Die fliegende Butterdose

Missmutig stand Thomas am Kopieren und starrte Löcher in die Luft.
„Moin, was ist denn mit dir los? Schlecht geschlafen?“
„Ne, eher schlecht gefrühstückt – und alles wegen der dämlichen Brille ---“
„???“

Es hatte am Vortag angefangen. Thomas kam nach Hause. Seine Frau Ulrike empfing ihn mit einem strahlenden Lächeln. 
„Na – wie findest du sie ---“
„Ähm --- ja ---“ Blitzschnell überlegte Thomas. 
Ulrikes Frisur schien wie immer zu sein. Die Klamotten --- nein, die sahen auch ganz normal aus --- obwohl, das konnte man nicht wissen. „Stark, sieht gut aus“, probierte er deshalb.
Vorwurfsvolle Blicke --- „Neuer Versuch, WAS sieht stark aus!“
Wie ein Blitz durchzuckte es ihn. Ulrike hatte sich bei Optiker ihres Vertrauens eine neue Brille ausgesucht und am Vormittag abgeholt. „Die Brille natürlich!“, trötete er enthusiastisch. „Sieht echt gut aus.“ 
Er hatte in Laufe der Ehe gelernt, dass eine Brille nicht etwas nur eine Sehhilfe ist – sondern auch ein modisches Accessoire, das ziemlich wichtig ist.
„Findest du? Sie betont wunderbar meine Augenfarbe, nicht wahr!“
„Sag ich doch. Sie ist toll. Was gibt’s zu essen?“
Ein vernichtender Blick traf ihn. „Du magst die Brille nicht! Das hätte ich mir denken können.“
„Doch, doch, aber ich habe so einen Hunger.“

Am nächsten Morgen deckte Thomas den Frühstückstisch. Ulrike brauchte ungewöhnlich lange im Bad. So goss er sich eine Tasse Kaffee ein und schlug die Tageszeitung auf.
„Nun ---“
Zerstreut schaute er auf. Ulrike saß ihm gegenüber und schaute ihn erwartungsvoll an. 
„Guten Morgen, mein Schatz“, murmelte Thomas und legte vorsichthalber die Zeitung beiseite. 
Ulrike seufzte. „Schau doch mal. Geschminkt kommt die Brille besser zur Geltung. Findest du das nicht auch!“
„Ach, du hast die Brille geschminkt? Steht ihr echt gut!“ Den musste Thomas einfach mitnehmen.
Mit einer einzigen, geschmeidigen und fließenden Bewegung ergriff Ulrike die Butterdose und schmetterte sie in seine Richtung.
Blitzschnell überlegte Thomas. Auffangen würde er das Wurfgeschoss nicht mehr. Dazu kam es mit zu viel Wucht quer über den Tisch gesegelt. Also tauchte er kurzfristig unter dem Tisch ab. 
Nach dem Einschlag lugte er über die Tischkante. Ulrike saß ihm immer noch gegenüber und hyperventilierte nur mäßig.
Also setzte er sich wieder auf und grinste. „Ich wollte dich bitten mir den Käse zu reichen und nicht die Butter ---„, versuchte er die Situation zu entkrampfen.

„Was soll ich sagen --- ich hatte dann Marmelade auf dem Brötchen --- aber so ganz ohne Butter ---"
Ich hieb ihm tröstend auf die Schulter. „Lust heute Mittag in die Pommes Bude um die Ecke zu gehen? Die Currywurst ist dort ganz gut.“
© Dilettant


SOS im Schlafzimmer

Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, hat einen mächtigen Hang zur Sauberkeit. Das äußert sich unter anderem darin, dass sie sofort nach dem Urlaub die Waschmaschine in Betrieb zu setzen. Alle Einwände werden im Keim erstickt.
“Nun hab dich mal nicht so! Wenigstens eine Maschine mache ich fertig”, erklärt sie, egal wie spät es ist und egal wie müde wir sind.
Jüngst, gegen Mitternacht aus dem Kurzurlaub zurück, wurde erst einmal die Wäsche sortiert, um anschließend – siehe oben -.
Da ich derlei gewohnt bin, ließ  ich mich nicht stören. Während sie noch herumwuselte begab ich mich zu Bett.
Ein animalischer Laut ließ mich hochschrecken. Benommen setzte ich mich auf. Um mich herum Dunkelheit, ein leises Gluckern, dann wieder das Geräusch. Ein hohes Wimmern und Jaulen, so als wäre ein Lebewesen in höchster Not. Benommen tastete ich nach meiner Brille, betätigte den Lichtschalter, stieg aus dem Bett und stand bis zu den Knöcheln im Wasser. Während ich mir irritiert den Kopf kratzte, sah ich, woher die Jammerlaute kamen. Unsere Hunde, Dackel, standen mitten im Schlafzimmertür und machten einen sehr verstörten Eindruck, was kein Wunder war. Das Wasser reichte ihnen bis zum Bauch, sie konnten mit den ersten Schwimmübungen beginnen.
Die Urheberin der Sintflut schlummerte sanft, ließ sich weder von den Paniklauten der Tiere, noch vom grellen Licht stören. Ich rüttelte sie fest und wenig charmant wach, was mir einen sehr bösen Blick und ein nicht sehr nettes Wort einbrachte. Doch die Flut im Schlafzimmer ließ meine Liebste abrupt verstummen.
“Du meine Güte”, hauchte sie überwältigt. “Ich habe die Waschmaschine angestellt und bin dann tatsächlich eingeschlafen. Aber jetzt ist sie aus!”
Nun, das war einmal eine klare und logische Ansage von ihr. So machten wir uns daran die Dackel zu retten und die Wohnung trocken zu legen, was uns zweieinhalb Stunden unserer Lebenszeit kostete.
Endlich waren der Fußboden, die Hunde und wir wieder trocken. Es dämmerte bereits, wir lagen zusammen gekuschelt im Bett, meine Liebste strich mir zärtlich über die Brust. “Ich möchte...”, wisperte sie zögernd.
“Ich bin ganz Ohr”, flüsterte ich zurück. Sicher würde sie mir jetzt sagen, dass sie ...
“Ja, also”, fuhr sie fort und strich mir über den Bauch. “Es ist nämlich so, ich habe dich vor längerer Zeit gebeten, das Flusensieb sauber zu machen. Weil man das ab und zu einfach machen muss, bei einer Waschmaschine.” Hier stockte sie, zog die Hand weg und ich sah meine Felle mit der Waschlauge davonschwimmen.
“Das hast du aber nicht gemacht, es ist schrecklich mit dir, nie denkst du an solche Dinge.”
Ich seufzte resigniert, denn ich ahnte was jetzt kommen würde und ich wurde nicht enttäuscht. “Hättest du das bloß vor dem Urlaub gemacht, du hast allein Schuld. Ich musste das Sieb herausnehmen und  hab das verflixte Ding nicht mehr reinbekommen. Da habe ich es weggelegt ...”
Ich verschloss ihre Lippen mit einem Kuss, denn sie ist trotz allem die beste Ehefrau von allen und mit ihr ist es wirklich niemals langweilig.
© Dilettant



