auf dem Sofa entdeckte er Lia, die Stöpsel im Ohr, das Smartphone vor den Augen.
Einen Augenblick betrachtete er sein Töchterchen wohlgefällig. Lia, sechzehn Jahre jung, fast eine Frau. Gestern noch saß sie mit einem vollgesabberten Lätzchen vor der Brust auf dem Wohnzimmerteppich und verschönte ihn mithilfe diverser Filzstifte. Heute trug sie all zu kurze Shorts und Tops, die gnadenlos eingelaufen zu sein schienen. Darunter Pushup und String, aber das wollte er sich nicht vorstellen.
Sven seufzte. Einen Moment hatte er nicht hingeschaut und schon schien das Leben halb vorüber zu sein.Er setzte sich neben seine Prinzessin. Wie lange war es her, dass er ganz entspannt mit ihr gesprochen hatte? So von Papi zu Lialein. Er dachte nach. Das musste wohl gewesen sein, als sie in der Schulaufführung von unserer kleinen Farm die Erbsenschote gespielt hatte. Sven beschloss, dass dies eine gute Gelegenheit war, um die Vertrautheit wieder herzustellen und nicht durch einen Dolmetscher, sprich die beste Ehefrau von allen, zu kommunizieren.„Hi, Prinzessin, alles easy?“, begann er mutig.
Lia schaute ihn verständnislos an, schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
Sven ließ sich nicht irritieren. Kurzentschlossen zog er einen Stöpsel aus ihrem Gehörgang.„Alles easy?“, versuchte er noch einmal den artgerechten Einstieg in ein Gespräch.
Lia maß ihn mit einem forschend irritierten Blick, der einem Drogenscreen gleichkam. „Alles ... easy? Dad?“
Sven lächelte sie wohlwollen an. „Was machst du so?“
„Was ich mache? Ich liege auf dem Sofa.“
Schweigen machte sich breit, doch Sven gelang es, die Kurve zu kriegen. „Und dein Freund? Was macht der?“ Fieberhaft überlegte er, wie der britischen Frauenflüsterer hieß. ‚Wie der amerikanische Schriftsteller, 1916 gestorben’, ging es ihm durch den Sinn. „Henry“, strahlte er. „Wie geht es Henry?“
Lia runzelte die Augenbrauen. „James? Er heißt James.“
„Weiß ich doch, James!“
„Na ja, der kommt heute Abend hier her. Aber wir gehen gleich in mein Zimmer“, fügte Lia sicherheitshalber hinzu.
Sven schluckte. „Sag doch mal - wie lange kennt ihr euch eigentlich schon? Ein halbes Jahr?“
„Länger. Ganz genau 10 Monate, 320 Tage und“, ein Blick auf die Uhr, „8 Stunden.“
„Das ist verdammt lange. Was macht ihr denn so, wenn ihr in deinem Zimmer seid?“, Sven bemerkte, dass sich ein leichter Schweißfilm auf seiner Stirn bildete. „Seht ihr fern?“
Lia zuckte die Schultern. „Manchmal.“
„Oder macht ihr Playstation?“
„Eher nicht.“
„Chillt ihr, so wie du jetzt?“
„DAD!“
Sven fühlte sich wie in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit. Er straffte sich. „Sag mal, Lialein, hat Mama schon mal mit dir ... gesprochen?“, hier räusperte er sich, denn sie sah ihm mit einem mehr als skeptischen Blick an. Diesen Blick kannte er, seit er seiner Tochter im Sandkasten ausführlich die Handhabung von Förmchen und Schaufel gezeigt hatte.„Hm“, machte sie.„Na, ja, Lialein. Ich bin ja auch mal ein Mann gewesen ... ein junger Mann ... meine ich ... ein sehr junger Mann ... jedenfalls jünger als heute ...“
„Echt?“Einen Augenblick fragte er sich, ob sie sich über ihn lustig machte, trotzdem konnte ihn das nicht stoppen. „Also sehr junge Männer haben Bedürfnisse, die sehr junge Mädchen manchmal nicht so ... unbedingt ...“
„Willst du wissen, ob wir Sex haben?“, unterbrach ihn Lia gnadenlos.„Ja ... nein ... natürlich nicht ... würde deine Intimsphäre nie verletzen ...“, stammelte Sven und merkte, dass er rot anlief.„Danke, Papi.“Sven registrierte erfreut und erleichtert, dass sie wieder Papi sagte, so wie früher.„Wenn es dich beruhigt, Rudelpoppen kommt für uns niemals in Frage.“
„Was?“ Plötzlich schmerzte seine linke Brustseite. Schmerzen, die bis in den linken Arm zogen. ‚Die Herzkranzgefäße, wo sind meine Tabletten’, fuhr es ihm durch den Kopf. Rechtzeitig fiel ihm ein, dass er gar keine Herztabletten nahm.
Derweilen strahlte Lia ihn an. „Scherz, nur ein Scherz, Papi. Ist alles nicht mehr so, wie bei euch früher.“
„Du hast keine Ahnung, wie das bei Mama und mir abgegangen ist, auf’m Festival“, entfuhr es Sven. „Wir haben eine Menge erlebt. Die 90iger waren ganz schön wild.“
„Klar“, murmelte Lia uninteressiert und checkte ihr Smartphone. „Damals war das sicher cool.“ Es klang, als würde sie von der Zeit vor den Kreuzzügen sprechen. „Übrigens, Dad, kannst du mir was leihen?“
„Was dachtest du denn?“ Aha, die Papi Time war also vorbei.
„Na ja, vielleicht so 50 Euro? Ich habe nämlich ne eins in Literatur bekommen, für den Aufsatz über Henry James. Ist das nicht ne kleine Belohnung wert?“
„Du bist lustig, ich war der Ghostwriter!“
„Ja gut, aber ich musste das alles nochmal abschreiben, wegen der Handschrift. Was das ne Arbeit war.“
„Echt?“
„Echt!“
Das Handy klingelte. Lia guckte aufs Display, die Sonne ging in ihrem Gesicht auf. So, wie es damals war, als sie klein war und Sven am Abend nach Hause kam. Nun stand sie auf und ging an ihm vorüber, ohne ihn weiter zu beachten.
Sven seufzte schwer und stellte den Fernseher an.
© Angie


Umweltschutz 1950

„Hätten Sie eine Tragetasche für mich“, fragte die ältere Dame, die vor mir an der Supermarktkasse stand.
Die jugendlich aussehende Verkäuferin, welche sich krampfhaft bemühte ihre Kasse trotz der langen, künstlichen Fingernägel zu bedienen schüttelte unwillig den Kopf. „Tragetaschen aus Plastik haben wir offiziell nicht mehr. Das ist doch soohoo schlecht für die Umwelt. Wissen Sie das denn nicht? Aber ich will mal nicht so sein.“ Sie zog eine Tragetasche unter ihrem Kassentisch hervor und ließ sie gönnerhaft auf die Ware der alten Dame fallen.
Diese schwieg einen Moment irritiert. „Es tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Ich habe sonst immer eine Einkaufstasche dabei. Ausgerechnet heute ... Jedenfalls vielen Dank.“
Die Kassiererin hob die Augenbrauen. „Tja, das ist das Problem. Alte Leute ... ähm ... ich meine Menschen aus Ihrer Generation haben sich nie Gedanken um die Umwelt gemacht und wir müssen jetzt deshalb meeeega sensiiiiiibel damit umgehen.“
Diese Aussage verschlug mir die Sprache, doch nicht der alten Dame. Sie richtete sich kerzengerade auf und war somit schätzungsweise einen Meter fünfundfünfzig groß. „Sie haben vollkommen Recht, Schätzchen“, sagte sie bestimmt. „In meiner Generation hat man sich überhaupt keinen Kopf um den Umweltschutz gemacht. Das war irgendwie nicht erforderlich. Für den Einkauf benutzten wir Einkaufsnetzte oder -taschen, so wie ich das in der Regel immer noch mache. Hatten wir die Tasche vergessen, so bekamen wir die Lebensmittel in eine stabile Papiertüte gepackt, die wir weiterverwendeten. Zum Beispiel als Schutz für Schulbücher. Die gab es nämlich kostenlos in der Schule. Wir haben sie pfleglich behandelt, denn sie wurden ja am Ende des Schuljahres wieder eingesammelt und neu verteilt. Die Milch kauften wir übrigens beim Milchbauern und hatten unsere eigene Milchkanne dafür. Wasser tranken wir aus der Leitung, Plastikflaschen gab es nicht und Getränkedosen waren Utopie. Glasflaschen wurden sowieso mehrmals verwendet.
Wir gingen meistens per pedes. Niemandem ist es eingefallen, ein Auto mit 150 PS dazu zu verwenden, um zum Einkaufen zu fahren. Ach ja, damals gingen auch unsere Kinder zu Fuß, sogar zur Schule. Wenn der Weg weiter war, so fuhren sie mit dem Fahrrad oder mit dem Bus. Einen Taxiservice der Mutter gab es nicht. Das war kein Wunder, denn längst nicht jede Familie war motorisiert. Sogar den Rasenmäher schoben wir manuell. Das machte kaum Lärm und war unser Fitnesstraining. Deshalb brauchten wir auch nicht in ein teures Studio, um uns dort auf elektrischen Laufbändern und Fahrrädern abzuquälen, um in Form zu bleiben.
Babywindeln wurden gewaschen und wiederverwendet, Einwegwindeln gab es nicht. Die Wäsche trockneten wir mit Wind- und Sonnenenergie im Garten. Stromfressende Wäschetrockner waren gänzlich unbekannt. Im ganzen Haus gab es ein einziges Radiogerät. Später war der Fernseher mit einem Bildschirm in Herrentaschentuchgröße unser ganzer Stolz. Hier versammelte sich die Familie am Wochenende und schaute gemeinsam das einzige Programm an.
In der Küche wurde richtig gekocht. Es gab keine Fertiggerichte und alles wurde per Hand geschnitten, geschält, geknetet. Und stellen Sie sich nur vor: Wir brauchten keinen im Orbit kreisenden Satelliten, um den nächsten Imbiss zu finden. Aber wie ich Eingangs bereits erwähnte - über den Umweltschutz haben wir nicht weiter nachgedacht.“ Hier verstummte die alte Dame, vermutlich, weil sie Luft holen musste.
Die junge Kassiererin war knallrot angelaufen. „Ja, also, das macht dann 23,94 Euro“, stammelte sie fassungslos.„Ich gebe Ihnen 54 Euro.“
„Ja, Moment, 54 ... das sind dann ... “, die junge Frau tippte eifrig auf ihrer Tastatur herum. „Ja, genau, 30 Euro und 6 Cent zurück“, erklärte sie und gab das Wechselgeld heraus.
Die Kundin hatte ihre Einkäufe bereits verpackt und steckte jetzt bedächtig das Wechselgeld in ihr Portemonnaie. „Eins muss ich noch loswerden“, erklärte sie entschlossen. „Ich habe lange Zeit einen Laden betrieben. Einen ‚Tante Emma Laden’, würden Sie wohl sagen. Und ich habe das Wechselgeld fabelhaft herausgeben können, ohne die elektronische Kasse zu befragen. Einen schönen Tag noch, junge Dame.“
Sie wandte sich ab, zögerte dann und drehte sich zu mir um. „Es tut mir Leid, dass ich Sie nun so lange aufgehalten habe.“
Ich lächelte sie an. „Das ist völlig in Ordnung. Sie hatten ja Recht mit dem, was sie gesagt haben.“
„Ich weiß“, lächelte sie reizend zurück und schwebte aus dem Laden.
© Angie


Schlechte Hormone

„Sie haben schlechte Hormone“, sagte meine Gynäkologin und sah mich streng über ihren Brillenrand hinweg an.„Wie bitte“, stammelte ich, während sich vor meinem inneren Auge Horrorvisionen abspulten. Ich sah mich, wie ich meine Hormone in die Biotonne warf, weil sie nicht mehr gut, also ziemlich vergammelt waren. Oder gehören sie eher in den gelben Sack? Hormone sind ja irgendwie künstlich oder so.
„Nun“, sagte Frau Doktor beschwichtigend, denn sie musste meinen irren Blick bemerkt haben. „Das Klimakterium ist heutzutage kein Problem. Ich gebe ihnen ein Präparat mit. Benutzen Sie dieses Hormongel, monatlich verschreibe ich zusätzlich eine große Packung Antidepressiva und schon ist alles wieder gut.“
Zu Hause angekommen setzte ich sofort den Laptop in Betrieb und wühlte mich durch die einschlägige Literatur zu Thema. Ratgeber gibt es wirklich genug, wie ich schnell feststellte. Meist teilen hippe Agerinnen der Welt mit, dass es täglich neue Chancen für Frauen mit schlechten Hormonen gibt. Schwitzen, ach was. Endlich wieder luftige Kleidung tragen! Ein Formtief, kein Thema. Dank Yogaübungen für den Beckenboden hebt sie dieser und zusätzlich auch die Laune!Das half alles nicht weiter, jedenfalls nicht mir. So vertiefte ich mich in die Brigitte Zeitschrift für die reife Frau. Artikel mit der Überschrift: ‚Haarausfall, endlich kein Intimwaxing mehr’ oder ‚Das neue Fünfzig ist das alte Fünfunddreißig’ ließen mich erschauern. Nachdem ich den Beitrag ‚Mit Hyaluron aufgepeppte Schamlippen’ neben dem Bericht ‚Mode pur - die etwas andere Handtasche’ fand, legte ich auch die Zeitschrift ad acta. Das kam mir alles irgendwie unrealistisch vor.
Es klang wie der Standard Beruhigungssatz für Schwangere: „Nach der Geburt hast du alle Schmerzen vergessen.“ Von wegen! Meine Mutter erinnert sich nicht mehr an meinen Namen, aber den Geburtsschmerz, den ich ihr bereite habe, hat sie jederzeit parat.
Also beschloss ich, den Bleistifttest (sie wissen schon) nicht mehr durchzuführen. Mal ehrlich, wer braucht schon Möpse, wenn sie sich auf einem Selbstfindungstrip gen Erdboden befinden! Auch den Ganzkörperspiegel mied ich, achtete aber verstärkt auf Nasenhaare, um sie gegebenenfalls auszuzupfen.
Auch entdeckte ich ein neues Laster: Trash-TV. Filmchen, in denen botoxgestählte Blondinen Sätze wie: ‚Nicht die Hochzeit, die Scheidung muss sich lohnen’, raunen. Erstaunt stellte ich fest, was ich nie bemerkt hatte. Es gibt im deutschen (und wahrscheinlich auch im internationalen) Fernsehgeschäft keine reife Frau, die älter aussieht, als Frauke Ludowik. Sei’s drum - die unsägliche Desiree Nick, beispielsweise oder Frau Effenberg zeigen auf, wie man äußerlich konserviert wie weiland die tote Nofretete und innerlich schwer verbittert sein kann.
Es machte Klick, denn wer will schon so sein - und so aussehen? Also ging ich einfach weiter zum Sport, zog meine morgendlichen Joggingrunden durch den Park und gönnte mir mein abendliches Gläschen Rotwein. Nach und nach entdeckte ich die positiven Seiten des Hormonverfalls.
Das Flirten zum Beispiel ist wesentlich weniger strapaziös. Nie wieder auf himmelhohen High Heels die Shakira auf der Tanzfläche machen. Lieber auf Mister Lover-Lover verzichten und einen netten Typen lieb anlächeln. Glaubt mir, Mädels, das wirkt super.
Kein Strip in Lack und Leder ist angesagt oder Verrenkungen an der Stange. Lieber Streicheleinheiten und mal schauen was sich ergibt.
Mit dem Eintritt ins weise Alter weiß frau, was sie will. Keinen Tennissockenträger mit Hängebäuchen, auch keinen verheirateten Lover mit wenig Zeit wegen ‚Mutti und die Kinderchen’ und sicher keinen Typen, der zwar gut im Bett aber doof im Kopf ist, sonder einfach einen netten Mann.
Übrigens: Ich warte mit Vorfreude auf einen dieser Anrufe in denen es heißt: ‚Hallo hier ist Guido Dingens. Frau P. ich gratuliere. Sie haben gewonnen.’
Ich werde mit zitternder Stimme antworten: ‚Wissen sie, junger Mann. In meinem Alter bracht man nichts, man stirbt sowieso bald. Lassen sie uns über Gott reden.’
Und dann lache ich mich kaputt ...
© Angie