Schwedische Nächte

Es war Freitag, kurz nach 17:00 Uhr, als das Telefon klingelte. Der Computer war schon aus und ich auf dem Weg zur Tür. Einen Moment zögerte ich, dann kehrte ich noch mal um zum Schreibtisch.
Eine Nummer mit schwedischer Vorwahl im Display: Jan-Peter .....Ich hatte Jan-Peter vor ca. 3 Monaten in München auf der Messe kennen gelernt. Er ist Geschäftsführer eines mittelständigen Unternehmens in Stockholm und interessierte sich für unsere neuen elektronischen Steuerungen, die wir auf der IFAT präsentierten. Nach einem recht informativen Gespräch kam von ihm die Frage, ob er unser Vertriebspartner in Schweden und Skandinavien werden könne.Etwa 2 Wochen später schickten wir einen Vorvertrag nach Stockholm – und eine Steuerung, damit Jan-Peter sich mit dem Gerät vertraut machen konnte.
Seit dem verging fast kein Tag mehr, ohne das ich einen Anruf von ihm bekam und er Fragen zur Technik hatte.
Seufzend nahm ich den Hörer ab: „Hallo Jan-Peter – bin schon im Wochenende!!“
„Hi, nicht so schnell. Du weist doch, dass wir nächste Woche hier in Stockholm die Messe haben, wo ich auch eure Steuerungen präsentieren will. Skandinavien wartet auf diese Innovation!“
„Ja, und was kann ich am Freitag noch für dich tun?“, ich war etwas genervt, denn ich hatte meiner Liebsten versprochen, sie zum Italiener auszuführen. Und meistens dauerten die Gespräche mit Jan-Peter länger.„Hör mal, du hattest doch angeboten, mich auf der Messe zu unterstützen.“
„Ja, was du dankend abgelehnt hast!“
„Mmh“, Jan-Peter klang unsicher, „wäre vielleicht doch nicht so schlecht, wenn du nächste Woche von Dienstag bis ...“ Das ging noch eine Weile so, bis ich schließlich zustimmte.  Einen Flug hatte Jan-Peter schon für mich ausgesucht, nur mit einem Hotel würde es schwierig werden.
„Hey – du kannst die 3 Nächte bei mir übernachten. Wir haben ein großes Haus mit Gästezimmern. Und es kommt öfter vor, dass Geschäftspartner bei mir übernachten.“
Sollte ich das jetzt wirklich machen? Aber warum auch nicht, so konnte man abends noch mal über Vertriebsstrategien, Distributionsvertrag, Zahlungskonditionen und ähnliches diskutieren. „Also gut, wir sehen uns Montag Abend in Stockholm – schönes Wochenende!“, damit legte ich auf und verlies nachdenklich das Büro.