Normalität

Ach, es gibt so viele Posts über die Liebe! Über die Schmetterlinge und die großen Gefühle. Die völlige Unmöglichkeit, auch nur eine Sekunde ohne den Anderen zu sein. Des Nachts mit ineinander verschlungenen Körpern zu schlafen und tags halbstündlich SMS zu verschicken, um sich gegenseitig zu versichern, dass man sich noch immer liebt.
Doch wie ist die Liebe, nachdem der Wahnsinn des ersten Kennenlernens abgeklungen ist? Wenn die Verliebtheit ein wenig schwindet und der Liebe Raum gibt? Wenn die Schmetterlinge zur Ruhe gekommen sind?Nun, das Herz schlägt nicht mehr schneller, wenn ihr euch seht. Im Gegenteil, bei deinem Partner fühlst du dich ruhig und sicher, eben zu Hause. Kein Looping der Gefühle nach dem anderen, sondern Entschleunigung und fallen lassen können.
Auch schlaft ihr endlich wieder durch, denn die Körper haben sich entflochten. Manchmal liegt ihr sogar von einander abgewandt. Aber irgendwann in der Nacht findet ihr euch doch. Du kuschelst dich in seinen Arm und manchmal zieht er dich im Schlaf ganz dicht an sich heran. Vielleicht hat er als Kind so seinen Teddy im Arm gehabt? Vielleicht bist du jetzt seine Geborgenheit! In den kostbaren Morgenstunden, bevor der alltägliche Wahnsinn euch überrollt, schmiegt ihr euch an einander. Genießt Nähe und Wärme des Anderen.
SMS sind seltener geworden. Der Text lautet nicht mehr: ‚Ich liebe nur Dich, für immer’ sondern ‚Bitte denk doch daran, Küchenrolle mitzubringen, hdl’.
So ist das wohl mit den Beziehungen. Sie sind nicht immer und ewig im Märchenland angesiedelt. Auch das Permanentfeuerwerk ist irgendwann abgebrannt. Doch wenn ihr euch nach der ersten Verliebtheit für einander entschieden habt, dann wärmt ihr euch aneinander, gebt euch Geborgenheit und Halt. Seid euch wichtig, wie sonst niemand anderes.
Ach ja – fast hätte ich die Sache mit den Küssen ganz vergessen. Sie sind jetzt vielfältiger. Es gibt die ‚Tschüß bis gleich’ und die ‚verschlafenen Morgenküsse’, die vom Lärmen des Weckers begleitet werden. Auch die ‚ich habe jetzt gerade keine Zeit, aber ich liebe dich’ und ‚schlaf gut’ Bussis gibt es. Nicht zu vergessen sind die ‚einfach mal so, weil ich dich mag’ Küsschen.
Aber keine Sorge, die richtig heißen, weiche Knie machenden, euch zum schmelzen bringenden Knutscher gibt es immer noch! Ehrenwort!


Über Nacht gealtert
?„Mist, auch das noch“, grantelte ich vor mich hin und knallte die Autotür fester als nötig zu. Ich hatte mich mit Anne, meiner besten Freundin, zu einem ausgedehnten Einkaufsbummel in der City verabredet, aber mein Auto schien dies verhindern zu wollen. Das sonst so zuverlässige Gefährt sprang einfach nicht an.
Frustriert wählte ich Annes Nummer. „Es tut mir leid, Süße, mein Auto streikt. Ich fürchte der Anlasser ist kaputt. Was machen wir?“
„Ich bin schon in unserem Bistrot und habe gerade einen Cappuccino bestellt“, kam die prompte Antwort. „Wenn du wartest, bis ich ausgetrunken habe, dann hole ich dich von zu Hause ab.“
Anne war wirklich ein Schätzchen, stellte ich einmal mehr fest. Ich schüttelte den Kopf, obwohl meine Freundin das eher nicht sehen konnte. „Quatsch, das ist total lieb von dir, aber das musst du nicht machen. Bestell dir noch ein Stück Kuchen und ich komme einfach mit dem Bus. Wenn du mich nachher allerdings nach Hause fahren könntest, wäre das super.“
So stand ich bald an der Bushaltestelle. Zum Glück ließ der Schnellbus nicht lange auf sich warten. Schon beim Einsteigen bemerkte ich, dass das Gefährt ziemlich voll war. Seufzend stellte ich mich darauf ein, die ganze Fahrt über stehen bleiben zu müssen. Der Bus fuhr ruckelnd an. Verflixt, ich hatte mich nicht richtig festgehalten und stolperte ein wenig auf den Sitz vor mir zu, auf dem ein jüngerer Mann herumlümmelte.
Aufmerksam geworden schaute er mich von oben bis unten an, schien mein Alter abzuschätzen. Aber was war das für ein Blick? Er schaute mitnichten voller Interesse, sondern eher ... also irgendwie ... an mir vorbei. Irritiert erwiderte ich den merkwürdigen Blick, versuchte ein leichtes Lächeln, das nicht zurückkam. Der Typ schaute immer noch unbestimmt an mir vorbei, runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas Mitleidiges angenommen.
Ich warf einen prüfenden Blick in die spiegelnde Scheibe vor mir. Tatsächlich entdeckte ich ein - zwei Falten, die ich vorher noch nicht bemerkt hatte. War es möglich, über Nacht krass zu altern? Oder hatte ich gestern ein Glas Rotwein zu viel getrunken? Nein, daran konnte ich mich nicht erinnern.
Wieder glitt mein Blick zu dem jungen Mann, der anscheinend Anstalten machte aufzustehen, obwohl keine Haltestelle in Sicht war. Oh nein, wollte er mir etwa seinen Platz anbieten? Hallo? Sah ich schon so gebrechlich aus? Was würde als nächstes kommen?
Vor meinem geistigen Auge sah ich mich dunkelgraue Gesundheitsschuhe kaufen und Blutdrucktabletten einnehmen. „Ja, ja, Herr Doktor, es ist alles nicht mehr so wie früher“, hörte ich mich mit brüchiger Stimme lispeln, während der Doc bejahend nickte und mir ein weiteres Medikament gegen Osteoporose verschrieb. „Und immer schön zur Gymnastik mit dem Stuhl gehen, meine Liebe“, gab er mir mit auf den Weg.
Ein energisches Knuffen in meinem Rücken holte mich abrupt aus dieser düsteren Vision. Irritiert drehte ich mich um. Eine kleine, faltige Oma hatte sich hinter mir aufgebaut. „Machen Sie gefälligst Platz, junge Frau“, wetterte sie, während sie ihren Stock, mit dem sie mich angeschubst hatte, wieder auf dem Boden abstellte. „Oder wollten Sie sich etwas auf den Platz setzen, den der nette junge Mann extra für mich frei gemacht hat? In ihrem Alter?“, sagte sie entrüstet.„Aber nein, auf keinen Fall“, stammelte ich erfreut. „Ich kann sehr gut stehen.“

Anne schaute mich prüfend an, als ich in das Bistrot schwebte. „Dafür, dass dein Wagen nicht angesprungen ist hast du aber verdammt gute Laune“, grinste sie.„Yep, habe ich und jetzt lass uns direkt mal das nächste Schuhgeschäft stürmen“, strahlte ich sie an. „Ich brauche unbedingt ein Paar Highheels in knall rot.“
© Angie


Ein kluges Tier

„Gib Pfötchen, ja, fein!“ Brav legte der Dackelrüde seine Pfote in meine Hand und kassierte dafür ein Stück Hundeschokolade. Das klappte ja prima, der Rüde hatte seine Lektion auf Anhieb gelernt.
Nun wandte ich mich dem Dackelmädchen zu. “Emma, gib schön Pfötchen!“ Doch die schaute uninteressiert weg und dachte nicht daran, mir die Pfote zu reichen.
Alan, der beste Ehemann von allen, der mir amüsiert zugeschaut hatte, mischte sich ein. „Da kannst du lange warten, das Tier ist einfach strohdumm und wird's nie lernen.“
„Du bist so gemein! Emma ist überhaupt nicht dumm, sie braucht nur etwas länger um eine Übung zu verinnerlichen!“
„Verinnerlichen?“ Alan grinste. „Die verinnerlicht höchstens, wo der Futternapf steht und das nur mit Müh und Not.“
Das konnte ich einfach nicht auf meinem Dackeltier sitzen lassen. „Wetten, dass sie es heute lernt, mir das Pfötchen zu geben, und zwar auf Kommando!?“
Wieder grinste Alan diabolisch. „Die Wette gilt, wenn du gewinnst, dann lade ich dich zum Essen ein. Wenn du verlierst ... schau‘n wir mal.“
„Die Wette verlierst du, mein Lieber!“
Obwohl ich mich siegessicher gab, war ich noch nicht davon überzeugt, diese Wette zu gewinnen, denn meine Emma zeigte alle Anzeichen einer Lernschwäche, um es einmal so auszudrücken. Situationen, die der Dackelrüde mit Bravour bewältigte, überforderten mein Hündchen gnadenlos. Emma war lieb, anschmiegsam und hatte ein fast unheimliches Feeling für meine Stimmungen, doch sie war einfach nicht die Hellste und hatte zudem einen kapitalen Silberblick. Trotzdem hätte ich die Kleine für kein Geld der Welt eingetauscht, auch nicht gegen einen Einstein im Hundepelz.
Mein Ehrgeiz war geweckt und so zog ich mich mit Emma und einem Beutel Hundeschokolade in eine ruhige Ecke zurück, schließlich solle der Hund nicht abgelenkt werden. Ich tat mein Bestes, gab das Kommando, hob die Pfote an, lobte, fütterte Emma mit Schokolade, wenn sie auch nur ansatzweise auf mein Kommando reagierte. Zuweilen gesellte sich der Rüde zu uns, setzte sich vor mich, hob ungefragt die Pfote um ein Leckerchen zu kassieren und trollte sich wieder.
Schließlich gab ich völlig entnervt auf, denn Emma hatte beschlossen, nicht mehr auf mein merkwürdiges Getue zu reagieren, nicht einmal für Hundeschokolade. Sie legte sich gemütlich hin und machte ein Nickerchen.
„Naaa, alles im Griff?“ Alan guckte ziemlich schadenfroh aus der Wäsche, doch so schnell wollte ich ihm den Triumph nicht gönnen.
„Ja, sicher, nachher zeigen wir dir schon, was wir für Tricks auf Lager haben. Freu dich nur nicht zu früh.“

Am Nachmittag beschlossen wir, einen Spaziergang durch den Park zu machen. Während der Rüde brav neben uns her taperte, hatte ich Emma, wie immer, angeleint, denn ich war mir nicht sicher, ob sie nicht einfach weglief.
„Tja, mein Rüde ist schon sehr pflegeleicht.“ Dieser Mann wollte es heute auf die Spitze treiben.
Entschlossen leinte ich Emma ab. Die witterte Freiheit und gab erst einmal Fersengeld. „Emmachen, komm schön her“, rief ich und traute meinen Augen nicht, denn der Hund blieb wirklich stehen, wandte sich mir zu, setzte sich, legte den Kopf schief und - hob seine Pfote.
© Angie


Elternabend

Mit Mühe unterdrücke ich ein Gähnen, was mir einen missbilligenden Blick der dicklichen Lehrerin einbringt. Diese Frau sieht alles. Ich bin froh, dass mein Sohn in ihre Klasse geht und nicht ich. Vier Kinder, das macht eine Menge Elternsprechtage, denke ich und seufze. Schon wieder trifft mich der strenge Blick. Was würde ich jetzt für eine Zigarettenpause geben ...
Ich hole tief Luft, was ein Fehler ist, denn die unterschiedlichsten Parfümwolken haben sich zu einem Geruchsgemisch vereinigt, das mich in eine Art Trance versetzt. Die Muttis der ersten Klasse haben sich eben chic gemacht. Ganz anders als ich. Als Mutter von 4 Söhnen bin ich kampferprobt und abgehärtet. Elternsprechtage sind jetzt nicht so der Grund für mich, um mich ins kleine Schwarze zu schießen und in Parfüm zu baden.
Das ist gleich aufgefallen. Während die meisten Mütter die Lehrerin umringten, sie mit Fragen bombardierten und sich Notizen machten, habe ich mich auf einen der Tische gesetzt, mich aber nach einem bösen Blick der Lehrerin lieben auf einen der kleinen Stühle gequetscht, so ganz ohne Aufforderung. Die anderen Mütter sind nach und nach meinem Beispiel gefolgt.
Jetzt sitze ich immer noch auf dem Stuhl, mit eingeschlafenem Hinterteil. Ich beobachte fasziniert, wie sich ein Speichelfaden zwischen den Lippen der Lehrerin in die Länge zieht, wenn sie spricht. Und sie spricht andauernd! Ich kann den Blick nicht abwenden. Der Faden ist super elastisch, reißt nie ab.Inzwischen wird eifrig diskutiert.
Einige der Mamas möchten Sitzbälle anschaffen, für eine gesunde Sitzhaltung. Eine andere Gruppe widerspricht und will lieber mal mit den Kindern in den Zoo. Ein Vater, der sich zum Elternsprechtag verirrt hat will den Klassenraum in lustig bunten Farben anstreichen, damit er freundlicher aussieht.
Die Lehrerin ist der Meinung, dass die Kinder zu viel fernsehen. Schon ist ein neues Diskussionsthema gefunden, Gewalt im Fernsehprogramm.
Die Augen fallen mir fast zu. Außerdem muss ich unbedingt eine rauchen. Ich beschließe raus zu gehen, wenn der Speichelfaden im Mund der Lehrerin innerhalb der nächsten 10 Minuten reißt. Falls er hält, werde ich mich an der Diskussion beteiligen. Tom und Jerry sind jetzt im Kreuzfeuer der Kritik. Ich lerne, dass sie gewaltbereite, mordlüsterne Biester sind, welche die Jugend verderben.
Die Lehrerin lächelt, doch das Speichelding zieht sich noch mehr in die Länge, reißt nicht. Ein zähes Teil ist das. Die mollige Pädagogin stellt die Frage, ob die Kinder nicht lieber stilles Wasser trinken sollen. Saft hat zu viele Kalorien, sagt sie. Mitten im Satz wird sie unterbrochen, denn eine Helikoptermama beklagt sich, dass die Pausen nicht aktiv gestaltet werden.
Ich linse auf meine Uhr. Die zehn Minuten sind um, ich habe verloren, muss diskutieren. So stehe ich auf: „Mein Sohn verabscheut stilles Wasser und ich auch“, sage ich mit fester Stimme. „Und ich bin der Meinung, dass die Kinder Bilder malen sollen um den Klassenraum zu verschönern. Ach ja, Sitzbälle in einer Klasse, das ist bescheuert.“
Die dicke Lehrerin starrt mich mit offenem Mund an. Da - der Speichelfaden ist weg, vermutlich endlich gerissen.
Ich grinse sie an. „Tom und Jerry finde ich übrigens cool. Die habe ich mir schon angeschaut, als ich ein Kind war und es hat mir nicht geschadet. Jedenfalls nicht sehr. So, und jetzt gehe ich eine rauchen.“ Mit diesen Worten steuere ich die Tür an.Selten habe ich mich so klasse gefühlt, wie nach dem Abgang.
Allerdings muss ich, nachdem ich geraucht habe wieder zurück in die Klasse, denn sie haben mir in meiner Abwesenheit eine Strafe aufgebrummt. Sie haben mich zur Elternsprecherin gewählt ....
© Angie


Das Salz in der Suppe
„Du weißt, warum ich anrufe“, sagt Annerose. Klar weiß ich das, versuche aber, den Kelch durch vorgetäuschte Unwissenheit an mir vorüberziehen zu lassen.
„Na ja“, sage ich also. „Wir sind Freundinnen und telefonieren deshalb öfter miteinander.“
„Ja, schon“, antwortet Anne. Irgendwie klingt das leicht gekränkt.
Ich gebe auf. „Natürlich rufst du wegen deines Geburtstags an. Ich wollte dich nur auf den Arm nehmen“, rufe ich betont munter in den Hörer.„Dann ist es ja gut. Ich dachte schon du hättest mich vergessen. Was hältst du also von einem zünftigen Mädelabend?“
„Du weißt, dass ich dafür immer zu haben bin. Wo treffen wir uns? Ich wüsste ein wirklich schnuckeliges Lokal. Das ist bisher noch ein Geheimtipp ...“, ich gebe alles, um dem drohenden Verhängnis zu entgehen und weiß doch, dass es sinnlos ist.
Meine Freundin atmet hörbar ein. „Dahin können wir auch ein anderes Mal gehen. Wenn ich Geburtstag habe, will ich euch verwöhnen. Natürlich koche ich für euch. Das gehört sich so!“ Dafür, dass Anne so oft über ihre Mutter schimpft, hat sie sich eine Menge Phrasen der alten Dame angeeignet.
„Wann soll es losgehen“, frage ich mit einem resignierten Seufzer. Ich bringe es einfach nicht fertig, Anne zu sagen, dass sie die schlechteste Köchin westlich Moskaus ist. Schließlich ist sie meine älteste und beste Freundin.

‚Mädelabend’, denke ich amüsiert, während ich meine Jacke an Annes Garderobe aufhänge. Das ist ein netter Name für die Zusammenkunft von uns Ü50 Damen. Im Esszimmer sitzen bereits die Schwestern Gabi und Gilla. Auf die beiden passt die Beschreibung ‚Mädel’ schon eher. Sie sind immer stylisch hipp gekleidet. Ihr Äußeres variiert einzig designermäßig, je nach Jahreszeit und manchmal nach der Stimmung. Heute sind beide in orange, gelb, pink und schlüpferblau gekleidet. Das schrille Outfit lässt auf einen lustigen Abend schließen.
„Toll seht ihr aus“, sage ich und drücke Anne einmal kräftig. „Alles, alles Liebe zum Geburtstag, Schätzchen.“
„Danke!“ Sie nimmt mir die mitgebrachte Champagnerflasche ab. „Die lege ich gleich mal auf Eis. Wir haben schon auf dich gewartet. Dann kann es ja losgehen. Als Vorspeise gibt es Tomaten und Mozzarella.“
Während Anne die Vorspeise holt, zwinkert Gilla verschwörerisch. Alle drei denken wir das Gleiche. Alles ist im grünen Bereich, bei der Vorspeise kann unser Geburtstagskind nichts falsch machen.„Ich hätte gern das Salz“, sagt Gabi vorsichtig.
Anne mustert sie streng. „Du hast noch gar nicht probiert, übrigens ist Salz ungesund. Das weiß doch jeder.“
„Und du als Apothekerin weißt das ganz besonders“, fügt Gabi hinzu und bedient sich beim Salz. „Ich habe keinen zu hohem Blutdruck.“
„Aber für dein Herz ist das auch nicht gut.“ Anne gibt nicht auf, beruhigt sich aber schnell wieder. Sie hebt ihr Rotweinglas. „Auf uns. Schön, dass ihr gekommen seid.“
„Ich habe bloß schon mal den Salzstreuer gesichert“, flüstert Gabi, während Anne in die Küche schwebt, um dem Hauptgericht den letzten Schliff zu geben.„Das hast du fein gemacht. Besser ist es“, grinst ihre Schwester, während ich versuche nicht auch noch zu lästern. Aber eigentlich haben die beiden ja Recht.
Nach einer Weile stellt Anne eine Schüssel und einen großen Teller auf den Tisch. „Putenbrust, Gnocchi mit Käse überbacken“, stellt sie stolz ihre Kochkreationen vor.
„Mensch, das sieht ja klasse aus“, ruft Gilla leicht erstaunt. Das ist in der Tat wahr. Es sieht superlecker aus, aber es riecht irgendwie merkwürdig.
Gabi reagiert prompt. „Für mich bitte erst einmal ein Löffel. Ich habe schon so viel von der Vorspeise genommen.“Das ist die Übertreibung des Jahres. Auch ihre Schwester lässt mich schmählich in Stich. „Ich muss im Moment arg auf meine Taille achten“, heuchelt sie. Prompt häuft Anne mir die doppelte Portion auf den Teller, mir fällt nämlich keine Ausrede ein. Ich probiere, seufze dann leise, aber ergeben. Das Essen ist wie erwartet. Das Fleisch ist komplett ungewürzt und jeweils mit einem traurigen, angebräunten Basilikumblatt belegt. Wenigstens gibt der Käse den Gnocchis etwas Geschmack. Dafür verströmt die Mischung den eigenartigen Geruch. Er erinnert mich entfernt an ungewaschene Socken. Alle Drei salzen wir drauflos, aber das bringt uns auch nicht viel weiter. Gewürze sollten halt beim Kochvorgang einbezogen werden, sonst bringt es nichts. Ich arme flach und kämpfe mich durch das Geburtstagsessen, doch irgendwann geht gar nichts mehr. Gabi und Gilla stochern auf ihren Tellern herum, schieben das Essen hin und her.
Schließlich merkt selbst Anne etwas. „Was ist los?“, fragt sie irritiert. „Schmeckt es euch denn gar nicht. Ich habe den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden“, fügt sie hinzu.
Ich lege ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Klar ...“ Weiter komme ich nicht.
„Nein“, erklingt es wie aus einem Mund von den Schwestern, was mich dazu veranlasst Schadensbegrenzung zu betreiben.
„Klar hätte dem Fleisch etwas mehr Gewürz nicht geschadet ... aber sonst ... ich bin einfach satt ...“
Annes empörter Blick lässt mich verstummen. „Hör schon auf. Ich habe, glaube ich, das Salz völlig vergessen. Und der Käse auf den Gnocchis hatte von Anfang an einen ziemlich komischen Geruch. Ich dachte, dass euch das nicht auffällt“, grinst sie zu meiner Erleichterung.„Ohne Gewürze, vor allem ohne Salz, schmeckt es einfach nicht“, sagt Gabi und mit einem Augenzwinkern fügt ihre Schwester hinzu: „Auch wenn du eine miserable Köchin bist, so bist du doch eine tolle Freundin.“
„Eben, im nächsten Jahr schenken wir dir ein Geburtstagsessen. Keine Widerrede. Jetzt lass uns den Champagner köpfen“, gebe ich meinen Senf dazu.
Anne klimpert kokett mit den Wimpern. „Ja was, mögt ihr denn kein Dessert. Wo ich dafür den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden habe.“
„Was gibt es denn“, fragt Gabi vorsichtig.„Eis mit frischen Erdbeeren, die passen auch fabelhaft zum Champagner. Aber es ist alles völlig salzlos.“
„Eis geht immer“, grinse ich und denke: ‚Wahrheit ist schon wichtig, so wie Salz in der Suppe, aber zu viel davon kann ganz schön schädlich sein.’
© Angie


Sie haben Post
Es gibt böse Engel, definitiv. Der Briefzusteller ist so einer. Wieder schwebt er an mir vorbei als wäre ich nicht vorhanden. Im letzten Moment allerdings schaut er mich kurz und höhnisch an. Wahrscheinlich unterschlägt unsere Post seit einer geraumen Weile. Das habe ich als erstes festgestellt, dass auch Engel fies sein können. Keine Ahnung, wie lange ich jetzt schon auf dieser Wolke sitze und Hosianna singe. Jedenfalls kommt mir die Zeit unendlich lang vor.
Neben mir angedockt ist die Wolke meines Mannes. Er lungert dort herum, schnarcht und räkelt sich wie damals. Nur die Flasche Bier fehlt, dafür hat er Manna satt. Es ist okay, dass er an meiner Seite ist, schließlich haben wir uns sehr geliebt.
Hin und wieder frage ich mich, wie das bei den Paaren ist, die sich nicht mochten oder bei Geschiedenen. Müssen die auch für immer zusammenbleiben? Das stelle ich mir nicht besonders lustig vor. Und was ist mit denen, die mehrfach verheiratet waren? Das wird mir dann doch zu kompliziert, ich lasse das Nachdenken mal lieber sein und konzentriere mich wieder auf das Singen.Das ist wichtig, wegen der Dichtigkeit. Schließlich will ich mich nicht in Luft auflösen.
Apropos Luft: Wieder einmal muss ich meinen damalig Angetrauten darauf hinweisen, dass sein rechtes Bein dabei ist, sich in lauter kleine Wölkchen zu verwandeln. Er stutzt, guckt kritisch nach unten und fängt gleich mit  einem inbrünstigen Hosianna an, was seinem Bein eindeutig zugute kommt. Es materialisiert sich nämlich wieder.
Es ist halt harte Arbeit, sich hier im Himmel zu halten, denn wir müssen selbst für unsere Dichtigkeit sorgen. Niemand schert sich einen Deut darum, ob wir das so ohne weiteres schaffen. Eine Gewerkschaft gibt es auch nicht und so haben wir einen 16 Stunden Tag, den wir mit dem erwähnten Hosiannagesang verbringen.  Was bleibt uns auch übrig, dann wer will schon als ausgefranstes Wolkenfragment durch den Orbit taumeln, bis er von einem Sonnensturm in alle Winde verweht wird.
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, um die Dichtigkeit zu erhalten, aber darauf haben wir hier oben keinen Einfluss. Einzig die auf der Erde Zurückgebliebenen können uns helfen, aber das wissen sie leider nicht. Je intensiver und liebevoller sie an uns denken, umso besser ist es für uns, umso weißer und schimmernder sehen wir aus, was uns allgemeine Bewunderung einbringt.
Aber es gibt auch das Gegenteil, denn an wen mit Hass oder gar Abscheu gedacht wird, der kann noch so viel und inbrünstig singen, es hilft ihm nicht. Irgendwann ist er eine Fransenwolke und treibt davon. Merkwürdigerweise sitzen alle Schufte und Schurken, die irgendwie prominent sind auf ihren Wolken. An sie scheint ständig gedacht zu werden und zwar im positiver Sinne. Manchmal erscheinen sie etwas durchsichtiger, aber genauso schnell erstrahlen sie wieder. Ich frage mich, wieso diese Typen überhaupt hier zwischen uns sitzen? Gott muss zuweilen mächtig verwirrt sein.
Einmal am Tag kommt der Briefzusteller vorbei und verteilt die Gedanken, die fein in Briefumschläge verpackt sind. Leider ist für uns in letzter Zeit nichts dabei, was mich langsam nervös werden lässt. Wir haben vier Söhne mit den dazugehörigen Ehefrauen und neun Enkel! Bisher habe ich mir nie Gedanken machen müssen. In schöner Regelmäßigkeit kamen Briefumschläge für uns, in denen sich immer gute Gedanken befanden. So konnten wir uns das eine oder andere Päuschen erlauben. Denn, wie ich bereits bemerkte, ist die ewige Singerei ganz schön ätzend.
Huch, es ist bereits wieder Morgen, der Postzusteller schwebt an uns vorbei, dieses Mal gemein grinsend. Darf der das eigentlich? Wo bleibt hier die himmlische Güte? Ehe ich von bösen Gedanken übermannt werde, singe ich laut und akzentuiert. Mein Mann fällt brummelig in meinen Gesang ein. So vergeht eine Weile, bis Petrus mit grimmiger Miene auf uns zugestapft kommt. In der Hand hat er ein riesiges Bündel mit Briefumschlägen. „Der Postengel, dieser Schlingel, hat wohl etwas gegen euch“, grollt er. „Er hat eure Post einfach nicht zugestellt. Ich bringe sie euch persönlich, damit nicht noch etwas bei der Zustellung schief geht.“ Er reicht mir das Päckchen und dreht sich abrupt um. „Büßen ... degradieren ... Wolke ganz unten ...“, höre ich ihn im Weggehen murmeln.
Entzückt öffne ich den obersten Umschlag. Mein Mann ist zu mir gehopst und schaut mir über die Schulter. Ein wunderbarer Gedanke flattert uns entgegen:‚Liebe Mama, heute wärst du 100 Jahre alt geworden. Alles Gute zum Geburtstag, wo immer du auch bist. Wir alle denken an dich.’
Ich werde undicht, aber auf andere Weise als sonst. Mir kullern nämlich Tränen über das Gesicht.
„Nicht weinen, Liebes, alles ist gut“, flüstert mein Mann mir ins Ohr und nimmt mich in die Arme.
© Angie