Am Montag Abend landete ich kurz vor 22:00 Uhr in Stockholm.Jan-Peter kam auf mich zugestürzt, nahm mich in den Arm und deutete einen Kuss auf die Wange an – was mich etwas irritierte. Denn eigentlich kennen wir uns kaum.
„Hey, Jan-Peter, nicht ganz so stürmisch.“
„God kväll, hattest Du einen guten Flug?“
„Alles gut – jetzt muss ich bloß noch ein wenig Geld wechseln und dann ein paar nette Blumen für deine Frau kaufen. Wo ich doch schließlich bei euch ....“
„Na, Geld wechseln kannst du auch noch morgen“, Jan-Peter winkte ab, „ja, und mit den Blumen ...“ Er zögerte etwas. „Also, ich lebe allein. Ich habe mich vor etwa 6 Wochen getrennt!“ Jan-Peter sah mein fragendes Gesicht und fuhr rasch fort: „ ... aber alles in Ordnung“
„Oh, tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte – ich will keine Umstände machen“, jetzt war ich schon etwas ratlos.„Ach, Quatsch, klappt schon!“, Jan-Peter legte einen Arm um mich und schob mich Richtung Ausgang.
Es dauerte ca. 40 Minuten mit seinem Volvo, bis wir vor einem wirklich schönen, großen Haus in einem Vorort von Stockholm hielten. Das bescheidene Heim erwies sich schon fast als Villa, großer Wohnbereich, rustikal eingerichtete Küche mit einem riesigen Esstisch, Bürobereich und Kaminzimmer im Erdgeschoß, Schlafzimmer, Gästezimmer und 2 Bäder im ersten Stock.Nachdem ich mich in einem Gästezimmer eingerichtet hatte, trafen wir uns im Kaminzimmer.„Hast Du Lust, noch etwas zu trinken? Zwei Straßen weiter ist eine nette Bar mit netten Leuten. Allerdings fast nur Männer!“, Jan-Peter hatte den Kopf etwas zum Boden gesenkt, schaute mich aber jetzt kurz und verlegen an.
„Oh – du meinst eine Schwulenbar?“; platzte es aus mir heraus.
Jan-Peter wurde etwas rot und hielt den Kopf gesenkt.
„Hey, ich habe nichts gegen Schwule – Entschuldigung, gegen Homosexuelle“, ich merkte, dass ich da bei Jan-Peter grade in ein Fettnäpfchen getreten war. „Ehrlich nicht! Jeder sollte so leben, wie er fühlt und denkt und wie er möchte. Ich stehe auf Frauen – aber ich respektiere und akzeptiere genauso Männer, die halt Männer lieben!“, ich versuchte, mich zu erklären, „aber für heute sollten wir doch hier bleiben. Es ist schon ziemlich spät und ich kaputt vom langen Tag.“
Jan-Peter nickte. Er ging zum Barschrank, holte ein Flasche Bulleit Bourbon Whisky heraus, stellte zwei Gläser hin und schenkte uns ziemlich kräftig ein. „OK, dann Prost – vielleicht können wir in den nächsten Tagen ja mal ’rübergehen.“, mein schwedischer Geschäftspartner hob sein Glas und kippte sich den Triple-Whisky mit einem Zug runter.
Ich hatte mich in das große, bequeme Sofa gesetzt und nippte auch an meinem Whisky. Jan-Peter war sichtlich nervös, erzählte über belanglose Sachen, vom Kauf und der Einrichtung seines Hauses, schüttete uns immer wieder ein und setzte sich immer wieder für einen Moment kurz neben mich. Dabei berührte sein Bein wie zufällig meins – und beim Aufstehen stützte er sich kurz auf mein Knie. Nach einiger Zeit und einer fast leeren Whiskyflasche war seine Aussprache dann nicht mehr so klar: „uu dann hab ich gedacht, jezz ist das Leben wirklich suuper – unn dann verläst mich Frederik ganz plö...“. Hier kam auch Jan-Peter ganz plötzlich ins Stocken!„Ja,“, ich nickte, „ich hab jetzt verstanden“.
Jan-Peter schaute ziemlich panisch.„Aber das ist doch OK für mich!“, ich bemühte mich, den jetzt wirklich hektisch atmenden Schweden zu beruhigen, „wir sollten vielleicht morgen in aller Ruhe über das Thema sprechen. Es ist verdammt spät, ich bin müde, der Whisky ist leer und die Messe fängt früh morgens an!“
Jan-Peter nickte, starrte mich an, trank seinen Whisky aus, drehte sich ohne ein Wort um und schwankte aus dem Raum. Ich ging hoch ins Gästezimmer, legte mich ins Bett und grübelte noch kurz über das Geschehene. Aber auch bei mir wirkte der Whisky und so schlief ich nach kurzer Zeit ein.
Irgendetwas weckte mich einige Zeit später. Ich weiß nicht, ob es ein Geräusch oder nur ein Gefühl war. Ich drehte mich im Bett um – und sah im Vollmondlicht eine nackte Gestalt vor meinem Bett. Nackt, männlich – und ziemlich erregt, wie man selbst im Mondlicht sehen konnte. Brüllend fuhr ich auf, griff zum Lichtschalter, fluchte und schrie auf Deutsch und deutete zur Tür. Jan-Peter, jetzt nicht mehr so ganz erreget, hob die Hände zu einer fragenden Geste und ging rückwärts auf die offene Tür zu. Ich brüllte noch immer, sprang aus dem Bett auf Jan-Peter zu und stieß ihn aus dem Zimmer. Das Knallen der von mir zugeschlagenen Tür und das Klatschen des nackten Körpers auf die Fliesen kamen zeitgleich. So rasch ich konnte, zog ich mich an, stopfte meine Anzüge und gebügelten Hemden in den Koffer, raffte meinen Aktenkoffer mit dem Computer und Unterlagen zusammen und verlies fluchtartig das Haus.
Nach einigen hundert Metern lies ich mich auf eine Bank an einer Bushaltestelle fallen. Ich zitterte noch immer vor Wut und Aufregung am ganzen Körper. Tief durchatmend überlegte ich, was ich tun konnte. Ich wusste nicht, wo ich in Stockholm war, hatte keine Kronen in der Tasche, kein Zimmer, kein...‚Jetzt beruhige dich – und überleg’, so langsam spielte mein Geist wieder mit. ‚Smartphone raus und auf iMaps schaun, wo du bist’.
Natürlich hatte ich am Abend schnapsbedudelt vergessen, das Gerät zu laden. Jetzt hatte ich noch 7% Akkuladung. So prägte ich mir die Richtung zum nächsten größeren Hotel ein und machte mich mit Aktenkoffer rechts und Trolly links auf den Weg.
Nach etwa 20 Minuten kam ich an eine größere Straße, wo auch mehr Verkehr war. Auf mein Winken hielt jedoch keins der vorbeifahrenden Taxis, so schaute ich wieder auf’s Smatphone nach der Richtung – noch 4% Akku!!So lief ich durch die Stockholmer Nacht, die Koffer wurden irgendwie immer schwerer und ein Ende war nicht abzusehen. Mein Smartphone hatte inzwischen den Geist aufgegeben, bis ich um etwa 4:00 Uhr in der Nacht das Merkur-Hotel entdeckte. In der Hotellobby gab’s einen Geldautomaten und der Nachtportier gab mir eine Cola und rief ein Taxi zum Flughafen, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Selbst sein Blick war ziemlich neutral.
Am Flughafen bekam ich tatsächlich noch einen Flug nach Düsseldorf, über den Preis für das Ticket möchte ich lieber nicht sprechen.
Ein paar Tage später brachte der Paketdienst die Steuerung aus Schweden zurück – unfrei, Fracht zahlt Empfänger.
Na, ja.Ach, übrigens, von Jan-Peter habe ich nie wieder etwas gehört.
©  Dilettant


Citybummel - er wollte doch zum Harley Händler

„Moin, na – wie war das Wochenende?“
Thomas stand mit dem Rücken zu mir an der Kaffeemaschine. Mit der Tasse in der Hand drehte er sich um, und ich sah in etwas betrübte Dackelaugen: „Ging so ..“