Mindestens alle zwei Tage

Überrascht ließ Ramona die Zeitschrift sinken.Sie hatte sich eine Auszeit gegönnt, weil die Kinder günstiger Weise mit ihren Großeltern im Zoo waren. Und weil sie heute Nachmittag frei hatte.
Sie hatte sich gleich beim Heimkommen von den hohen Hacken und der beengenden Bürokleidung befreit, war in Joggingklamotten und Puschelsocken geschlüpft. Ein Gläschen Prosecco, ein paar süße Sünden und die neueste Ausgabe einer Hochglanz Klatschzeitschrift, damit wollte sie den Nachmittag genießen.
Und jetzt das! Hier stand tatsächlich, dass das durchschnittliche deutsche Ehepaar alle zwei Tage Sex miteinander hatte. Nun, das traf auf ihre Ehe so gar nicht zu. Die Zeiten, in denen Stefan im Badezimmer über sie hergefallen war, wenn sie aus der Dusche kam, waren definitiv vorbei. Überhaupt war das bisschen Sex, das sie miteinander hatten seit der Geburt der zwei Kinder einfallslos und ähnelte eher einer gymnastischen Pflichtübung. Waren sie also ein Problempaar?
Ramona überlegte. Wie oft musste man wohl Liebe machen, um noch der Norm zu entsprechen? Ein - zwei Mal pro Woche? Von wegen! Laut dieser Statistik alle zwei Tage!
War waren diese Leute überhaupt, die das von sich behaupteten? Waren die niemals müde oder lustlos? Oder waren ausschließlich kinderlose Paare unter 30 befragt worden? Eins war klar, Kinder und andauernder Sex - das ging in einer Ehe eher nicht.
Wie sollte man die Leidenschaft aufrechterhalten, wenn man am Abend die Kinder gefüttert, gebadet, ins Bett gebracht hatte. Nicht wie das im Film vor sich ging, sondern in der Realität.
Dazu gehörte es die tägliche Mahlzeit zu kochen, für den Kleinen zu pürieren. Den Großen zum Essen zu animieren, wenn er gerade keinen Spinat wollte und die Fischstäbchen verschmähte. Ggf. Geschwisterstreit zu schlichten, Tränen zu trocknen. Dann vertrocknete Breireste des Kleinen vom Boden aufzuputzen. Den Großen anzumotzen, weil er das Dessert mit den Fingern aß und die Reste in die Hosentasche steckte.
Inzwischen grölte der Kleine fröhlich: „Hab’ nen Stinker“, musste also gewickelt werden.
Der Große bestand darauf, sich allein bettfertig zu machen, wobei er mit der elektrischen Zahnbürste ‚wie Papa rasieren’ spielte. Nachdem sie, ganz geduldige Mutter, ihm die Zahnbürste in den Mund gesteckt und ihn vergeblich zum Pinkeln aufgefordert hatte, brachte sie die Kinder zu Bett. Was bedeutete, dem Großen eine Geschichte vorzulesen, gute Nacht zu sagen, das Licht zu löschen und die Kinderzimmertür sacht zuzuziehen.
Vor der geschlossenen Tür holte sie meistens tief Luft, denn so einfach war das Zubettgehen der Kinder meistens nicht. Der Große wollte noch ein Küsschen, erklärte lautstark, dass er Pipi müsse. Der Kleine hatte Durst, bekam seine Trinkflasche mit Wasser, bemerkte dann dass sein Kuschelteddy verschwunden war, während der Große darauf bestand, dass sie die fiesen Monster unter dem Bett verscheuchte - aber lieber solle das Papa machen. Worauf sie erklärte, dass Papa noch nicht zu Hause, weil schwer beschäftigt war.„Mama, aber du bist nicht beschäftigt“, kam es dann zurück.„Klar nicht, ich putze gern Gemüse, stecke vollgemachte Windeln in stinkende Tüten, wische euren Dreck auf und räume jetzt gleich die Spülmaschine leer“, hätte sie in solchen Augenblicken gern geantwortet, verkniff sich das aber lieber. Schließlich wollte sie nicht wie eine unbefriedigte Zickenmutter wirken, an die sich ihre Söhne später erinnern genau würden.
Endlich auf dem Sofa zappte sie sich durchs Fernsehprogramm, blieb meist bei einer geistentleerenden Sendung à la Dschungelcamp hängen. Sie stellte sich nicht vor, wie zerzaust sie aussah, irgendwie war ihr das auch egal und nach heißem Sex stand ihr der Sinn so gar nicht.
Wie zur Hölle machten es also diese Paare, die es immerzu miteinander trieben? Jedenfalls jeden zweiten Tag.Dabei liebte sie ihren Stefan. Mit allen seinen Fehlern, seiner Unordnung, seiner Unfähigkeit, sich Termine zu merken, die die Kinder angingen. Wo er doch alle Spieler der Bundesliga mit Vor- und Zunamen kannte.
Sie überlegte, dass sie vielleicht die Initiative ergreifen sollte. Ihm eine liebevolle und erotische Partnerin sein könnte. Genau, sie würde es ihm heute Abend besorgen, es mit ihm treiben wie früher und anschließend erschöpft, nackt und ungewaschen in seinen Armen einschlafen. Schließlich waren sie immer noch jung und verrückt, jedenfalls relativ.
Sie griff zum Telefonhörer, wählte die Nummer ihrer besten Freundin. „Du, ich hab da gerade was gelesen. Sag, wie oft schläfst du mit deinem Mann“, legte sie los, nachdem die Freundin sich gemeldet hatte.Die räusperte sich umständlich. „Na ja, also, wenn du so fragst. Es ist nicht gerade Fifty Shades of Grey, aber regelmäßig schon. So ein - zwei Mal.“
„In der Woche?“
„Ach was, im Monat. Du weißt, die Kinder ... und oft fühle ich mich nicht so ... und wie schaut’s bei euch?“
„Das hört sich doch gut an. Bei uns ist das auch so“, kicherte Ramona erleichtert, hörte ihre Freundin lachen.„Ramona, du bist eine alberne Tussie. Übrigens: Ich habe da gerade ein dieser unsäglichen Frauenzeitschriften gelesen und etwas gelernt. Wusstest du, dass weibliche Frettchen sterben, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex haben?“
© Angie


Ein ganz besonderer Aufsatz

Was ich einmal werden möchte
Liebes Fräulein Maier!Ich weiß noch nicht ganz genau was ich später arbeiten möchte. Letztens, auf dem Straßenfest bei uns, konnten wir das Feuerwehrauto angucken und auch mal mit Wasser spritzen. Das hat mir gut gefallen, weil man sich ruhig nass und dreckig machen darf und keiner schimpft mit einem. Aber Polizist zu sein ist bestimmt auch total gut, weil man eine Pistole bekommt und immer auf dem Schießstand herum ballern darf.
Aber ich weiß ganz genau, dass ich sie unbedingt heiraten möchte. Sie dürften dann auch bestimmen, ob ich zur Polizei oder zur Feuerwehr gehen oder vielleicht beides machen soll. Weil, sie sind immer so nett und freundlich.Sogar als ich letztens den Frederic in der Mädchentoilette eingesperrt und seine Mütze im Klo heruntergespült habe (es tut mir wirklich leid, dass das Klo hinterher verstopft war) haben sie mich nicht angeschrien. Es sah übrigens fast so aus, als wenn sie lachen wollten, aber nur für einen Moment.
Es war schön, dass ich nachsitzen durfte, denn so hatte ich sie für zwei Stunden ganz allein für mich. Sie haben so nett geguckt und waren ja auch gar nicht mehr böse auf mich. Ich habe sie da auch gleich gefragt, ob sie schon einen Mann haben und es hat mich total gefreut, dass sie ‚nein‘ gesagt haben.
Wenn sie vielleicht in 10 Jahren auch noch keinen eigenen Mann gefunden haben, dann möchte ich sie ganz gerne heiraten. Meine Mama sagt sowieso, dass ich ziemlich schnell wachse und ich beeile mich auch damit, dann geht das noch schneller. Wenn ich dann 18 Jahre alt bin können wir gleich heiraten. Das ist doch eine gute Idee!Übrigens habe ich letztens gehört, dass mein Papa gesagt hat sie wären verdammt sexy. Ich weiß nicht so genau wie er das meinte, aber ich finde sie haben tolle Sommersprossen und schöne rote Locken. Ich finde sie total gut.
Bitte warten sie die paar Jahre, weil ich dann auch viel Geld verdienen werde und sie bestimmt ganz glücklich mit mir sind.
Ihr lieber Felix
Veröffentlicht: "Liebesbriefe" (Angie Pfeiffer)


Der Kuss
Du hast mir einen Kuss zugeworfen, aber ich weiß nicht genau ob ich ihn behalten kann. Deshalb habe ich ihn erst einmal in meine Tasche gesteckt.
Du seufzt, so als hätte ich eine große Dummheit begangen. Dann lächelst du, kommst nah zu mir, steckst mir die Hände entgegen.Nun muss auch ich lächeln. Vorsichtig nehme ich deinen Kuss aus meiner Tasche, reiche ihn dir.
Du nimmst ihn entgegen, streichst ihn mir behutsam auf den Mund.Und da weiß ich genau, dass er ganz und gar mir gehört.
Veröffentlicht: "Buch des Lebens" (Angie Pfeiffer)


Immer diese Ausländer
„Immer diese Hetzerei, nie kann man in Ruhe eine Kleinigkeit essen! Dieses muss bis zum Mittag noch fertig werden, jenes eilt!“ Leise vor sich hin schimpfend betrat Petra das Selbstbedienungsrestaurant und reihte sich in die Schlange der hungrigen – eiligen Mittagspausierenden ein. Wie so oft hatte sie im letzten Augenblick noch einen ganz dringenden Auftrag bekommen, sodass für die Mittagspause eigentlich gar keine Zeit blieb.
Endlich kam die Reihe an sie. „Eine Gulaschsuppe mit Brötchen bitte!“
Wenigstens das Mittagessen war gesichert. Suchend schaute sich Petra nach einem Sitzplatz um. Dort hinten sah es recht gemütlich aus. Schnell an den Tisch und erst einmal das Tablett oben und die Tasche unten abgestellt.
Kaum saß die sowieso schon Gestresste, da bemerkte sie, dass der Löffel fehlte. Also schnell noch einmal zurück und das nötige Esswerkzeug besorgen.‚Das Tablett und die Tasche kannst du einen Augenblick stehen lassen‘, dachte sie bei sich. Schließlich war man hier unter zivilisierten Mitteleuropäern, da würde ja wohl niemand die Suppe auslöffeln oder die Tasche entwenden! Mit diesem Gedanken marschierte Petra noch einmal zurück und kam bald darauf mit einem Löffel bewaffnet an ihren Tisch.
Sie staunte nicht schlecht, denn ein männlicher Mensch undefinierbarer Herkunft saß vor ihrer Gulaschsuppe und tauchte gerade seinen Löffel ein. Verblüfft setzte sie sich erst einmal auf den gegenüber stehenden Stuhl. „Entschuldigung, das ist meine Suppe!“
Der Angesprochene lächelte freundlich. „Perdone, no entiendo“, sagte er in höflichem Ton, führte seinen Löffel zum Mund und biss anschließend herzhaft in das Brötchen.„Natürlich, ein Ausländer und verstehen tut er auch nichts!“ Petra war entschlossen ihre Mahlzeit zu verteidigen. Sie tauchte ihrerseits den Löffel in die Suppe. Sollte der freche Suppenräuber doch sehen, wo er blieb. Der runzelte verwirrt die Augenbrauen, löffelte aber weiter, während er höflich etwas fragte, das Petra völlig unverständlich war. Sie ließ sich nicht beirren, sondern brach sich ein Stück Brötchen von der unangebissenen Seite ab.„Das ist meine Suppe“, betonte sie noch einmal.
Der unverschämte Mensch zuckte gespielt hilflos die Schultern. Was blieb ihr übrig: Sie teilte ihr Mittagessen zwangsläufig, wobei sie den Suppendieb bei jedem Löffel, den er zum Mund führte, mit bösen Blicken aufspießte. Nachdem die kleine Terrine bis fast auf den Grund geleert war, stand der Mann ruckartig auf und entfernte sich hastig.„Na so etwas, das muss ich gleich den Kolleginnen erzählen!“ Petra tastete nach ihrer Handtasche, die sie unter dem Tisch abgestellt hatte. Panik überkam sie, denn offensichtlich war die Tasche verschwunden. Auch ein gründliches Nachschauen half nicht. Ihre Handtasche war nicht zu finden.
Petra schlug sich vor den Kopf. Natürlich - der dreiste Ausländer war gar nicht auf ihre Suppe aus gewesen. Er hatte es von Anfang an auf ihre Handtasche abgesehen. Das las man doch immer wieder.„Ich Kamel, da meckere ich wegen des Essens und in der Zwischenzeit klaut der Typ mir meine Tasche!“ Sie sprang auf und schaute sich um. Vielleicht würde sie den gemeinen Dieb noch sehen.
Das war nicht der Fall, aber sie sah etwas anderes: Eine Tischreihe weiter stand eine Terrine mit jetzt kalter Gulaschsuppe auf, und ihrer Handtasche unter dem Tisch …
© Angie