Denn ….…. am Samstagmorgen saß Thomas gemütlich am Frühstückstisch, als Ulrike von der Zeitung aufblickte und fragte: „Sag‘ mal, wolltest du nicht das ‚Dings‘ für dein Motorrad abholen?“ Thomas schaute seine Frau mit leicht zur Seite geneigten Kopf an: „Ja, aber …“ Er hatte sich vor ein paar Monaten eine Harley geleistet und wollte seine Maschine mit einem ‚Screaming Eagle‘-Luftfilter aufpeppen.„Na, ja“, sagte Ulrike, „du könntest mich gleich zum Mittag zu dem netten Portugiesen in der Innenstadt einladen. Der Mopedhändler hat doch sicher bis 16:00 Uhr auf!?“
„Oh, guter Vorschlag. Jetzt ist es 8:30 Uhr, dann haben wir ja noch etwas Zeit.“
„Ähh – können wir vorher nicht noch ganz kurz in die Fußgängerzone?“, Ulrike blickte ganz unschuldig.
„Ja, ok, dann aber los – die Parkhäuser sind um 10 Uhr meistens schon voll!“
Ulrike sprang auf und spurtete ins Obergeschoss: „Zieh‘ mich nur kurz für die Stadt um.“
Thomas räumte den Tisch ab, spülte das Geschirr, brachte den Müll raus ...
Kurz nach 9:00 kam Ulrike im stylischen Outfit die Treppe herunter. Sie musterte Thomas streng: „Hey, willst du dich nicht umziehen???“
„Wie jetzt, wir holen den Luftfilter für die Harley. Ich behalt auf jeden Fall meine Destroyed Jeans an und nehm‘ die Lederweste!“, darüber war mit Thomas nicht zu diskutieren.
Ulrike seufzte: „Mensch, Thomas!!! Ich kann doch nicht mit meinem Outfit neben dir …“
Thomas zuckte die Schulter und drehte sich zur Tür.
„Okay, okay, okay – gib‘ mir nur eine Minute, dann zieh ich mir auch schnell was Sportliches an!“ Ulrike hastete schon die Treppe hinauf und konnte somit nicht sehen, wie sich bei Thomas die Mundwinkel etwas nach oben bewegten.
Etwa eine viertel Stunde später sauste Ulrike, nur mit einem Slip bekleidet, an Thomas vorbei in den Keller und kam kurze Zeit später mit einem hellblauen Push-Up-BH in der Hand wieder an ihm vorbei.
„Was????“, staunte Thomas mit offenem Mund.
„Ja, ich kann doch nicht mit weißem Spitzen-BH unter einem Jean-Hemd rumlaufen“, drehte sich Ulrike empört auf der Treppe um.
Zwanzig Minuten und gefühlten 5 Zigaretten später kam Ulrike die Treppe herunter, trug eine sportliche Hose, ein Jeanshemd und ein Lederblouson: „So, jetzt bloß noch die Schuhe.“
„OK, ich hol‘ schnell das Auto, fahr‘ tanken und wasch ...“
„THOMAS !!!“

Als sie in der Stadt ankamen, war es kurz vor 11 – alle Parkhäuser waren voll. So reihte sich Thomas in eine lange Schlange vor dem Parkplatz in der Innenstadt.
Ulrike sprang aus dem Auto: „Hey, wir treffen uns bei Lizzy’s, du weißt, direkt am Dom!“
Thomas seufzte: „Gut, bis nachher“, konnte aber eine gewisse Freude aber nicht verbergen, da er so den Boutiquen wohl zum Großteil entgehen würde.
Gegen 11:30 hatte der den Wagen geparkt und schlenderte Richtung Innenstadt, um direkt auf Ulrike zu treffen „Boh, gut das du da bist, dann kann ich dir ein totschickes Kleid hier bei S&Z zeigen. Bis Lizzy’s bin ich gar nicht gekommen.“
…. nach etwa einer dreiviertel Stunde und etlichen Anproben mit den Kommentaren: „Na, ja“, „Geht so“ oder „Ooch, ich weiß nicht“ von Thomas, schien Ulrike etwas genervt zu sein. Sie schmiss das zuletzt probierte Kleid über die Stange und zog Thomas aus der dritten Boutique: „Komm, wir gehen erst was essen!“
Thomas grinste in sich hinein.Sie machten sich auf den Weg zum Portugiesen und kamen am Schaufenster von Lizzy’s vorbei. „Mensch, Thomas! Ist das nicht ein geiler Hosenanzug im Fenster???“
Unwillig schaute er in die Auslage und war sichtlich beeindruckt: „Ja, tatsächlich! Der gefällt mir auch auf Anhieb! Nach dem Essen kannst du ja ….“ Weiter kam er nicht, denn Ulrike hatte schon Lizzy’s geentert. Seufzend schlurfte er hinter ihr her. Das konnte dauern! Ulrike probierte den Hosenanzug und stand nach 3 Minuten vor Thomas: „Na???“
Wie hatte sie das in 3 Minuten geschafft? Zu Hause  - man denke nur an den Morgen – ach egal!
„Sieht wirklich Spitze aus – ist nur etwas zu groß? Oder?“ Thomas war doch etwas skeptisch.„Ja“, erwiderte Ulrike, „sonst passt 38 eigentlich – fällt wohl etwas groß aus. Kannst du mal nach 36 schau’n?“
Inzwischen war auch eine Verkäuferin gekommen: „Es tut mir leid, aber in der Größe 36 ist der Anzug nicht mehr da. Nur noch im Fenster und der ist leider hinten an der Jacke eingerissen.“
„Ok, verstehe, aber kann ich den Anzug nicht probieren? Wenn er passt, bestellen sie mir einen Neuen?“„Nein – das geht nicht! Samstags holen wir nichts aus dem Fenster!“
Thomas konnte sehen, wie Ulrikes Unterlippe etwas anfing zu flattern. Er trat einen kleinen Schritt zurück und betrachtete mit großem Interesse die ausgelegten Damenhandschuhe. „WIE?? AN EINEM SAMSTAG ----- KANN ICH BITTE DEN GESCHÄFTSFÜHRER …“, Ulrike wurde ein klein wenig lauter.
Die Verkäuferin drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Büro.
Thomas trat wieder nah zu Ulrike, nahm sie in den Arm und sagte: „Reg‘ dich nicht auf, kommen wir halt Montag noch mal her …“
„Das werden wir ja seh’n!“, Ulrike war jetzt im Kampfmodus.
Einige Minuten später kam die Verkäuferin mit einer Gouvernante zurück, die – wie sich herausstellte – Lizzy, die Inhaberin war. „Wie kann ich helfen??“, mit einem Lächeln, das einem das Blut gefrieren lies, sprach sie Ulrike an, stutzte kurz und musterte dann Thomas. „Zerriss’ne Jeans – Ledeweste – unrasiert – was macht das Wesen in meinem Geschäft?!“, schien sie zu denken.„Äah“, Ulrike schien jetzt etwas verunsichert zu sein. „Ich würde gern den Hosenanzug aus d..“
„Ich weiß. Das hat mir meine Angestellte bereits mitgeteilt und ihnen auch gesagt, dass wir samstags die Dekoration nicht ausräumen! Außerdem ist diese Herbstkollektion limitiert. Eine Nachbestellung ist nicht möglich. Sie können aber sicher das etwas zu große Model ändern lassen!“ Damit schaute sie Ulrike noch einmal streng an, drehte den Kopf, scannte Thomas mit Verachtung und drehte sich um. „Guten Tag!“  Danach verschwand sie steif (und Thomas ist sich immer noch nicht sicher, ob sie die Füße wirklich bewegte oder über den Boden surfte).
Ulrike drehte sich ebenfalls um und verschwand mit mehreren nicht druckreifen Schimpfworten auf den Lippen in der Umkleide.
Ach, ich sollte noch erwähnen, dass es nichts mehr wurde mit dem netten Mittagessen beim Portugiesen – und zum Harley Händler bin ich auch nicht mehr gekommen.(Ääh, ich meine Thomas ist nicht mehr zum Harley Händler - - - ach, ihr wisst schon ☺ )
© Dilettant