Unerwarteter Besuch

Ich stand gerade unter der Dusche und ließ den wohlig warmen Wasserstrahl auf meinen Kopf und weiter auf meinen Körper prasseln, als ich eine Bewegung wahrnahm. Ein unbestimmter Schatten huschte an der gläsernen Badezimmertür vorbei. Ich bekam einen gehörigen Schreck und erwog laut um Hilfe zu schreien. Rechtzeitig fiel mir ein, dass ich ganz allein im Haus war. Um Hilfe zu rufen war also wenig sinnvoll. Im Gegenteil würde ich den unbefugten Eindringling nur gegen mich aufbringen.
Ich beschloss erst einmal nichts zu sagen und mich unbemerkt aus der Dusche zu schleichen. Dann konnte ich versuchen die Polizei anzurufen. Natürlich nicht vom normalen Apparat, er stand im hell erleuchteten Wohnzimmer. Das ging also schon mal nicht, aus begreiflichen Gründen. Also musste ich an mein Handy kommen, dass sich wie immer im hintersten Regal in der Küche befand.
Es rumpelte verdächtig, der Schatten war wohl über irgendetwas gestolpert. Bestimmt handelte es sich um einen Einbrecher, der noch nicht bemerkt hatte, dass ich zu Hause war und splitterfasernackt unter der Dusche stand.
Moment-ich war nackt!
Das kam gar nicht gut. Hastig, doch leise, stellte ich die Dusche ab und griff zu meinem großen Badehandtuch. Als ich mich so gut wie möglich eingewickelt hatte, öffnete ich vorsichtig die Duschtür.
‚Nur jetzt kein Knarzen oder Quieken’, betete ich stumm. Tatsächlich wurde ich erhört. Die Tür öffnete sich erstaunlich geräuschlos. Ich setzte erst einen Fuß aus der Dusche, denn den anderen.
Da stand er und musterte mich stumm von oben bis unten. Ich brachte keinen Ton heraus, war ganz starr vor Schreck. Plötzlich regte er sich, wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich.
„Du, komm mit“, raunte er mit einer seltsam hohlen Stimme.„Was ist? Sofort? So?“ Ich machte eine Handbewegung und das Handtuch rutsche. Verzweifelt versuchte ich es zu packen, was ein hoffnungsloses Unterfangen war. Das Badehandtuch fiel auf den Boden. Nun bot sich ihm der ungehinderte Blick.Er fixierte mich weiter, zeigte keine Regung. Das ärgerte mich. Schließlich sah er hier einen sportlich gestählten, knackig braunen Körper ohne wesentliche Rollen und Fettpolster. Mit Rundungen an den richtigen Stellen. Langsam hob ich das Handtuch auf, wickelte es locker um meinen Körper. Das musste ihm einfach gefallen, doch er rührte sich nicht, sondern guckte mich einfach weiter emotionslos an. Das ärgerte mich noch mehr. Ich fuhr mir mit den Händen über die Hüften, leckte mir lasziv die Lippen. „Darf ich mich wenigstens anziehen, bevor ich mit dir gehe? Du kannst auch ruhig mit ins Schlafzimmer kommen“, sagte ich provokant.
„No Deal! Anziehen ist auch nicht nötig“, sagte der Sensemann und griff nach mir.
Veröffentlicht: "Buch des Lebens" (Angie Pfeiffer)


Scherben

„Dann müssen wir eben konsequent sein.“ Er lehnte sich scheinbar entspannt zurück und musterte sie kalt. Sie erwiderte seinen Blick, versuchte ebenso kühl zu sein.
„Wie soll deiner Meinung nach die Konsequenz aussehen?“
Er lächelte ironisch, zog eine Augenbraue hoch.
„O Gott, ich hasse diesen Gesichtsausdruck“, dachte sie. „Du selbstgefälliger …“
Er fiel ihr ins Wort: „Bitte!“ Wie sanft er sein konnte und wie schnell er in der Lage war einfach umzuschalten, so als ob er nur einen Schalter betätigte. Unwillkürlich schossen ihr die Tränen in die Augen, sie zwinkerte hilflos. „Jetzt bloß nicht heulen!“ Doch die Tränenflut ließ sich nicht mehr aufhalten, wurde von einem unkontrollierten Zittern begleitet. Plötzlich war ihr klar, was sie so lange versucht hatte zu ignorieren, schönzureden. Es gab nichts mehr zwischen ihnen außer einer unglaublichen Vertrautheit, dem Gefühl den Anderen genau zu kennen, zu wissen, was er bei welcher Gelegenheit tun oder sagen würde. Doch war nicht auch das eine Illusion? Kannte sie ihn überhaupt noch? Er war schon lange nicht mehr der Mann, in den sie sich verliebt hatte, der ihr Leben ausmachte und auf den sie sich bedingungslos stützen konnte. Der ihr einmal die Sterne versprach und all seine Versprechung gehalten hatte. Aber auch sie hatte sich verändert, sah ihn schon lange nicht mehr verliebt an, war bei jeder Gelegenheit gereizt, von seinen kleinen Marotten genervt. Kleinigkeiten, die sie einmal entzückt hatten, konnte sie plötzlich nicht mehr ausstehen. Sicherlich ging es ihm genauso. Jetzt standen sie beide vor einem Scherbenhaufen, hatten so viel zerschlagen, sich gegenseitig verletzt. Zuweilen aus Unachtsamkeit, doch immer öfter wissentlich, mit der Absicht dem Anderen wehzutun, noch einmal nachzutreten.
Er saß ganz ruhig da, hatte die Hände ineinander verschränkt, versuchte nicht ,sie zu trösten. Wartete einfach ab. Sie putzte sich die Tränen am Blusenärmel ab, fuhr damit über ihre Nase. „Egal“, dachte sie. „Alles ist jetzt egal, denn das ist wohl das Ende.“ Diesen Satz sagte sie laut, musste es in Worte fassen. Dann straffte sie sich. „Ja, dann müssen wir überlegen, wie es weiter gehen soll.“
Er sah plötzlich ganz hilflos aus. „Das müssen wir, aber bitte nicht mehr heute Nacht. Ich kann nicht mehr.“

Ein sanftes Streicheln weckte sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Er war zu ihr ins Bett gekommen, nahm sie in den Arm. Vielleicht aus Gewohnheit, das war ihr egal. Sie kuschelte sich an ihn.
„Bitte“, jetzt war sie es, die ihn bat.
Sie liebten sich; sanft, tastend, fast so, als ob es das erste Mal gewesen wäre. Nachher lag sie ganz ruhig neben ihm lauschte seinen regelmäßigen Atemzügen. Die Augen brannten, hatten keine Tränenflüssigkeit mehr. Während die Dämmerung langsam heraufzog, versuchte sie das Unfassbare zu begreifen. Ihr Leben ging weiter, auch ohne ihn. Sie würde die Scherben aufheben und versuchen alles so gut wie möglich zu kitten. Doch es würde nur Stückwerk sein, das wusste sie nur all zu genau.
© Angie


Der kleine Baum

Es war einmal ein kleiner Baum. Er wurde zuerst in ein Gewächshaus gepflanzt, sorgsam gegossen, gehegt und gepflegt. Als er stark genug war, kam er ins Freie. Hier musste er nicht allein sein, denn die größeren Bäume kümmerten sich um ihn. Schließlich war er noch klein, wie leicht hätte ihn ein Sturm entwurzeln können.
Er wuchs heran, sein Stamm wurde dicker, seine Wurzeln kräftig. Schließlich fühlte er sich groß und stark. Die älteren Bäume wurden ihm lästig, schienen ihm immer nur alles verbieten zu wollen. Das ärgerte den kleinen Baum und er suchte sich einen freien Platz. Schnell hatte er ihn gefunden. Seine Zweige streckten sich dem Himmel entgegen, er wiegte sich im lauen Wind, freute sich an der neu gewonnenen Freiheit.
Doch bald zog ein Sturm auf, rüttelte an seinen Ästen, bog sie nieder, wollte ihn fällen. Regen trommelte, Hagel schlug ihn, er drohte zu entwurzeln.
Da kamen ihm die großen, alten Bäume zu Hilfe. Sie hielten ihre starken Äste über ihn, schützten ihn vor dem schrecklichen Sturm.Als das Unwetter sich gelegt hatte, flüsterten sie: „Geh, kleiner Baum, suche deinen eigenen Weg. Doch wenn wieder so ein schreckliches Unwetter aufzieht, dann kannst du unbesorgt zu uns kommen. Wir werden dich behüten, bis du unsere Hilfe nicht mehr brauchst.“
Da nickte der kleine Baum, denn er hatte verstanden, dass die großen alten Bäume ihn nicht behindern, sondern beschützen wollten.
© Angie


Ein ungewisses Wochenende

Wie hatten uns über das Internet kennengelernt. Nach einem regen Mailwechsel trafen wir uns - in echt und in Farbe. Es passte von Anfang an zwischen uns, allerdings gestand mir Tommy, dass er noch verheiratet war. Das schockierte mich. Ich selbst war seit ein paar Jahren geschieden und wollte mich nicht auf einen verheirateten Mann einlassen. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass man in einer solchen Situation immer der zweite Sieger blieb. Trotzdem hatte ich eingewilligt, ein Wochenende auf Rügen mit ihm zu verbringen, denn ich hatte mich Hals über Kopf verliebt.
Jetzt stand ich ein wenig verloren vor dem Haus, schaute zum wievielten Mal auf die Armbanduhr. „Bestimmt kommt er gar nicht“, dachte ich frustriert. Es war ein unbestimmtes Gefühl, doch rechnete ich nicht damit, dass Tommy mich tatsächlich abholen würde. Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigte, dass es bereits eine Viertelstunde über der verabredeten Zeit war. Traurig nahm ich meine Reisetasche auf, um wieder ins Haus zu gehen, als das Auto neben mir hielt. Tommy stieg aus. Auch er wirkte bedrückt. „Um ein Haar wäre ich gar nicht gekommen“, meinte er, als wir im Auto saßen.
Ich nickte. „Das dachte ich mir schon. Es ist wegen deiner Frau, nicht wahr?“
„Ja, aber anders als du meinst. Ich komme mir vor wie ein richtiger Mistkerl. Ich betrüge sie, aber vor allem betrüge ich dich. Nicht, was du denkst“, sagte er schnell. „Wir schlafen getrennt, das weißt du. Es ist einfach nicht fair dir gegenüber. Ich will dich nicht ausnutzen. Nicht, dass du so etwas von mir denkst. Ich will dir niemals wehtun, weißt du.“
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Dieser Mann machte sich Vorwürfe, weil er mich irgendwie mit seiner Frau betrog? Eine merkwürdige Logik war das. Er schien völlig anders zu ticken, als die Meisten seiner Geschlechtsgenossen.„Das kannst du beruhigt mir überlassen, und ich fühle mich überhaupt nicht ausgenutzt.“ Ich streichelte seinen Nacken. „Ich mag deine Stachelhaare hier.“
Das Eis war gebrochen, Tommys Laune hob sich sichtlich. „Dann mal los, auf nach Rügen.“ Er griff neben sich, angelte eine CD aus der Ablage, legte sie ein. „Ich habe hier ein Album, das ist gerade rausgekommen. Magst du die Gruppe Runrig?“
„Keine Ahnung, kenne ich nicht“, musste ich zugeben.„Das ist eine schottische Band. Die Jungs machen schon seit einer geraumen Weile Musik, eine Mischung aus Folk und Rock. Obwohl ich es noch nie geschafft habe, auf eines ihrer Konzerte zu gehen, bin ich ein ausgesprochener Fan und habe alle Alben. Dieses heißt ‚The Stamping Ground’. Es ist genial.“
Gespannt lauschte ich der Musik. Gleich der erste Song, ‚Book Of Golden Storys’, ließ mich aufhorchen. Es war wehmütiges Lied, das von vergangenem Glück erzählte, von schönen Erinnerungen, aber auch von Hoffnung.

But as long as I can see the morning
In miracles, much more than I can say
It's enough to keep me still believing
In drifting hearts so far away

Ich bekam feuchte Augen, denn der Song ging mir unter die Haut. Konnte ich diesem Mann wirklich trauen? Würde er nicht nur ein flüchtiges Abenteuer suchen, mich irgendwann fallen lassen? Mich mit meinen Erinnerungen allein lassen? Konnte ich noch an Wunder glauben, nach allem, was ich erlebt hatte? War es möglich, dass sei Herz das meine finden würde? Ich schob diese Gedanken beiseite, denn das Lied nahm mich weiter gefangen.

You took me through the pages
Good happiness is shared
Lost in the web of changes
This could be the last dance
Waltzing in the rain
Till the Minstrel comes to save us

Wie sehr wünschte ich mir wieder Leichtigkeit zu spüren, durch das Leben zu tanzen.
Als hätte er meine Gedanken erraten sagte Tommy leise: „Wenn du mir ein wenig vertrauen würdest  ... Ich glaube nämlich, dass ich mich ziemlich verliebt habe ...“„Ich doch auch. Das macht es leicht, aber auch schwierig.“

Yes, as long as I can see the morning
And blossom comes to bud again
in springIt's enough to keep me still believing
Your memory is everything

Etwas erwachte in mir. Ja, ich konnte all das glauben. Ich konnte ihm glauben! „Genau so ist es“, dachte ich. „Selbst, wenn dies unser einziges gemeinsames Wochenende ist, wenn wir uns nie wieder sehen, würde ich alles genauso machen, denn ich liebe dich.“
Tommy lächelte mich an. „Das wird ein wunderschönes Wochenende und es wird unter Garantie noch viele geben, an die wir uns irgendwann gemeinsam erinnern werden. Vielleicht sogar, wenn wir alt sind und ganz faltig, wer weiß. Denn ich würde gern den Rest meines Lebens mit dir verbringen.“ Er deutete auf den Rücksitz. „Falls du müde wirst, habe ich hier ein Kissen und eine Decke. Du kannst deinen Kopf auf meinen Schoß legen. Du kannst mir vertrauen, weißt du. Ich bringe uns sicher an die See.“Wirklich hatte ich nicht gut geschlafen und kuschelte mich in das Kissen. „Nur eine Minute, ich will ganz bestimmt nicht einschlafen.“
So lag ich mit dem Kopf auf Tommys Schoß und hörte der Band zu. Plötzlich erschien mir der Titel gar nicht mehr so melancholisch, sondern viel mehr hoffnungsvoll. „Weißt du was“, murmelte ich. „Ich glaube, das ist ab heute auch meine Lieblingsband und einen Lieblingssong habe ich auch.“

Das ist inzwischen 16 Jahre her. Wir haben damals ein total schönes Wochenende auf Rügen verbracht. Das Runrig Album ‚The Stamping Ground’ ist unauslöschlich damit verbunden. Wir haben es ständig gehört und waren einfach glücklich miteinander. Tommy hat alle seine Versprechen gehalten. Inzwischen sind wir seit 13 Jahren verheiratet. Natürlich haben wir die Ehe in Schottland geschlossen, genauer gesagt in Gretna Green. Die Gruppe Runrig hat uns mit ihrer tollen Musik all die Jahre begleitet und wir haben eine Menge Konzerte von ihnen erlebt. Unseren Song haben die Jungs, zu unserer großen Freude, fast auf jedem Konzert gespielt, denn ‚Book Of Golden Storys’ hat nach wie vor eine besondere Bedeutung für uns.
Natürlich erzählt das Lied von Vergangenem, von wehmütigen Erinnerungen, aber für uns ist ein Versprechen damit verbunden. Das Versprechen ehrlich miteinander umzugehen und den Anderen zu respektieren, ihn niemals vorsätzlich zu verletzen.
Am 23. Juli 2016 haben wir das Konzert der Gruppe in Edinburgh Castle besucht. Das war ein ganz besonderer Abend für uns. Unsere Band vor der Kulisse des Schlosses, das war traumhaft. Und natürlich waren wir noch einmal in Gretna Green. Schließlich sollte man ab und zu das Eheversprechen erneuern, denn es ist nicht selbstverständlich, einen Partner zu haben, der bedingungslos zu einem steht.
Zur Silberhochzeit fahren wir natürlich nach Schottland - und wenn es dann noch ein Runrig Konzert geben würde ... das wäre perfekt ...
© Angie