Navi

Dienstag Morgen – 4:45
Der Wecker hatte mich schon vor einer Stunde aus dem Bett geworfen. Jetzt hatte ich grad’ den Koffer und meine Aktenmappe ins Auto geschmissen und mich mit einem langen süßen Kuss von Angie verabschiedet (die Dackel hatten den frühen Lärm mit Missachtung und demonstrativem Schnarchen kommentiert).Den Becher dampfenden Kaffee in der Hand und ab ins Auto. Auf nach Düsseldorf – in zweieinhalb Stunden ging mein Flug nach Mailand.
Landung Milano Malpensa – jetzt schnell den Leihwagen.Zusatzversicherung? Nein!Upgrade? Nein!Navi? Nein, hab’ mein eigenes dabei!!
Heut’ Nachmittag noch einem Termin mit Roberto in Milano, am Mittwoch zwei Termine in Robassomero (bei Turin), Donnerstag in Bologna, Freitag Morgen noch kurz in Brendola vorbei schau’n und dann ab nach Hause.So gut – so geplant.Mein Flug nach Hause am Freitag ging um 17:40.Mario, mein Geschäftspartner in Brendola war gut drauf wie immer..„Hey Alan, lass uns gleich noch einen Bissen essen ....“Mario wollte also noch unbedingt (auf meine Kosten) mit mir am Freitag zum Mittag essen, ok.Gegen 11:45 waren wir im Restaurant – und italienischen Gepflogenheiten zu Folge dauerte es schon seine Zeit, bis Primero, Secundo, Wein, Kaffee und der bei Mario übliche Grappa serviert waren. Ich zahlte die Rechnung (zum Glück mit der Firmen Kreditkarte) und verabschiedete mich so rasch wie möglich von Mario.Es war fast 2:00 Uhr – zum Flugplatz braucht’s eigentlich 1:30 bis 1:45 Stunden.  Doch es war Freitag. Und so sah’s auch aus. Die Autobahn war voll .....Das Navi  überschlug sich mit alternativen Routen, um den verschiedenen Staus zu entgehen. Ich wurde nervös, nervöser, noch nervöser ....Mailand Malpensa ... der Flughafen schien nicht mehr erreichbar...
16:55 – Ankunft!Noch 45 Minuten – Auto abgeben, Einchecken, ab nach Hause!Möglich???Versuchen!!!Navi aus dem Auto gerissen, in den Aktentrolly und im Laufschritt zum Einchecken.„... Sie sind aber spät – müsste aber noch klappen ...“Puh, eingecheckt bin ich, jetzt über die Fast-Lane durch die Security ...Hab’ ich das Navi eigentlich ausgeschaltet???Keine Ahnung!Egal!!Last Call for .... ja, ja, ich beeil mich ja ....Ich lass mich einfach nur in den Sitz fallen – den Aktentrolly hab’ ich noch in die Ablage gekriegt. Die Treibwerke heulen bereits ... Augen zu und ab nach Düsseldorf!
„Meine Damen und Herren, willkommen in Düsseldorf .......“Mein Gott, ich hab’ tatsächlich den ganzen Flug verschlafen. Na ja, was soll’s... Der Airbus rollt in seine Parkposition und die Triebwerke werden ausgeschaltet.Alle machen sich bereit, stehen auf, öffnen die Gepäckfächer - - - - und aus meinem Trolly kommt die Stimme meines Navis:„Wenn möglich, bitte wenden“..........
***EitelkeitEine kurze Kurzgeschichtevon Dilettant
„Ach, du bist ja immer noch mein Hübscher!“Wie durch Watte drangen diese Worte in meinen Schlaf und ein Lächeln kam auf meine Lippen.
„ … mein kleiner Gentleman …. “Jetzt war ich wach, hielt die Augen aber geschlossen und atmete ruhig weiter.
„ … und eigentlich immer sooo lieb … “Na ja, aber mit dir hab‘ ich schon mein Glück gefunden, meine Hübsche, ging es mir durch den Kopf.
„ … auch wenn du schon ganz schön grau geworden bist … “Tja, die Zeit bleibt halt nicht stehen! Aber ich könnte mir noch stundenlang deine netten Worte anhören!
„ … nur hinten am Kopf werden die Haare schon sichtlich dünner … “Also, bitte! So schlimm ist das doch wohl nicht!
„Wenn du nur nicht immer so’n Dreck machen würdest … “Meine Augen gingen schlagartig auf, ich setzte mich im Bett hoch und drehte mich zur Seite.
„ … und sabber nicht immer so, wenn ich dich streichele!“Angie lag neben mir, zur Bettkante gedreht, eine Hand aus dem Bett - - - - und streichelte unseren Dackel, der sich ins Schlafzimmer geschlichen hatte ……