Regenträume

Seit drei Tagen Dauerregen und es ist kein Ende abzusehen! So habe ich mir die schwer erkämpften freien Tage auf dem Campingplatz nicht vorgestellt. Ich träumte von Sonnenstrahlen, die mich wach kitzeln, dem ausgedehnten Frühstück auf der kleinen Terrasse, Eiskaffee am Nachmittag und von lauen Abenden mit Rotwein und Kerzenschein – das ist Glück.
Frustriert mache ich mich während einer Regenpause für die nachmittägliche Pflichtrunde mit den Hunden fertig. Heute bin ich schon zwei mal nass bis auf die Knochen geworden, denn ich habe, Optimistin, die ich bin, beim Gassi gehen auf einen Regenmantel und die Gummistiefel verzichtet. Das passiert mir nicht noch einmal, also ab in die Regen- kluft und los geht’s.
Meine zwei Dackel schauen mich missmutig an, denn selbst sie scheinen keine Lust zu haben im Regen herumzutappen. Doch darauf werde ich keine Rücksicht nehmen.
Nach einem kräftigen Ruck an der Leine folgen sie mir unwillig durch die kleine Pforte auf den düsteren Waldweg. Hier tropft es von jedem Ast, von jedem Blatt und selbst die Bäume sehen traurig aus.
Im Gehen sinniere ich vor mich hin. Wieso bin ich nur auf die dämliche Idee gekommen, ausgerechnet hier Urlaub zu machen. Das ist ja wieder typisch. Kaum bin ich da, regnet es in Strömen.
Was will ich eigentlich in diesem winzigen Kaff mit seinen spießigen Einwohnern und was will ich auf einem Campingplatz? Ich wollte einmal die Welt erobern, wollte alle großen Städte dieser Erde sehen, jeden Tag Action haben und mich niemals langweilen.Wollte von der Golden Gate Bridge spucken, sehen, wie der Sonnenuntergang den Ayers Rock blutrot färbt, wie Marilyn im gelben Regen- mäntelchen unter den Niagarafällen posieren und wie in einem Agatha Christie Roman stilgerecht auf dem Nil kreuzen. Und jetzt sitze ich im Harz, in einem verdammten Regenloch!

Wir sind an einem kleinen, verschwiegenen See, mitten im Wald angekommen. Ganz in Gedanken habe ich einen unbekannten Weg einge- schlagen. Wie friedlich es ist. Eine kleine Holzbrücke führt über das Wasser.
Ich bleibe mitten auf der Brücke stehen, lehne mich an das Geländer und versinke weiter im Selbstmitleid. Ich wollte die Welt sehen, jeden Tag Action haben – das ist Lebensqualität!Plötzlich geschehen mehrere Dinge auf einmal: Die Wolkendecke reißt auf und ein glitzernder Sonnenstrahl lässt das Wasser silbern glänzen. Gleichzeitig spiegeln sich die umliegenden Bäume darin, bewegen sich sanft in den kleinen Gluckerwellen, die auf dem See schaukeln.Ein dicker Karpfen steckt sein rundes Kussmaul aus dem Wasser. Er scheint mir zuzuzwinkern und eine Entenmama kommt mit ihren pu- scheligen Küken unter der Brücke hervor.Die Kleinen machen wohl die ersten Schwimmversuche. Eifrig bemühen sie sich ganz dicht bei der Mutter zu bleiben, purzeln fast überein- ander.
Unwillkürlich muss ich lächeln, schaue erst auf das Schauspiel, dann fällt mein Blick auf die Dackel-Gang. Die zwei sitzen nah zusammen, schauen zu mir hoch und lächeln mich an, jedenfalls sieht es so aus. Und plötzlich weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.
Sicher ist es aufregend und toll, die große, weite Welt zu sehen, aber das hier ist meine kleine, heile Welt, mein Ruhepunkt im oft so hektischen und aufreibenden Alltag – und das ist mein ganz persönliches Paradies!

Nachtrag:Inzwischen habe ich von der Golden Gate gespuckt und alles Andere auch ausprobiert.
Trotzdem schließe ich mich Dorothy an, wenn sie sagt: „Am Schönsten ist es doch daheim.“
© Angie


Hab' mich wier mal an dir betrunken

'Hab' mich wieder mal an dir betrunken', Das sang die Gruppe ‚Pur’ vor langer Zeit.
Okay, das ist old fashioned. Trotzdem hat dieser alte Song seinen Reiz behalten.
‚Hab mich wieder mal an dir betrunken’ ...Wieder mal und immer wieder. Weil ich dich liebe, einzig dich begehre, genau weiß, dass auch du mich begehrst, mit jeder Faser deines Körpers.
Dass du mich liebst, mit jeder Faser deines Herzens.
Dass wir zusammen unschlagbar sind, gemeinsam fliegen können. Weil wir uns ergänzen. Du bist ich ... ich bin du. Grenzenloses Miteinander. Grenzenloses Vertrauen, aber das ist nicht erwähnenswert, das muss so sein, gehört zur Liebe dazu.
Deshalb wird dieser Song immer zu uns gehören. ‚Hab’ mich wieder mal an dir betrunken’, werde immer fasziniert von dir sein.Weil - du bist meine zweite Hälfte und ich bin froh und glücklich, dass wir uns gefunden haben.
Ich bin nicht besonders gläubig, aber ich bin dankbar für dieses Glück ...
© Angie


Wovon träumst du

In den schottischen Highlands war einmal ein Fels, größer als seine Brüder, doch gehörte er zu ihnen. Gemeinsam trotzten sie dem tobenden Sturm, dem peitschenden Regen und auch der klirrende Frost konnte ihnen nichts anhaben. Eines Tages trug der freundliche Westwind ein Samenkorn zu ihnen. Es fiel in eine kleine Spalte des großen Felsbrockens. und es wuchs eine Pflanze daraus. Klein zunächst und kümmerlich, denn der Fels wollte sie nicht nähren.
„Was tust du hier“, grollte er.„Oh, ich wachse und du hilfst mir dabei“, wisperte die Pflanze.„Ich kann dir nicht helfen, denn ich bin ein harter Fels. Geh lieber weg.“
„Aber du bist stark, gibst mir Schutz und Nahrung, wenn du nur willst. Ich will bei dir bleiben“, antwortete die Pflanze und schmiegte sich haltsuchend an.
Darauf wusste der Fels keine Antwort, denn noch nie hatte ihn jemand um so etwas gebeten. So duldete er die Pflanze.Sie wuchs heran, bekam die ersten Knospen, blühte auf. Der Fels bot ihr Schutz, nährte sie.„Es ist schön hier bei dir“, flüsterte sie eines Tages.„Ich bin rauh und schroff, niemand findet mich schön“, war die Antwort des Felsens, doch insgeheim freute er sich über die Pflanze, schmückte sie ihn doch mit ihren Blüten, machte ihn durch ihre Aufmerksamkeit einmalig.

„Wovon träumst du“, fragte sie ihn einmal.„Ich weiß nicht“, antwortete er.
„Wovon träumst du?“
Die Pflanze lächelte ihn an. „Irgendwann werden wir beide Staub sein und mit dem Wind überall hin fliegen können.“
Da begann er sie zu lieben.

“Diese Geschichte kenne ich nicht”, sagst du.
Ich muss lächeln. “Doch, denn es ist unsere.”
Veröffentlicht: "Buch des Lebens" (Angie Pfeiffer)


Ich muss es nur irgendwie aushalten

Wie jeden Morgen schlurfte Wolfgang in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Betrieb, lauscht ihren Blubbergeräuschen, greift automatisch nach seiner Kaffeetasse. Beim Öffnen der Kaffeemilch fabriziert er Spritzer auf dem Tisch, aber das stört ihn nicht. Er wischt sie einfach mit dem Ärmel seines Badmantels ab. Anschließend nippt er an seinem Kaffee, verzieht angewidert das Gesicht. Zucker fehlt, aber er hat vergessen welchen zu kaufen. Jetzt eine Zigarette. Wolfgang hat das Päckchen praktischerweise in der Badmanteltasche und das Feuerzeug auch. Mit zitternden Händen zündet er sich eine Zigarette an.
Früher hat er das nicht gemacht. Maria hat ihm immer verboten am Frühstücktisch zu rauchen. „Bitte geh doch auf die Terrasse“, hat sie meistens gesagt. Er hat den Klang ihrer Stimme noch im Ohr. Damals hat er sich über sie geärgert, jetzt würde er sich nur zu gern von ihr maßregeln lassen.‚Verdammt, wieso hast du dich einfach weggeschlichen’, denkt er voller Zorn, sofort schämt er sich dafür. Trotzdem kommt immer wieder Wut hoch. Wie konnte sie ihm das nur antun? Sie hatten sich doch unzählige Male zusammen ausgemalt, dass keiner allein zurückbleiben würde. Sie wollten ihr Leben bis zuletzt selbst bestimmen. Zusammen gehen. Und dann ließ sie ihm nicht einmal die Chance sie auf dem letzten Weg zu begleiten.‚Von wegen Routineoperation. Wenn ich den verdammten Arzt in die Finger kriegen könnte, ich würde ihm das Herz aus der Brust reißen, so wie er es mit mir gemacht hat’, denkt Wolfgang und heiße Wut steigt in ihm hoch. Sein Leben ist mit ihr vorbei. Nur, dass er nicht wirklich tot ist, noch funktioniert er. Seine Finger krallen sich um die Kaffeetasse, die Zigarette lässt er achtlos auf die Tischplatte fallen. Dort glimmt sie weiter vor sich hin. So sitzt er eine Ewigkeit mit hängendem Kopf da. Tränen tropfen in seine Tasse.
Schließlich strafft er die Schultern, nimmt die Zigarette auf. Sie glimmt nicht mehr, hat einen braunen Fleck auf der Tischplatte hinterlassen. Einer von vielen. „Scheiß egal“, sagt Wolfgang laut und noch einmal „Scheiß egal, dich stört es nicht mehr.“
Er schlurft ins Badezimmer: duschen, abtrocknen, rasieren, kämmen. Beim Anziehen kommt ihm in den Sinn, dass der Mensch eine einzige Fehlkonstruktion ist. Warum hat Gott ihm ein Bewusstsein gegeben und manchen Exemplaren Intelligenz und sogar Weisheit? Wenn er den Ausschaltknopf vergessen hat. Wie viel Leid würde so ein Knopf verhindern! Er hätte ihn längst gedrückt, sofort, nachdem es klar war, dass Maria ihn verlassen hatte. Er hat es versucht, aber es ist ihm nicht gelungen. Egal, wie groß seine Todessehnsucht ist, letztendlich schafft er es nicht, sich das Leben zu nehmen. Nicht einmal dazu hat er die nötige Energie.
Seufzend begibt er sich zu seinem Liegesessel. Maria hat ihn ihm geschenkt. Zum 65. Geburtstag, damit der die Rente in Ruhe genießen kann, hatte sie gesagt. Damals hat er sich total darüber gefreut, sie auf seinen Schoß gezogen. Unbekümmert waren sie, hatten gekichert und herumgealbert.
‚Du hast den Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt’*. Diese Zeile aus einem alten Song kommt ihm in den Sinn. Maria hat nicht nur einen Raum, sondern sein ganzes Leben hell gemacht. Eben mit Sonne geflutet. Durch ihre Lebenslust und ihre Art, mit den Dingen umzugehen.
Jetzt sitzt er nur noch herum und wartet. Darauf, dass die Zeit vergeht. ‚Wenigstens komme ich mit jeder vergangenen Minute dem Ende etwas näher’, denkt er. ‚Ich muss es nur irgendwie aushalten.’
© Angie
*Gemeint ist der Song „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer.


Wie soll man ein Liebesgedicht schreiben ...

Er fehlt ihr. Sie lauscht dem Regen, der prasselt auf den Asphalt. Sie schließt das Fenster, riecht kalten Rauch und Whiskyaroma im Zimmer.
Irgendwann hat sich alles verändert. Nichts ist geblieben, außer den Schatten in allen Zimmerecken und ihrer Einsamkeit. Noch immer schaut sie aus dem Fenster. Es beginnt zu schneien, sanfte Watteflocken wirbeln. Plötzlich sieht alles friedlich aus, aber wahrscheinlich nur, weil der Schnee alles überdeckt, denkt sie. Den Dreck auf dem Straßenpflaster und das, was man nicht sehen will oder übersieht.
Eigentlich könnte das Leben schön sein.
Doch wie soll man ein Liebesgedicht schreiben, wenn man die Liebe verloren hat?
© Angie


Morgenstimmung
Es ist kalt. Verschlafen taste ich nach dir, doch dein Bett ist leer.Es ist still. Der Tag ist kaum erwacht.Ich stehe auf, suche nach dir. Du stehst auf der Terrasse, hast dich in eine Decke gehüllt. Du breitest die Arme aus, ich stelle mich nah zu dir. Jetzt wärmt die Decke uns beide. So stehen wir lange da, sehen, wie der Frühnebel sich langsam hebt.
Immer noch Stille, wir wissen wohl beide nicht, was wir sagen sollen. Vielleicht ist es die Morgenstimmung des Herbsttages, vielleicht auch die vergangene Nacht, die uns wieder zusammengebracht hat. Die uns gezeigt hat, dass wir zueinander gehören, ohne Wenn und Aber.
Ich zittere. Es ist kalt, trotz der Decke, trotz deiner Wärme.
Du drückst mich an dich. „Lass uns hinein gehen.“
Deine Augen sind strahlend, heute Morgen mehr blau als grau und voller Liebe.
© Angie


Seelenschwestern

Gemeinsam, lautlos, verwegen, vom Wind getragen, vom Geheul der Wölfe begleitet gleiten sie durch die mondlose Nacht. Doch noch schwärzer als die Dunkelheit ist ihr magisches Ziel. Die Burg des finsteren Dämonen ist es, in die sie sich einschleichen wollen.