Paris - danach

Der Anruf kam morgens um kurz nach halb 8.‚Papa, geht’s euch gut?’
Verschlafen richtete ich mich etwas auf und runzelte die Stirn. ‚Ja klar, warum?’
‚Ja, habt ihr denn nichts mitgekriegt..’, Christian am anderen Ende klang besorgt und erstaunt zugleich.‚Was ist denn los?’, jetzt wurde ich wach und auch meine Frau blickte mich fragend an.‚Habt ihr denn von den Terroranschlägen nicht mitbekommen??’‚
TERRORANSCHLÄGEN??’
Wir hatten uns ein langes Wochenende in Paris gegönnt. Freitagmorgen waren wir von Düsseldorf nach Paris geflogen und zur Mittagszeit in dem kleinen Hotel in der Nähe des Gare du Nord angekommen. Den Nachmittag hatten wir mit einem langen Spaziergang zum Montmartre verbracht, uns in einer kleinen Brasserie einen Snack und – endlich – ein schönes Glas französischen Rotwein gegönnt. Wir saßen draußen an der Promenade, genossen die Sonne und beobachteten Touristen und Künstler. Straßenmaler fertigten Porträts, gegenüber auf dem Place du Tertre boten andere Künstler ihre Werke an. Hier konnte man die Seele baumeln lassen .....
Am Spätnachmittag schlenderten wir zurück zum Hotel. Die Straßen laut und hektisch, Menschen aller Hautfarben auf den Gehsteigen, Auto an Auto auf den Fahrbahnen, immer hupend unterwegs.Vorbei an Marktständen voller Lebensmittel. Fisch, Meeresfrüchte, Obst, Gemüse, Käse, Fleisch – alles was der Pariser frisch für’s Wochenende braucht. Wir genossen diese Atmosphäre, ließen uns treiben, bis wir wieder am Hotel waren.
Hier beschlossen wir nach einer Dusche, entgegen den französischen Gepflogenheiten, erst spät zum Abendessen zu gehen, schon um 18:30 unser Glück zu versuchen. Der Hunger nach einem langen Tag bestimmte, was wir zu tun hatten.
Einige hundert Meter von unserem Hotel fanden wir ein nettes Restaurant, das bereits geöffnet hatte. Wir bestellten einen Kir und studierten dann in Ruhe die Abendkarte.Nach einem wirklich guten Abendessen und einem Calvados zum Abschluss verließen wir gut gelaunt das Restaurant. Jetzt war es fast 21:00 Uhr und wir wollten in der Nähe des Hotels in einer Bar das Länderspiel Frankreich-Deutschland schauen.
Ich hatte schon beim Einchecken am Mittag eine nette Brasserie gegenüber gesehen, die wir jetzt ansteuerten. Leider war die Bar so voll, dass wir keinen Platz mehr bekamen. So versuchten wir es 3 Häuser weiter – und mussten feststellen, das wir die einzigen Gäste waren und der Wirt, ein ehemaliger Boxer, keine Lust auf Fußball hatte. Etwas frustriert kehrten wir ins Hotel zurück, besorgten uns noch einen Wein und schalteten den Fernseher auf dem Zimmer an.Kurz vor Ende der ersten Halbzeit fing es an. Sirenen – Polizei und Rettungswagen waren auf den Straßen zu hören. Keine Meldungen im Fernsehen und das Länderspiel lief weiter ....Im Lauf der zweiten Halbzeit schaltete ich frustriert den Fernseher aus. Trotz – oder gerade weil die Sirenen noch immer heulten, gönnten wir uns noch einen Rotwein, schlossen das Fenster und beschlossen, den Abend zu beschließen.
Nach ca. 2:00 hörten die Sirenen endlich auf – die Nacht wurde ruhig und auch draußen auf der Hauptstraße hatte Paris ein Einsehen mit uns.
So schlummerten wir in den neuen Tag - - - - bis das Handy klingelte: ‚Papa, geht’s euch gut?’
Erst jetzt, noch halb im Schlaf, fiel uns auf, dass die Straßen leer waren!Kaum Fußgänger, kaum Autos – gestern Abend noch wabberndes Leben, Straßen voll und verstopft direkt vorm Hotel. Jetzt - - fast nichts.
Gespenstisch!
Nachdem wir den Anruf von Christian – und 10 Minuten später von Sven, der sich auch sorge, wirklich realisiert hatten, schauten wir besorgt und ungläubig aus dem Fenster. Das war nicht mehr das Paris, das wir kannten. So gespenstig gelähmt ...Als wir uns wieder eigermaßen gefasst hatten, informierten wir uns übers Internet und sahen das Grauen. Unfassbar – aber wohl vor unserer Tür passiert. Und wir hatten nichts mitbekommen – wir waren nicht betroffen – wir hatten Glück! Keine 800 Meter von unserem Hotel hatte ein Anschlag stattgefunden!
Wir hatten’s verschlafen – aber überlebt!!
Was jetzt??Es war Samstag, unser Rückflug für Montag gebucht.
Doch wie an einem Ort Urlaub verbringen, der zum Grauen geworden war. Wo fröhliche, unschuldige Menschen gestorben waren, weil Irre sich anmaßen, in Namen einer Religion Untaten zu verüben, die der Prophet niemals billigen würde.
Unser Gedanke war – weg!! Weg hier, wo so viel Unrecht, Greul und Schrecken verbreitet wurde. Wo kein Gott da war, der die Hand über all die Menschen gehalten hat.Wo man lange nicht mehr lachen kann, ohne an all die zu denken, die ihr Leben lassen mussten oder nun mit zwischen Leben und Tod liegen.
Paris ist nicht mehr Paris – auch wenn wir diesen kranken Terroristen keinen Triumph lassen werden!
Paris wird sich erholen – aber unsere Gedanken werden immer bei allen bleiben, die an diesem Tag gestorben, noch mit ihrem Leben ringen oder betroffen sind!Wir entschieden uns, die Stadt der Liebe zu verlassen, so schnell es irgend möglich ist.Gegen 10 Uhr am Vormittag ging ich auf die fast leere Straße vor dem Hotel.
Kaum jemand, der mit mir zusammen zur Metro unterwegs war.
Am Vorabend waren die Straßen voll, überall auch Gruppen mit Menschen arabischen Aussehens. Jetzt sah man keinen mehr ... Ich wusste auch nicht, ob die Metro überhaupt fährt – und wenn, welche Linien zu welchen Zielen überhaupt ...Zum Glück fuhr die Metro in Richtung Gare du Nord. Dort angekommen, fand ich mehr Militär und Polizei als Reisende vor. Am Ticket-Counter wurde ich kontrolliert und nicht wie einige Menschen mit anderer Hautfarbe abgewiesen.Wir hatten Glück und bekamen noch 2 Tickets mit dem Thalys nach Düsseldorf – 2 Tickets für 360,00 Euro.OK – aber wir konnten Paris um 12:00 Uhr verlassen!
Zurück im Hotel fand ich Angie ganz aufgelöst vor. ‚Das machst du nicht noch mal! Du lässt mich nicht einfach wieder allein!’ Sie war ärgerlich, ängstlich und doch glücklich, dass ich wieder da war. Auf Grund der Situation wusste meine Angie nicht, ob mit alles in Ordnung war und es keine Probleme auf dem Weg zum und vom Bahnhof gab. Ich nahm meine Angie in den Arm – und wir waren ganz nah.
Eine halbe Stunde später waren wir auf dem Weg zum Bahnhof. Alles ohne Probleme.
Auf dem Bahnhof wieder dieses mulmige Gefühl – alle Menschen mit scheuen, unsicheren Blicken, überall Polizei, Militär, Waffen, Waffen, ...
Endlich konnten wir einsteigen. Auf unseren Plätzen angekommen, dachte ich, das jetzt alle Anspannung abfallen kann:
‚Schau mal da, am Gleis nebenan!!!!’ Angie war zwischen Aufregung und Panik: am Nebengleis waren etwa 10 Polizisten. Die umringten einen Mann, legten ihm Handschellen an und drückten ihn auf den Bahnsteig ....
Der Zug fuhr an, und wir verließen Paris! Bye – bye, hoffentlich sehen wir uns unter anderen Umständen wieder.Paris, wir lieben dich!
Paris, das was passiert ist, bist nicht du!
Paris – du bist Paris!!!
Nach einigen Stunden erreichten wir endlich Düsseldorf, fuhren nach einigen Irrungen weiter zum Flughafen und von dort mit dem Auto nach Hause.
Ein seltsamer Abend – wir saßen zusammen, waren aber doch allein mit unseren Gedanken. Uns war nichts passiert, wir waren zu hause!Später im Bett nahm ich meine Angie ganz fest in den Arm. Sie kuschelte sich an mich und wir verstanden ohne Worte, dass wir uns noch mehr gefunden hatten.
Doch Paris wird wieder Paris werden – und Paris bleibt unsere Stadt!
© Dilettant