Der silberne Herrscher, er war fort. Solange schon. Geschlagen von der dämonischen Macht der Dunkelheit. Triumphierend hatte der finstere Dämon vor ihm gestanden, umgeben von seinen missgestalteten Schergen.
„Dein Reich wird ewig mir gehören!“ Der Dämon reckte sein Schwert, geschmiedet aus Lüge, Gewalt und Unbarmherzigkeit in die Höhe.
Der silberne Herrscher blickte ihm furchtlos in die Augen. „So sei es, du hast mich mit deiner Tücke besiegt, doch es bleibt ein Hoffnungsschimmer. Deine Macht wird nicht ewig währen. Es gibt die Prophezeiung.“
Der Dämon  brach in dröhnendes Gelächter aus. „Mein ist der Sieg. Du bist verbannt aus dem Reich, das jetzt mir gehört. Von nun an soll ewige Finsternis herrschen. Jedes Wesen des Lichtes wird untergehen, dessen sei gewiss. Du kannst niemanden mehr schützen. Glaube du nur die Prophezeiung, sie wird sich niemals bewahrheiten. Verzweifle an deiner Hoffnung. Es wird nicht geschehen, dass der Zauber mich besiegt, den Wesen der Nacht nicht beherrschen können.“
Schweigend wandte sich der silberne Herrscher ab, begab sich in die Verbannung, ließ das Amulett der Macht zurück. Hatte es schon vor langer Zeit dem Eulenvolk anvertraut. Mit ihm schwanden die unbekümmerten Tage, die leuchtend und glücklich waren. Die Sonne versank, machte der ewigen Dunkelheit Platz. Ihr folgten Sturm und Donnergrollen, doch nicht ein einziger Blitz erhellte das Dunkel.
Jahrhunderte vergingen, dann geschah das Wunder. Zwei Eier im Nest, makellos, schneeweiß. Sollte sich die Prophezeiung nach so langer Zeit erfüllen? Es hieß, dass zwei Schwestern kommen würden, welche die Macht des finsteren Dämons brechen würden. Zwei Schwestern weiß, makellos und stark, seelenverwandt und rein mussten sie sein. Sorgsam behütete das Volk der Eulen das Muttertier, warteten. Als die Küken schließlich schlüpften, waren es Weibchen.
Stark mussten die Schwestern nun werden. Kräftig genug, um das Amulett der Macht zu tragen. Das Amulett, in dem ein Sonnenstrahl verborgen war. Das Eulenvolk wachte über sie, schützte sie, bis sie Macht und Stärke erlangt hatten. Bis die Eine die Seele der Anderen als die eigene erkannte. Bis die Schwestern zu einer Einheit verschmolzen, sich Verantwortung und Verwegenheit die Waage hielten.

Gemeinsam, lautlos, verwegen, vom Wind getragen, vom Geheul der Wölfe begleitet gleiten sie durch die mondlose Nacht. Doch noch schwärzer als die Dunkelheit ist ihr magisches Ziel. Die Burg des finsteren Dämonen ist es, in die sie sich einschleichen wollen. Lange haben sie auf diesen Moment gewartet. Sich gemessen mit dem Alten und Weisen. Nun sind sie bereit. Synchron ist ihr Flügelschlag, blind das Verstehen. In ihren Krallen tragen sie das Amulett der Macht.
Lautlos kommen sie durch das Fenster. „Bereit, Schwester“, ein Raunen.„Du weißt es“, die Antwort zart wie ein Lufthauch.
Der finstere Dämon erwacht, fährt hoch. Es ist zu spät, der Sonnenstrahl trifft sein Auge, verbrennt es. Er schreit vor Schmerz und auch vor Zorn über seine Niederlage. Die ewige Nacht neigt sich dem Ende zu.
Und mit dem ersten Sonnenstrahl kommt der silberne Herrscher zurück.
© Angie


Die Ewigkeit für uns

„Auf uns, meine Liebste!" Der Mann hob sein Glas, betrachtete für einen Moment den perlenden Champagner. Dann nahm er einen großen Schluck und sah sich um. „Es ändert sich nie etwas", sinnierte er. „Jetzt bin ich schon so oft hier bei dir gewesen, aber es ist immer gleich."
Er versuchte sie besser zu erkennen, doch sie saß im Schatten, sodass er ihre Gestalt nur erahnen konnte. Einem Wispern gleich kam ihre Antwort. „Das Meer ist ewig.“
Wieder trank er, ließ den guten Tropfen genüsslich durch seine Kehle rinnen, setzte sich bequemer hin. „Ja, ich weiß, ich sollte vorsichtig sein, wegen meines Rückens. Du hast mich deshalb wohl tausendmal ermahnt. Doch ist der Sand zwar weich, aber feucht. Auf diesem harten Felsen sitze ich wenigstens trocken. Auch lässt die Flut nicht mehr lange auf sich warten, ich muss bald aufbrechen.“
Nun war sie deutlicher zu erkennen, legte den Kopf schief, hörte ihm stumm zu, wie sie es immer getan hatte. Er lächelte sie liebevoll an. „Weißt du noch? Unsere erste große Reise kreuz und quer durch Schottland, mit wenig Geld und viel Enthusiasmus. Welch Zufall, dass wir diese Grotte entdeckten, dass gerade Ebbe war. Wir liebten uns an diesem verschwiegenen Ort. Nur die einsetzende Flut zwang uns zur Flucht." Ein wehmütiger Seufzer entrang sich seiner Brust. „Immer wollten wir diesen besonderen Ort noch einmal besuchen, doch dann ist alles anders gekommen.“ Er stockte, schluckte an seiner Trauer, spürte ihre Berührung sanft wie einen Windhauch. „Liebste, du fehlst mir so“, brach es aus ihm heraus. „Des Nachts spüre ich deine Arme, wie du sie um mich legst und weiß doch zu genau, dass es nicht so ist. Ich bin so allein ohne dich! Wie konntest du mir das antun!" „...antun", wisperte sie.
„Ja", er spie die Worte gleichsam aus. „Wie konntest du mich betrügen? Ich tat alles für dich, schenkte dir meine ganze Liebe...mich...", hier verstummte er.
„... meine ganze Liebe", wieder nur ein Hauch von ihr.
Er fuhr fort ohne ihre Worte zu beachten. „Doch ich genügte dir nicht, du hast mich betrogen, verraten. Hast gelacht über meine Liebe!" Er vergrub den Kopf in den Händen. „Über mich gelacht", wiederholte er. „Was sollte ich tun, ich konnte dich nicht aufgeben."
Sie hatte sich aus dem Schatten gelöst, war ihm plötzlich nah, strich ihm sacht durchs Haar, beruhigte ihn durch die Berührung.
Er hob den Kopf, lächelte sie sanft an. „Ich tat das Richtige, brachte dich hier hin zurück. Hier waren wir glücklich!" Noch einmal hob er sein Glas, leerte es in einem Zug. „Alles Gute zum Geburtstag, mein Liebes, meine einzige Liebe."
Wieder der Hauch ihrer Berührung. „Trink auf mich, auf uns. Auf die Ewigkeit", wisperte es leise.
Zögernd goss er sich ein weiteres Glas ein. „Nur noch dies, die Flut kommt." Er nippte nachdenklich an seinem Champagner. „Das Gift wirkte schnell. Ich habe dich sanft einschlummern lassen, dir den ewigen Schlaf geschenkt. Nun gehörst du mir allein, niemand kann dich mir wegnehmen!"

Er erwachte, sprang erschrocken auf. Das Wasser umspielte den Felsen auf dem er sich niedergelassen hatte. „Ich muss jetzt gehen, die Flut..."
Er spürte ihre Berührung ganz deutlich, sie ließ ihn erschauern. „Du hast alle Zeit der Welt, mein Geliebter. Die Flut steigt schnell, du kannst nicht mehr entkommen. Jetzt haben wir die Ewigkeit für uns."
Veröffentlicht: "Sieben Leben" (Angie Pfeiffer)


Der Kerl in meinem Bett

Der Kerl in meinem Bett wälzt sich auf die andere Seite. Er macht sich breit, richtig breit, besitzergreifend breit. Als ob es sein Bett wäre!Gestern war er noch rücksichtvoll, gab sich gentlemanlike. Mit  in die Jacke helfen, die Türen aufhalten, den Stuhl zurechtrücken. Wir hatten ein stilvolles Dinner, dann zogen wir durch die Bars, da gab er sich schon weniger stilvoll. Schließlich landeten wir in meinem Hotelzimmer, wo er eine mittelmäßige Vorstellung abzog, mich anschließend fragte, ob ich denn auf meine Kosten gekommen wäre. Bitte - wie soll ich das, wenn er schwitzt wie ein undichter Duschkopf? Jetzt jedenfalls schnarcht er in meinem Bett.
Männer sind doch alle gleich. Erst sind sie motiviert, strengen sich an. Haben sie dich einmal im Bett, so denken sie nur noch an ihr Vergnügen. Auf üppige Kurven und dämliches Getue stehen sie sowieso, springen sofort darauf an. Intelligenz ist nicht wirklich gefragt, ist zweitrangig. Wir sind für sie Jungfrau im Paradies, Lustobjekt oder einfach Mutti und Hüterin von Haus und Kind.
Nun, ich werde dafür sorgen, dass auch dem Kerl, der jetzt auf meinem Hotelbett schnarcht die letzte Nacht in unvergesslicher Erinnerung bleiben wird. Ich ziehe die Gummihandschuhe an, nehme das Rasiermesser in die linke Hand. Mit links kann ich besser schneiden, das habe ich vor einiger Zeit festgestellt. Er schläft fest, was kein Wunder ist. Schließlich habe ich ihm einen letzten Cocktail  gemischt, der mit einer Megadosis Schlaf- und Betäubungsmittel angereichert war. Der Depp hat’s nicht bemerkt. Er wird jetzt nicht viel spüren, was ich einen Augenblick lang bedauere.
Langsam, geradezu professionell setzte ich das Messer an. Kein Problem, ich habe das schon oft genug geübt. Ich schneide. Er stöhnt, windet sich ein bisschen, wacht jedoch nicht auf, scheint zusätzlich bewusstlos geworden zu sein, ganz von allein. Sein Puls ist kaum noch zu spüren. Keine Ahnung, bin schließlich keine Medizinerin.
Schließlich ist das Werk getan. Ich glaube er hat mehr geblutet als die Anderen. Wahrscheinlich wird er doch nicht überleben. Schade für ihn.
Jetzt muss ich jedenfalls noch einmal duschen. Was soll’s, meine Koffer sind gepackt, ich kann dann sofort los. Nur noch darauf achten, dass ich den richtigen falschen Pass habe und die Perücke perfekt sitzt. Jetzt noch das Schild ‚bitte nicht stören’ an die Tür gehängt und auschecken.
Im Flieger atme ich tief durch. Heute war es ausgesprochen anstrengend. Ich lehne mich in meinem Sitz zurück und schließe die Augen.
„Schade“, sagt eine tiefe Stimme neben mir.„Wie bitte?“ Ich wende mich dem Mann zu, der den Sitz neben mir hat, mustere ihn.„Es ist schade, dass sie ihre schönen Augen geschlossen haben“, sagt er und lächelt charmant. „Aber jetzt kann ich sie ja wieder bewundern.“
„Kein Bedarf.“ Müde wende ich mich ab. ‚Er weiß nicht, was der für ein Glück hat’, geht es mir durch den Kopf.Ich habe eben meine Prinzipien.
Mehr als eine Kastration in der Woche gestehe ich mir nicht zu ...
Veröffentlicht: "Sieben Leben" - mörderische Krimis


Illegaler Grenzübertritt

Vorsichtig hebt Paul den Kopf, beobachtet aus seinem Versteck heraus die Umgebung. Für ihn, als kriegserprobten Mann bedeutet es kein Problem an den Grenzpatrouillen vorbeizukommen, schon gar nicht im Schutz des dichten Waldes. Aber er hat für seine Frau und das Baby zu sorgen. Er dreht sich vorsichtig um, schaut zu ihnen hin. Renate hockt erschöpft gegen einen Baum gelehnt auf dem weichen Waldboden. Sanft wiegt sie die Kleine in ihren Armen. Er betrachtet ihre ausgemergelte Gestalt.
‚Unmöglich’, fährt es ihm durch den Kopf. ‚Das können wir gar nicht schaffen.’
Aber es war auch nicht zu schaffen gewesen, im letzten, total überfüllten Zug in den Westen zu kommen. Schon gar nicht mit der kleinen Tochter, für die Renate keine Milch mehr hat. Zwischen all den panischen Menschen hatte es sie keinen Platz mehr im Zug gegeben. Einige Männer waren in ihrer Verzweiflung auf die Wagondächer geklettert. Ihre Schreie würde er niemals vergessen, denn die russischen Soldaten hatten von der Eisenbahnbrücke auf diese Menschen geschossen.
Er seufzt. Er wird so vieles aus diesem verdammten Krieg niemals vergessen können.
Renate hebt müde den Kopf. „Geht es los?“
„Ja, wir werden es schaffen“, sagt er leise, bemüht sich um einen aufmunternden Tonfall, obwohl ihm zum Heulen zumute ist. „Es ist nicht mehr weit, nur bis zum Tal. Da müssen wir durch, dann sind wir in der britischen Zone. Die Briten, sie werden uns weiterhelfen.“
Sie nickt mechanisch, stumm, rappelt sich auf. An ihren Blicken erkennt er, dass auch sie an einem guten Ausgang des Unternehmens zweifelt.
Weiter geht es durch den Wald. Schließlich ein Stück Heide, flach, gut einsehbar. „Wir müssen schnell sein“, flüstert er. „Siehst du den Hang drüben? Dichtes Buschwerk, gut zum Verstecken.“
Er nimmt Renate das Kind aus dem Arm, rennt los. Seine Frau folgt ihm blind.
Plötzlich Stimmen, noch etwas weiter entfernt.„Runter!“ Sie werfen sich lang in das Heidekraut, krallen sich in den Boden.‚Die Kleine’, denkt Paul panisch. ‚Wenn sie jetzt schreit, dann ist das das Ende.’ Aber das Baby sagt keinen Ton. Als er sich hinwarf, ist er auf das Kind gefallen. ‚Um Himmels Willen, die Kleine ist tot, ich habe sie erdrückt!’ Paul ist versucht sich aufzurichten, nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist, ob seine Tochter atmet. Doch er bleibt liegen, jede Bewegung kann sie verraten.
Jetzt Schritte, jemand sagt etwas. Der Angesprochene antwortet mit einem Lachen. Dann entfernen sich die zwei Soldaten. Paul zwingt sich liegen zu bleiben, obwohl sein Herz rast. Nur nicht vorschnell sein. Vorsichtig sieht er nach der Kleinen. So schmal das Gesichtchen. Große blaue Augen schauen ihn an, blicken wissend, so als würde das Kind verstehen. Ein Kuss auf die Stirn, dann steht Paul vorsichtig auf. Auch Renate erhebt sich zögernd. Vorwärts geht es, immer schneller. Bald ist es geschafft. Der Hang ist zu Greifen nah.„Stoj, nec!“ ertönt es laut. Stimmen voller Jagdlust hinter ihnen.
„Rennen“, schreit Paul, läuft zusammen mit Renate im Zickzack. Schüsse peitschen an ihnen vorbei. Der Hang vor ihnen, sicheres Unterholz. Paul mobilisiert die letzten Kraftreserven. Er ist schon ein Stück weit den Hang hinauf, da hört er den Schrei. Renate ist abgerutscht, liegt nun wieder fast unten.‚Bitte Gott, lass sie nicht getroffen sein!’, fleht Paul in Gedanken, hastet zurück, beugt sich vor, hält seiner Frau die Hand hin.„Verdammte Scheiße“, schreit sie so wütend, dass der Kraftausdruck sie fast wie von allein den Hang hinauf katapultiert. Paul zieht sie hinter sich her, in die Deckung. Erneut peitschen Schüsse, doch ist die kleine Familie in relativer Sicherheit. Endlich überqueren sie die Kuppe des Hanges.
„Wir haben es geschafft“, ruft Paul freudestrahlend, doch er drängt zum Weitermarsch. Jeder weitere Meter bedeutet mehr Sicherheit.
Schließlich kommen sie an einen Bauernhof, betreten ihn vorsichtig. Sie haben auch allen Grund dazu. Der Bauer kommt ihnen entgegen, die Mistgabel in den knorrigen Händen. Er will sie abweisen. „Ihr verdammten Flüchtlinge klaut doch alles, was nicht niet- und nagelfest ist“, knurrt er. „Schert euch dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.“ Schließlich lässt er sich erweichen, vielleicht wegen der großen Augen des Kindes, vielleicht auch, weil er spürt, dass sie nicht mehr weiter können.„Nur für heute Nacht“, mit diesen Worten öffnet er ihnen die Scheunentür, bringt später tatsächlich eine Kanne mit Milch. „Für die Kleine.“
Mit zitternden Händen nimmt Paul diese Kostbarkeit entgegen.

Das erste Morgengrauen sickert durch die Ritzen der Scheune, lässt Paul erwachen. Er liegt für einen Moment still da. ‚Wir haben es wirklich geschafft’, denkt er. Plötzlich ist er voller Pläne. Er will ins Ruhrgebiet, dort leben seine Eltern, seine restliche Familie und die Familie seiner Frau. So hat er mehrere Adressen, die er bei den Militärkontrollen nennen kann.
Neben ihm bewegt sich das Stroh. Renate blinzelt ihn an.
„Du bist schon wach?“ Er legt für einen Augenblick beschützend den Arm um sie. „Ich gehe mal den Bauern suchen. Meine Armbanduhr funktioniert noch. Vielleicht kann ich sie gegen ein Frühstück für uns drei tauschen."
„Nimm die Kleine mit, das hilft bestimmt“, lächelt sie
.Paul steht auf, schaut seine Frau liebevoll an. ‚Sie kann noch lächeln’, denkt er und ihn überkommt ein unglaubliches Glücksgefühl, denn er weiß, dass sie auch in der Zukunft alles überstehen werden.
© Angie


Herbstblues

„Ich hasse den Herbst! Nieselregen und matschige Blätter, wer braucht das schon“, verbissen versuchte ich die auf den Bodenplatten meiner Hauseinfahrt festklebenden Blätter zusammenzufegen und schimpfte dabei kräftig vor mich hin. Wirklich war heute ein besonders trüber Herbsttag. Die dicke Wolkendecke schien alles zu erdrücken.
„Mist, es geht ja doch nicht!“ Frustriert stellte ich den Besen wieder in seine Ecke und beschloss, die Aktion auf einen trockenen Tag zu verschieben.
Auch im Haus hatte sich Tristesse breitgemacht. Der Dackel hob bei meinem Eintritt den Kopf, um ihn mit einem müden Seufzer wieder in seinem Körbchen zu vergraben. Selbst die Katze schaute mich unbestimmt vorwurfsvoll an.
„Na klasse, das ist ja eine Stimmung hier“, grummelte ich weiter und stellte das Radio an.„Dieser Weg wird kein leichter sein“, scholl es mir entgegen. Dieser Song hatte mir heute wirklich noch gefehlt. Er passte zu meiner trüben Stimmung wie die Faust aufs Auge. Mitten im Sommer geboren, hatte ich schon als junge Frau diese Jahreszeit nicht gemocht und inzwischen, selbst im Herbst des Lebens angekommen, verabscheute ich sie von Herzen. Kein Wunder also, dass ich regelmäßig den Herbstblues bekam.
Vielleicht würde ein wohltuend heißes Bad helfen und zwar mit einem nach Sommer duftenden Badezusatz, den ich mir erst vor kurzem gegönnt und noch nicht ausprobiert hatte.
Das heiße Wasser umschmeichelte mich und ich schloss mit einem wohlig entspannten Gefühl die Augen. Es duftete nach Lavendel und ein wenig nach Rosen.
Erinnerungen wurden wach, gaukelten wie Seifenblasen durch mein Ich. Ließen mich für einen Wimpernschlag wieder jung sein, mich so fühlen wie in unserem Sommer. Wie unbekümmert glücklich wir damals waren und wie dumm. Statt das Glück festzuhalten, ließen wir es durch die Finger rinnen, vergeudeten unsere Gefühle. Rieben uns, als die Tage kürzer wurden und die Blätter welkten, in ständigem Streit um Nichtigkeiten auf. Bemerkten nicht, dass vieles, wegen dem wir uns zerfetzten, nicht so wichtig war und verloren das Wesentliche aus den Augen: unsere Liebe und das Vertrauen, welches wir in unser Miteinander gesetzt hatten. Bis schließlich nichts mehr blieb als Bitterkeit und Enttäuschung. Wir trennten uns einvernehmlich, wollten irgendwann Freunde sein. Das beschlossen wir bei einem letzten Spaziergang. Er wirbelte beim Gehen die Blätter auf, trat fast wütend in die säuberlich aufgeschichteten Haufen aus welkem Laub, brachte alles durcheinander, wie es seine Art war. Wie gern hätte ich ihn in den Arm genommen, ihn besänftigt und mich von ihm halten lassen. Doch mein Stolz ließ das nicht zu, ich konnte nicht bitten, wollte mich nicht wehrlos machen. Statt dessen verbarg ich mich hinter meiner kühlen, unnahbaren Maske, zuckte die Schultern. „Ja, dann, mach’s gut.“ Ließ ihn einfach stehen, fühlte mich innerlich ganz starr und kalt.

Das Badewasser war kalt geworden und ich beeilte mich um aus der Wanne zu kommen. In dieser Nacht schlief ich so gut wie gar nicht. Die Gedanken fuhren in meinem Kopf Karussell. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn wir uns damals nicht getrennt hätten? Vielleicht hätte es funktioniert und wir würden jetzt zusammen den Herbst unseres Lebens meistern, vielleicht sogar genießen?
„O nein, ich schaffe mir nie wieder einen Dackel an. Jetzt komm schon her, du verflixte…“, das so beschimpfte Dackeltier dachte nicht im Traum daran, auf mich zu hören. Es wühlte sich mit Begeisterung immer weiter in den riesigen Laubhaufen, der den Wiesenrand zierte. Heute schien die Sonne und ich hatte beschlossen, mich nicht weiter in meinen Herbstdepressionen zu verlieren. Bewegung an frischer Luft, das war genau das richtige Mittel dagegen und so brachen Hund und Frauchen zu einem ausgedehnten Spaziergang auf, der uns an besagter Wiese vorbei führte. Hier versetzte das zusammengekehrte Laub den Dackel in Ekstase und er schien es zu seiner Aufgabe gemacht zu haben, die Blätter wieder überall zu verteilen.
Ehe ich noch weiter eingreifen konnte, preschte ein schwarzer Schatten an mir vorbei und verschwand ebenfalls im Laub. Verblüfft schaute ich mich um. Tatsächlich, dem Schatten kann das dazugehörige Herrchen hinterhergehechtet.„Verdammt, nie wieder ein Labrador“, japste er und wandte sich verlegen grinsend mir zu. „Tut mir leid“, begann er um gleich wieder zu verstummen.
Auch mir verschlug es erst einmal die Sprache, denn ER stand vor mir. Älter, kleiner als ich ihn in Erinnerung hatte, aber eindeutig er. Ich schüttelte kurz den Kopf, doch er stand immer noch neben mir und musterte mich ungläubig. „Du bist es, nicht wahr“, begann er zögernd.
„Ich habe in letzter Zeit viel an dich gedacht.“
Auch er schüttelte den Kopf. „Unglaublich, nach so vielen Jahren. Was machst du? Bist du…“
„Geschieden“, komplettierte ich seinen Satz atemlos. „Und du? Bis du …“
„Auch geschieden und zurück in meinen Heimatort gezogen. Ich war lange Jahre im Ausland und versuche gerade wieder Fuß zu fassen.“
Das jungenhafte Grinsen ließ meine Knie weich werden. Ich räusperte mich. „Das ist ein unglaublicher Zufall, ich hätte nie gedacht, dass wir uns jemals wieder treffen. Was hältst du von einem Kaffee, falls wir unsere Hunde in diesem Leben noch mal aus dem Laubhaufen herauskriegen.“

Ja, so war das damals. Inzwischen ist viel geschehen. Wieder ist Herbst, aber in diesem Jahr macht mich das nicht traurig, der Blues bleibt aus. Ich habe gelernt, dass auch diese Jahreszeit ihre schönen Seiten hat. Denn ich bin nicht mehr allein. Doch das hat seine Zeit gedauert. Ich habe meinen Stolz hinuntergeschluckt und mich wehrlos gemacht, mich ihm anvertraut, wohl wissend, dass er mich auffängt. So wie auch ich für ihn da bin. Vielleicht hat uns der Herbst unseres Lebens milder gemacht, die Kanten und Ecken sind abgeschliffen, wir wissen zu schätzen, was wir so großzügig geschenkt bekommen. Haben gelernt, was wichtig ist. Und ich weiß jetzt, dass es funktioniert, dass wir den Herbst unseres Lebens nicht nur gemeinsam meistern, sondern auch miteinander genießen können.
© Angie


Zauberwald

Sie liebt den verzauberten Wald, doch sie fürchte ihn zugleich. Er ist gefährlich. Wilde Jäger durchstreifen ihn, wollen ihr das Leben nehmen. In jeder dieser besonderen Nächte flüchtet sie vor ihnen. Bisher ist sie immer entkommen. Wird es heute wieder so sein?Atemlos, mit jagendem Puls hält sie inne, versucht ihren Atem zu beruhigen, horcht angestrengt. Hört ihre dröhnenden Stimmen. Noch sind sie weit entfernt, lassen sich Zeit, gehen in breiter Reihe durch den Wald, geben sich keine Mühe, um leise zu sein. Warum auch, sie scheuchen das Wild auf, töten es dann mit kalter Präzision. Zweige knacken unter ihren Stiefeln, sie kommen näher.
Blinder Panik überrollt die junge Frau. Vorwärts, immer weiter durch die Dunkelheit eilt sie. Selbst der Mond wagt sich in Nächten wie diesen nicht hervor.
Schließlich, als sie mit brennenden Lungen inne hält, sich in ohnmächtiger Verzweiflung vornüberbeugt, um Luft ringt, erkennt sie ihn vor sich, den Ort der vermeintlichen Sicherheit. Noch nie wagten die Jäger sich bis hier her.
‚Vielleicht bemerken die Wesen mich heute nicht’, denkt sie, so wie jedes Mal.
Von neuem Mut durchströmt hastet sie über die brüchigen Marmorstufen hinab. Vorsicht, es ist glatt. Sie strauchelt, fängt sich im letzten Moment, läuft weiter, tastend mit kältetauben, nackten Füßen und ausgestreckten Armen. Die Düsternis hat zugenommen, legt sich wie ein Schleier über sie. Sie weiß wenn sie fällt, so stürzt sie in undurchdringliches Schwarz, in ein feuchtes, kaltes Grab, in immerwährende Stille. Doch sie will leben, verweigert den Todesgedanken.
‚Gibt es sie? Die Gewöhnung an den Tod?’, fragt sie sich.
Endlich erreicht sie den Boden. Auch hier Marmorplatten, brüchig vom Alter. Das Blut rauscht in ihren Ohren. Das, und ihr pochender Herzschlag, sonst hört sie nichts. Doch sie sieht. Sieht den matt schimmernden Marmor, aus denen die Wesen bestehen. So schön, ehrfurchtgebietend und so kalt. Sie strahlen von innen heraus, doch leer ist ihr Blick. Eingesperrt sind sie, für immer dazu verdammt in ihrem steinernen Gefängnis zu verweilen.
Etwas zwingt die junge Frau stehen zu bleiben, die unendliche Reihe versteinerten Lebens anzuschauen. So jung und doch uralt, so stark und zart zugleich. Eine Stimme umschmeichelt sie: Hier wäre sie für immer sicher, für immer schön. Ein verlockender Gedanke. Doch  würde sie zu kaltem Stein erstarren, das weiß sie genau. Die Stimme verstummt, ein Wimmern erfüllt die Luft. Eine leise Klage, die einer fremdartigen Musik gleicht. Ihr Körper schmerzt vor Mitleid, in den Augen brennen ungeweinte Tränen. Sie fühlt, dass jedes der Wesen sich nach Leben sehnt, nach Wärme, nach pulsierendem Blut unter der Haut, nach fühlen und Gefühlen.
Doch sie kann die zu Steingewordenen nicht erlösen. Die Musik wird lauter, zieht sie an wie ein Magnet. Immer näher kommt sie den kalten, unerbittlich schönen Statuen. Mühsam macht sie einen Schritt zurück, atmet tief ein und aus, schöpft Kraft aus der Luft, die ihre Lungen füllt. Atmen, noch ein Schritt rückwärts, sie dreht sich um, schleppt sich weg von diesem Ort, an dem es keine Grenzen gibt, an dem die Zeit unendlich ist. Die uralte Musik begleitet sie, vergeht schließlich mit einem letzten, trauervollen Akkord.

Irgendwann fühlt sie Krumen unter ihren Füßen, riecht nicht mehr den Todeshauch des Marmors, sondern duftende Erde. Mit der Morgendämmerung lichtet sich der Wald. Erschöpft taumelt sie vorwärts, schreitet durch die hölzerne Pforte, steht auf der taufeuchten Wiese. Blüten öffnen sich, Insekten schwirren, Schmetterlinge schweben an ihr vorbei. Auch die Vögel begrüßen zwitschernd den neuen Tag. Sie fühlt sich befreit, hat keine Angst mehr. Hier her kommen weder die tötenden Jäger, noch die versteinerten, nach Leben gierenden Wesen. Hier ist sie sicher. J
edenfalls bis zum nächsten Neumond, wenn sie die unbestimmte, unstillbare Sehnsucht wieder in den verzauberten Wald treibt.