Chaostage

Wer kennt sie nicht: die Tage, an denen man gar nicht erst aufstehen sollte? Jüngst hatte auch ich meinen ganz persönlichen Chaostag.
Alles fing damit an, dass ich vom Gebell der Hunde aufwachte. Offensichtlich mussten beide schnell einmal in den Garten. Schlaftrunken öffnete ich ihnen die Terrassentür und war schlagartig wach, denn im Körbchen des Dackelmädchens lagen meine Lieblingsschuhe. Das ungeratene Tier hatte doch nicht etwa …Doch es hatte.
Dem linken Schuh fehlte die Hacke fast vollständig. Ich seufzte und nahm vorsichtshalber eine Kopfschmerztablette. Sicher ist sicher. Da ich schon einmal wach war, konnte ich auch gleich mit der Morgentoilette beginnen. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich, dass sich auf der Zahnbürste die sündhaft teure Anti-Faltencreme meiner Liebsten befand. Verflixt, ich sollte wirklich die Brille aufsetzen!
Doch was mir dann widerfuhr war einmalig; denn erst als ich unter der wohlig warmen Dusche stand, fiel mir auf, dass ich immer noch meine Unterhose trug.
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Künstliche Intelligenz

Die Benzinanzeige signalisierte, dass ich mich jetzt sofort entscheiden müsse: entweder tanken oder schieben. Da ich ja nicht so der sportliche Typ bin, steuerte ich die nächste Tanke an.
Moderne Tankstelle, 10 Zapfsäulen, hell beleuchtet, Werbung für den Kaffee zwischendurch …
Als ich, nachdem mir noch etwas Diesel vom Schuh tropfte (bin nicht immer so geschickt), in den Kassenraum kam und mich durch Kaugummi, Schokoriegel und Zeitschriften an die Kasse vorgearbeitet hatte, musste ich kurz warten. Ein junger Mann war vor mir, wurde aber noch nicht bedient, weil die Kassiererin mit dem Typen hinter der Kaffeetheke flirtete.„Ähm …“ „Bin schon für Sie da“, flötete die Kassiererin, „macht 35,- Euro. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“
„Mit Karte!“, der junge Mann zeigte stolz seine neue Kreditkarte mit dem Aufdruck der Tankstellenkette, „damit gibt’s 3% Rabatt auf jede Tankfüllung.“
Es dauerte noch einen Moment, bis der Kassiervorgang abgeschlossen war. Der junge Mann trat zur Seite und hielt weiter seine neue Kreditkarte hoch.
Während die Kassiererin jetzt anfing bei mir zu kassieren, hatte der junge Mann sich an den (Kaffee)barmann gewendet. „Jedes Mal jetzt 3% sparen“, wedelte er seine Karte.
„Cool“, der Barmann war wohl nicht so gesprächig.
„Tja, 3% auf 35,- Euro! Wie viel ist’n das jetzt?“, der junge Mann grübelte laut.„Weiß ich nicht“, der Barmann runzelte die Stirn, und sah zur Kassiererin, „kannst Du das ausrechnen?“
„ Nee, kann ich auch nicht“, seufzte sie mit einem kessen Augenaufschlag zum Barmann. „Ich glaub‘, dass kann hier keiner rechnen ….“, der Barmann gab’s auf.  „Ham‘ sie denn kein Handy dabei? Sie könnten doch ..“, hatte die Kassiererin einen guten Einfall.
„Ne, liegt im Auto“, der junge Mann klang jetzt schon verzweifelt …
„1 Euro 5“  - - ich konnte mich nicht zurückhalten.
Schweigen.
Ich bemerkte, dass sich alle Augen auf mich richteten …
Schweigen.
Ich nahm hastig meine Quittung, murmelte „Tschüs“ und verlies mit schnellen Schritten das Kassengebäude.
In den nächsten Tagen werde ich verstärkt auf Litfaßsäulen,   Schwarze Bretter und sonstige Aushänge achten. Wahrscheinlich hat das Tankstellenteam mein Foto aus dem Überwachungsvideo kopiert und große Anzeigen gedruckt:„Wer kennt dieses Individuum? Er ist ein Hexer – verbrennt ihn!!!!“
© Dilettant




Befehl ist Befehl
Eines Morgens lag sie neben ihm, als wäre sie vom Himmel gefallen. Sie sah ihn, sprang auf und schrie aus Leibeskräften. Er kratzte sich verwundert den Kopf, denn bis dato war er das einzige aufrecht gehende Lebewesen gewesen. Er stellte eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen ihr und ihm fest, aber es gab auch Abweichungen von der Norm. Während seine Brust hart war und flach, verunzierten zwei komische Kugeln ihren Oberkörper. Ihre Sitzfläche wirkte weich und definitiv zu rund. So, als habe sie eine Gewebeschwäche. Er musterte sie noch einmal kritisch und schüttelte ungläubig den Kopf. Dort, wo bei ihm die getrunkene Flüssigkeit durch eine Art Rohr wieder austrat hatte sie – nichts. Bei genauerem Hinsehen allerdings bemerkte er unten eine Vertiefung. Vielleicht war das eine Art Ablaufrinne. Eins war klar, ihr Entwickler musste einen rabenschwarzen Tag gehabt haben.
Sie hatte aufgehört zu schreien und fixierte ihn interessiert. „Du bist ziemlich hässlich“, stellte sie fest. „Egal, du bist der einzige Zweibeiner hier, glaube ich. Du kannst mich Eva nennen.“
Ein paar Tage waren vergangen. Er hatte sich damit abgefunden, dass diese andersartige Eva ihm nun ständig Gesellschaft leistete. Doch noch immer konnte er sich mit ihrem seltsamen Gehabe nicht abfinden. Stundenlang saß sie am Teich, der sich in der Nähe der Behausung befand, starre auf die ruhige Wasserfläche und ordnete ihr Haar. Dabei schnitt sie Grimassen, war aber wenigstens ruhig. Manchmal steckte sie sich Blüten ins Haar, spitzte den Mund und schien sich sehr schön zu finden. Dann färbte sie sich die Lippen mithilfe einer Pflanze rot. Besonders störte ihn, dass Eva ständig redete und ihm immerzu erklärte, was er zu tun und zu lassen hatte. Regierte er nicht, so erhob sie die Stimme und die Lautstärke ihres Geschreis wurde unerträglich. Ließ er dies über sich ergehen, ohne sich um ihre Reglementierungen zu kümmern, lief ihr eine Flüssigkeit aus den Augen und aus ihrem Mund kam ein Nerv tötendes Gejammer.
Heute versuchte sie ihm einzureden, dass er sich gefälligst zum Wasserlassen hinsetzen solle, was er kategorisch ablehnte. Wieder schrie sie los und wurde immer lauter.
„Verflixt noch mal, jetzt ist aber Ruhe hier“, ertönte plötzlich eine ebenso laute Stimme.
Eva schwieg verdutzt, angenehme Stille breitete sich aus. Der unsichtbare Sprecher fuhr deutlich leiser fort. „Jetzt seid ihr zu zweit, das ist gut. Hört zu: Erstens dürft ihr nicht vom Baum der Erkenntnis essen, das ist verboten, und zweitens seid fruchtbar und mehret euch.“ Anschließend war Stille.
Die Angesprochenen schauten sich ratlos um, doch es war weiterhin niemand zu sehen. „Was soll das jetzt? Wie geht das: Mehren? “, fragte Eva.
Er zuckte hilflos mit den Schultern.„Das sind ja Informationen. Wer soll damit etwas anfangen?“ Die Schlange lag auf einem Ast und schaute die beiden aus großen, glänzenden Augen an. „Ich gebe euch einen Tipp: Es ist ganz einfach. Das Runde muss ins Eckige – Stopp, das ist eine andere Geschichte und kommt erst viel später. Also, Freunde, das Längliche unten muss ins Schmale, auch unten rum.“
Er schaute an sich herunter.  Das Längliche, das Schmale, unten? Ob sein kleines Rohr in ihre Ablaufrinne sollte? Diese Variante erschien ihm nicht machbar, denn ihre Rinne war ziemlich klein, fast unsichtbar und sein Rohr extrem biegsam. „Sollen wir das ausprobieren?“, fragte er trotzdem vorsichtig."
„Hier wird gar nichts ausprobiert. Wage es und du wirst es dein Leben lang bereuen!“, schrie Eva mit voller Lautstärke und schaute ihn alarmiert an.
Die Schlange, die vor Schreck vom Baum gefallen war, versuchte sich in praktischer Aufklärung: „ Also, Kinder, schaut doch mal auf eure körperlichen Unterschiede. Ihr müsst euch eurer Körperlichkeit bewusst werden und dann Gefühle für einander entwickeln. Dann kriegt dein Rohr eine gewisse Festigkeit“, sie nickte ihm zu und fuhr in Richtung Eva fort: „Und deine Rinne erweitert sich. Das geht quasi alles von allein.“

In der Folgezeit mühten sich Eva und ihr Begleiter redlich ab, doch es gelang einfach nicht fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Beide fürchteten, dass der Unsichtbare sie kurz über lang wegen Befehlsverweigerung schwer bestrafen würde. In ihrer Not wandten sie sich an die verständnisvolle Schlange, die sie nach einigem Überlegen zum verbotenen Baum brachte. „Seht ihr die leckeren Äpfel? Ihr müsst einfach einen pflücken und kräftig reinbeißen.“
Er trat einen Schritt zurück: „Das hat der Unsichtbare uns explizit verboten!“
„Blödsinn, der hat so viel zu tun, der merkt das gar nicht. Glaubt mir, ihr werdet euch hinterher herrlich erotisch fühlen.“
„Und wenn er doch was merkt?“, mischte Eva sich ein.
„Seid doch nicht dumm. Wie sollt ihr euch mehren, wenn das Längliche nicht ...“
Dieses Argument leuchtete den beiden ein, sie griffen gleichzeitig nach einem Apfel, wobei Eva einen Touch schneller war. Lächelnd biss sie ein Stück ab und reichte ihm den Apfel. Anschließend setzten sich beide unter den Baum und warteten auf die Erkenntnis. 
Plötzlich sprang Eva auf. „Wir haben ja nichts an!“, schrie sie in altbekannter Manier, riss einen dicht belaubten Zweig ab und versuchte sich damit zu bedecken, was nur unzulänglich gelang.„Stimmt“, stellte er fest und schaute Eva mit großen Augen an. Diese wunderbaren kugeligen Dinger, die ihren Brustkorb zierten gefielen ihm plötzlich über die Maßen gut. Auch der Hüftschwung und das runde Hinterteil fand er sehr anziehend. Selbst ihre Stimme empfand er als einfach prächtig.
Er begann zu schwitzen und schielte an sich herab, wo sich einiges tat. Auch Eva schaute ihn wohlwollend an. Er gefiel ihr. Komisch, dass ihr nicht schon vorher aufgefallen war, wie toll er aussah. Sie begann zu schwitzen und schielte ihrerseits an sich herab, konnte aber nicht genau sehen woher das wohlige Gefühl zwischen ihren Schenkeln kam. Aber das kümmerte sie nicht. Sie warf den schützenden Ast ins Unterholz.„Ich glaube wir sollten jetzt probieren, ob das Längliche ...“, murmelte er, bevor Eva ihn ins Gras warf und sich auf ihn setzte. Das Letzte was er hörte, bevor er alles um sich herum vergaß war ein leises Lachen.„Geht doch“, murmelte die Schlange gut gelaunt.
© Dilettant